Architektur war in der Renaissance ein Mittel zur individuellen Selbstdarstellung. Das ist sie natürlich auch heute noch, nur mit einer deutlich geringeren Halbwertszeit und einer vielfach nicht gegebenen Verständlichkeit, weil oftmals Willkür und Laune dominieren.
„Das rhetorische Potential der Architektur wird in keinem anderen Zeitalter so deutlich erkannt und so gezielt kultiviert wie in der Frühen Neuzeit, beginnend mit der Florentiner Frührenaissance. Neben den fürstlichen und kirchlichen Obrigkeiten entdecken auch selbstbewusste bürgerliche Bauherren die Architektur als repräsentatives Kommunikationsmittel im öffentlichen Raum und nutzen Bauwerke als Medien kalkulierter Selbstdarstellung“ [4].
Andrea Palladio (1508 – 1580) sollte als eifriger Renaissance-Architekt in Oberitalien die Vitruvsche Formenlehre intensiv studieren und dabei einen besonders reinen Bezug zur Antike herausarbeiten. Was Palladio imponierte, war der Hang der Antike, im Bauwerk gesellschaftliche Ideale wie Ordnung und Würde, zu verwirklichen.
Alain de Bottom unterstellt Palladio, dass er mit seinen Bauwerken die „Streitereien und Kompromisse des gewöhnlichen Lebens“ überwinden und „durch Klarheit und Ausgewogenheit“ zu ersetzen versuchte. Gewissermaßen eine wohltuende Reduzierung von Komplexität.
Palladios Werk setzte zu einer Zeit an, als das Privathaus als Bauwerk zunehmend an Bedeutung gewann. Palladios Gutshäuser im norditalienischen Raum sollten genauso wie sein theoretisches Werk größten Einfluss auf die Architektur nehmen.
Vitruvs Prinzipien der Proportionen und Symmetrie standen im Mittelpunkt von Palladios Architektur. Besonders bekannt ist Palladios Anwendung der “goldenen Proportion”, die er als eine ideale Verhältniszahl für die Architektur betrachtete, die auf den Lehren von Vitruv basierte.
Palladio entwickelte außerdem ein eigenes System von Haus- und Villenarchitekturen, das auf Vitruvs Prinzipien aufbaute, aber auch eine klare Weiterentwicklung der antiken Architektur darstellte. Dabei kombinierte er klassische Elemente wie Säulen und Tempelfronten mit funktionalen Aspekten der Renaissance. Palladio entwickelte die Formenlehre in drei Dimensionen: Alles ist in sich selbst schlüssig, nichts dem Zufall überlassen, es entsteht ein in sich selbst ruhendes Raumprogramm, eine Ordnung für sich selbst.
Palladios Villen sind folglich ein faszinierendes Beispiel für die Verschmelzung von klassischer Architektur und praktischen Bedürfnissen, die durch Harmonie, Symmetrie und ein tiefes Verständnis für antike Prinzipien zu meisterhaften Bauwerken wurden.
Die Brenta-Villen sind eine Gruppe von Landhäusern entlang des Flusses Brenta in Venetien, die der venezianische Adel als Lamdhäuser anlehte. Das Gebiet erstreckt sich zwischen Venedig, Vicenza, Treviso und Padua. Palladios Villen sind heute wesentliche Baukulturdenkmäler in jenem Raum.
Die Villa Rotonda (auch Villa Almerico Capra genannt) ist eines der bekanntesten und bedeutendsten Werke von Andrea Palladio und ein Meisterstück der Palladianischen Architektur. Sie befindet sich in der Nähe von Vicenza in Venetien und wurde in den Jahren 1566 bis 1571 erbaut.
Die Villa Foscari, auch bekannt als La Malcontenta, befindet sich in Malcontenta di Mira, etwa 10 Kilometer westlich von Venedig. Sie wurde zwischen 1559 und 1565 im Auftrag der Familie Foscari erbaut und gilt als herausragendes Beispiel für Palladios Fähigkeit, klassische Architektur mit funktionalen Anforderungen zu verbinden.
Palladio betätigte sich aber auch in kirchlicher Architektur. Die Kirche San Giorgio Maggiore ist ein Meisterwerk von Palladio und eines seiner bekanntesten religiösen Gebäude. Sie steht auf einer Insel in der Lagune von Venedig und ist von der berühmten Piazzo San Marco aus sichtbar. Die Kirche wurde als Ersatz für eine frühere gotische Kirche erbaut und kombiniert klassische römische Architektur mit einem Renaissance-Stil. Palladio entwarf eine klassische Fassade mit einer zwei-stöckigen Anordnung von Ionischen und Toskanischen Säulen. Die zentrale Innenraumgestaltung folgt dem klassischen Prinzip eines einheitlichen, symmetrischen Raumes, der die spirituelle Erfahrung durch seine Proportionen und Harmonie verstärkt. Die Hauptachse des Gebäudes ist auf den Himmel ausgerichtet, was der Kirche eine besonders spirituelle Bedeutung verleiht.
