Brücken verkörpern Funktionalität, Effizienz und Schönheit

Brücken sind der vielleicht eindrucksvollste und kühnste Triumph der Technik über Natur und Materie. Brücken sind Materie, die kühn aus dem Boden ragt und sich scheinbar der Schwerkraft sowie allfälligen anderen Kräften, wie sie sich aus Wind und geologischen Gegebenheiten ergeben, scheinbar widersetzt. Brücken sind zwar durch ihre Funktion bedingt reine Konstruktion, indem möglichst funktionell und rational ein Tal oder ein räumliches Hindernis überwunden wird.

Darüber hinaus sind Brücken aber auch herausragende Zeugen unserer menschlichen Zivilisation. Die Art und Weise, wie bereits die Römer Bogenbrücken bauten, dabei den Stein bis an die Grenzen beanspruchten und in Form brachten, ist auch heute noch ergreifend. Ohne die Fähigkeit der Römer, eine Infrastruktur zu schaffen, die ganzjährig befahrbar war, wäre das römische Weltreich wohl auch kaum denkbar gewesen.

Der Bau von Brücken bedingt nicht nur entsprechend hohe Fertigkeiten im Umgang mit der Tragstruktur, sondern ebenso mit dem Boden, der Landschaft und der Natur und schlussendlich mit dem Wasser, das reißerische Kräfte entwickelt, den Boden aufweicht, erodiert und mitträgt, Böschungen zum Einsturz bringt und dem Bauwerk die Tragfähigkeit entzieht.

Der britisch-schweizerische Philosoph Alain de Botton deklariert die Faszination für die Brücke durch die Fähigkeit, den Kräften zu widerstehen. Dazu wählt er die Worte: „Der Eindruck von Schönheit, den ein architektonisches Werk in uns hervorruft, verhält sich offenbar proportional zu der Intensität der Kräfte, denen es standzuhalten hat. Die emotionale Wirkung einer Brücke über einen angeschwollenen Fluss ist dort am stärksten, wo ihre Pfeiler dem bedrohlich emporsteigenden Wasser widerstehen“.

Bei aller technischen Funktionalität verkörpern Brücken immer auch eine Vorstellung von Ästhetik. Den rationalsten Entwurf gibt es auch im Bauingenieurwesen nicht. Natürlich ist es gerade im Brückenbau, wo die Spannweiten und die Kräfte erheblich sind, eine Notwendigkeit, die Form an den Kraftfluss anzupassen. Allerdings gibt es viele Kräfte, die verschiedene Formen bedingen würden. Der einfachste Entwurf bedeutet nicht immer die effizienteste Bauweise. Und die Kosten sind an und für sich nicht immer nur von Entwurf und Bauweise abhängig. Der US-amerikanische Bauingenieur David Billington bringt es in seinem herausragenden Werk „The Tower and the Bridge: The New Art of Structural Engineering“ auf den Punkt: Letztlich geht es immer um die bewusste Formensprache [2].

Einer, der es wissen muss, ist der Schweizer Bauingenieur Christian Menn, der als Pionier im Brückenbau gilt, und – im Sinne von Vitruv – für Tragfähigkeit, Nützlichkeit und Schönheit beim Bauen plädiert. Schönheit versteht Menn dabei keinesfalls als einen nur subjektiven Begriff: „Proportionen müssen stimmen, wenn es schön sein soll“ [3]. Schönheit beziehe sich auf die Proportionen und auf den Gesamteindruck. Das klassische Schönheitsideal dringt durch.

Grundsätzlich gibt es, wenn es darum geht, ein Tal zu überqueren, die verschiedenen technischen Möglichkeiten. Ob man die Brücke abhängt, auf einen Bogen stellt oder über Stützen ausführt, verändert nicht nur Kraftfluss und Bauweise entscheidend, sondern ebenso den Landschaftseindruck. Der eine Entwurf kann drückend und überladen wirken, ein anderer Entwurf – je nach morphologischen Gegebenheiten – dezent, einfach und schön. Letztlich sind Brücken nie Natur, sondern immer Baukultur und auch als solche – bestenfalls über Jahrhunderte hinweg – wahrzunehmen. Dass es für jeden Bauingenieur eine Herausforderung der Extraklasse ist, eine Brücke zu planen und auszuführen, erklärt sich von selbst.

Brückenbau Brücke Salurn Etsch Südtirol
Bogenbrücke bei Salurn in Südtirol

Literatur:

[1] Alain de Botton: „Glück und Architektur. Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein“, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008

[2] David Billington: „The Tower and the Bridge: The New Art of Structural Engineering“, Princeton University Press 1985

[3] Christian Menn: „Eine ist besonders gut“, TEC21, Zürich 2017

Bildnachweis: Tourismusverein Castelfeder

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