Landesgedenkfeier 1934: Zeit zur Reflexion

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Im Jahr 2034 stehen nicht nur 225 Jahre Tiroler Freiheitskampf an. 1934 jähren sich die unrühmlichen Ereignisse rund um den Landesfestumzug von 1934 zum 100. Mal. Es ist Zeit für eine Reflexion. Und 2034 Zeit für eine umfassende Aufarbeitung.

Der Austrofaschismus ist im Gesamttiroler Geschichtsbewusstsein eine der am wenigsten beachteten Epochen. Über die Hintergründe darf spekuliert werden. Es handelt sich jedoch um einen Zeitabschnitt, der lehrreich ist, weil es historisch viele Pfade der Verfehlung gab.

Südtirol war im Beziehungsgeflecht, bestehend aus faschistischem Italien, austrofaschistisch Österreich und nationalsozialistischem Deutschen Reich ein permanentes Problem.

Die 125-Jahr-Feier des Tiroler Freiheitskampfes 1934 in Innsbruck hatte explizit ohne Nennung Südtirols zu erfolgen. Der Austrofaschismus bemühte sich die „Befreiung Tirols“ gegen Bayern zu glorifizieren. Bayern galt als Symbol für das Deutsche Reich und stand damit stellvertrend für den politischen Gegner. Dass es gerade Bayern war, das sich nach der Annexion Südtirols durch Italien sowie im italienischen Faschismus stark für Südtirol einsetzte, durfte in diesem komplizierten Bezuehungsgeflecht keine Rolle spielen.

Stattdessen stand anlässlich des Landesfestumzuges der ermordete „Märtyrerkanzler“ Dollfuß im Mittelpunkt, der auf eine Ebene mit Andreas Hofer gestellt wurde. Beide, Engelbert Dollfuß und Andreas Hofer, seien für die Unabhängigkeit ihrer Heimat von den politischen Gegnern ermordet worden. Der Tiroler Bundeskanzler und Frontführer Schuschnigg erwähnte Südtirol in seinen Grußworten mit keinem einzigen Wort. Genauso nannte kein Festredner Südtirol.

Einzig der Tiroler Landeshauptmann Franz Stumpf erinnerte in seinen Grußworten daran, dass Südtiroler am Tiroler Freiheitskampf beteiligt waren und überbrachte entsprechend Grüße nach Südtirol.

In der offiziellen Berichterstattung wurden die Südtirol-Worte des Tiroler Landeshauptmanns zensiert.

Anders die Bevölkerung. Im Festumzug marschierte eine „Gruppe Südtirol“ mit, die rund 80 Personen zählte und von den Zusehern mit „Heil Südtirol“ bejubelt wurde. Die Tiroler Presse verschwieg dieses Südtirol-Bekenntnis aus dem Volk.

125-Jahr-Feier im Austrofaschismus

„Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Geschichte rund um das Jahr 1809 und Andreas Hofer aus verschiedenen zeitgeschichtlichen Kontexten interpretiert und erhielt so ganz unterschiedliche Bedeutungen und Konnotationen. War es bei der Jahrhundertfeier 1909 ein wesentliches Ziel, durch besondere Hervorhebung der Stellung der Monarchie und des Monarchen innere Spannungen zu überwinden, „das Tirol-Bewusstsein mit dem Österreichpatriotismus zu verbinden und die Machtposition des Herrscherhauses abzusichern“,“ hätte der Landesfestzug 1934 in Gedenken an die Tiroler Erhebung einen Anlass geboten, hilfreiche Sinnstiftung gegen das „dreifache Trauma des Weltkrieges, der Schrumpfung Österreichs und der Teilung Tirols aufzubieten“. Der politische Kurs Österreichs stand jedoch gegen eine Verwirklichung ebensolcher Überlegungen“ [3].

Das Südtirol-Gedenken erfolgte 1934 inoffiziell. Eduard Reut-Nicolussi, der im Widerstand zum Austrofaschismus stand, hielt am 9. Oktober 1934 am Andreas-Hofer-Denkmal in der Innsbrucker Hofkirche eine Rede, in der er festhielt: „Nicht vor den Waffen des Feindes ist die Treue auf eine schwere Probe gestellt, sie ist noch gefährdeter, wenn die Freunde uns im Stich lassen und wenn unsere eigene Schwachheit, unsere Selbstsucht und schwarzer Undank sie bedrohen“ [1].

Und weiter: „Wer darf das Wort Vaterland hier in den Mund nehmen und vergessen, dass unsere Brüder an der Etsch und am Eisack um des Vaterlandes willen vier Jahre mit uns die Todesnot des Schützengrabens getragen haben? Wer will von Heimat reden und nicht dran denken, dass die Heimat des größten und reinsten tirolischen Helden unter fremder Zwingherrschaft seufzt? Wer ist berechtigt, seine Liebe zum deutschen Volkstum zu verkünden und dabei zu übersehen, dass im Süden des Landes schonungslose Zerstörung am Werke ist, um das Volkstum unserer Brüder zu vernichten?“

Der 9. November war als Vorabend zum Landestrauertag am 10. November gewählt. Reut-Nicolussi war von den österreichischen Behörden bereits im Vorfeld ermahnt worden, zurückhaltend zu sprechen.

Kanzler Schuschnigg ließ den Innsbrucker Sicherheitsdirektor Anton von Mörl an Reut-Nicolussi ausrichten, dass dem Kanzler die Wortspende Reuts sehr missfallen hatte. Spätestens 1935 war das Verhältnis zwischen Schuschnigg und Reut-Nicolussi nachhaltig zerstört.

Bis zur 225-Jahres-Gedenkfeier bleibt Zeit für ein zeitgemäßes Gedenken und Weiterdenken, ohne 1934 auszublenden.

Literatur:

[1] Michael Gehler: „Eduard Reut-Nicolussi und die Südtirolfrage 1918–1958. Streiter für die Einheit Tirols“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2007

[2] Hans Heiss: „Treibsätze der Geschichtspolitik. Die Gedenkfeiern der Tiroler Erhebung 1909–2009“ in „Geschichte und Region, Bozen 2008

[3] Thomas Lintner: „Vereinte Erinnerungskultur“ in „Tiroler Heimat“ 85, Innsbruck 2021

[4] Michael Gehler: „Studenten und Politik. Der Kampf um die Vorherrschaft an der Universität Innsbruck 1918-1938“, Haymon-Verlag, Innsbruck 1990

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