Die Kirche Il Redentore wurde ebenfalls von Palladio entworfen und befindet sich auf der Insel Giudecca. Sie wurde als Reaktion auf die pestbedingte Katastrophe von 1575/1576 errichtet, als die venezianische Bevölkerung mit einer verheerenden Pestepidemie kämpfte. Die Kirche wurde als Dank für die göttliche Hilfe während der Epidemie erbaut und widmet sich Jesus Christus, dem Erlöser (Redentore). Il Redentore ist besonders für seine gigantische zentrale Kuppel bekannt, die sich majestätisch über die klassische Fassade erhebt. Palladio kombinierte griechische Kreuzform mit klassischen Säulenordnungen (Ionisch und Korinthisch) und einer großen, zentralen Kuppel, die die symbolische Verbindung zwischen Himmel und Erde verstärkt. Das Innere ist symmetrisch und ausgewogen, und der Blick von der Kirche auf die venezianische Lagune bietet eine eindrucksvolle Kulisse.
Palladio entdeckte, dass die Form für den Eindruck wesentlicher sei als die Materie. Die Materie war in der Formgebung eher nachrangig. Das Mauerwerk wurde in der Folge bei Palladio mit Marmorputz verkleidet und versteckt, hinter der Oberfläche befand sich nüchternes Mauerwerk, was einen bestimmten baulichen Pragmatismus kennzeichnet.
Tief geprägt war Palladio von den Ideen des Humanismus, die die Wiederentdeckung antiker Werte und Ideale betonte. Der Humanismus stellte den Individuen in den Mittelpunkt, während gleichzeitig die Gesellschaft als Ganzes in einer idealen Ordnung organisiert werden sollte. Palladio übernahm diese Ideale und setzte sie in seiner Architektur um, indem er die klassischen Prinzipien von Vitruv und anderen antiken Architekten adaptierte.
In Palladios Werk ist die Anlehnung an die antiken Ideale von Republik, Demokratie, Ausgewogenheit und gesellschaftlicher Verantwortung deutlich zu erkennen. Besonders die Betonung auf öffentliche Bauten wie Kirchen und Stadthäuser kann als Spiegelbild einer politischen Philosophie verstanden werden, die die Bedeutung des Gemeinwohls betonte.
Auf Palladios Ideen aufbauend sollte im frühen 18. Jahrhundert der Palladianismus entstehen. In dieser Zeit wurden zahlreiche Landhäuser und öffentliche Gebäude im palladianischen Stil erbaut.
Insbesondere in den protestantischen Ländern Nordeuropas, in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten gewann die palladianische Architektur mit der Übersetzung des schriftstellerischen Werkes Palladios in das Englische an immenser Bedeutung, interpretiert als Gegenentwurf zum katholisch empfundenen Barock.
Insgesamt strebte der Palladianismus nach einer perfekten, klassischen Ästhetik, die als Symbol für Harmonie und Ordnung gilt. Damit steht er nicht nur für eine Ästhetik, sondern für eine Weltanschauung.
Bedeutend war Palladios Einfluss auf die Gestaltung von öffentlichen Gebäuden, die Repräsentation von Autorität und politischen Status verkörperten. Palladios Prinzipien förderten eine Architektur, die das Verhältnis zwischen Macht, Gesellschaft und Kultur widerspiegelte und den Bezug zu Rom herstellte, was für politische Eliten von Bedeutung war.
1994 wurden 23 Palladio zugeschriebene Bauwerke in Vicenza und weitere Villen in der Region Venetien zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.
Literatur:
[1] John Summerson, John: „Die klassische Sprache der Architektur“, Vieweg+Teubner Verlag, Wiesbaden 1983
[2] Witold Rybczynski: „Das vollkommene Haus: eine Reise mit dem italienischen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio“, Berlin Verlag, Berlin 2004
[3] Dorette Deutsch: „Gebrauchsanweisung für Venedig: mit Palladio und den Brenta-Villen“, Piper, München 2009
[4] Anke Naujokat: „Die Architektur der Renaissance und des Manierismus“, Handbuch Rhetorik der Bildenden Künste, Bamberg 2017


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