Der aus St. Pauls bei Eppan stammende Johann Putzer von Reibegg war Handelsunternehmer, Erbauer der Eisenbahn Mailand-Monza, Tiroler Schütze im Grenzkampf 1848, Kommandant der Bozner Nationalgarde, Ersatzvertreter der Frankfurter Nationalversammlung, Handelskammerfunktionär, freiheitlicher Landtags- und Reichsratsabgeordneter, bayrischer und deutscher Konsul sowie Konzessionär der Bahnstrecke Bozen-Meran.
Johann Putzer von Reibegg wurde 1801 in St. Pauls bei Eppan als Sohn des Florian Putzer geboren. „Reibegg“ kam erst um 1800 in den Besitz der Familie Putzer.


Die Familie Putzer war Eigentümerin des Handelshauses „Jakob Holzhammer“ in Bozen. Johann Putzer übernahm 1822 als Erbe das Handeshaus Holzhammer und richtetet sein Augenmerk auf Handel und Seidenindustrie. Das Unternehmen lief dermaßen erfolgreich, dass Johann Putzer faktisch als Bankier wirkte.
Im April 1838 wurde Johann Putzer vom österreichischen Kaiser die Konzession erteilt, die Eisenbahn von Mailand nach Monza zu bauen. Es handelte sich um die erste Eisenbahn im lombardo-venetischen Königreich. Diese Konzession stand im Wettbewerb mit der Eisenbahn zwischen Mailand und Como. Mit Planung und Bau beauftragte Putzer den Mailänder Ingenieur Giulio Sarti. Parallel dazu bemühte sich der Ingenieur Giovanni Milani um die Strecke Bergamo-Monza. Man kann der italienischen Technikgeschichte allerhand Dispute rund um die Eisenbahnkonzessionen entnehmen, in deren Zentrum Johann Putzer – respektive „Giovanni Putzer“ oder „Giovanni de Putzer“ – steht.

Die Eisenbahnstrecke Mailand-Monza wurde am 18. August 1840 für den öffentlichen Verkehr freigegeben. Es handelte sich dabei – knapp – nicht um die erste Eisenbahn in Italien. Diese wurde nämlich am 3. Oktober 1839 zwischen Neapel und Portici eingerichtet (Ferrovia Napoli-Portici). Die Bahnstrecke Mailand-Monza, die auf Johann Putzer zurückgeht, war „nur“ die zweite.
Johann Putzer verkaufte die Anteile an der Eisenbahn noch vor Fertigstellung im Mai 1839 an den Wiener Bankier Daniel Eskeles vom Bankhaus „Arnstein & Eskeles“.
Befasst man sich allgemein mit der Eisenbahngeschichte Österreichs, wird klar, dass zu Beginn der Eisenbahnen private Investoren das Geschäft mit der Eisenbahn erspähten [3]. Diese Geschäft gingen vielfach allerdings nicht auf: Aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten, in welche die privaten Eisenbahngesellschaften gerieten, verordnete Kaiser Ferdinand ab 1841 die Unterteilung in Privat- und Staatsbahnen, um die als staatsnotwendig erachteten Eisenbahnen fertigzustellen und diese später zur Betriebsführung in private Hand zu übergeben.

Im Jahr 1848 wurde schließlich der Tiroler Ingenieur Alois von Negrelli von der österreichischen Regierung eingesetzt, die lombardo-venetischen Eisenbahnprojekte fortzusetzen und in ein Eisenbahnnetz einzugliedern.
Johann Putzer unternahm vielfältige wirtschaftliche Aktivitäten. Im Jahr 1840 beteiligte er sich an der Walzmühlgesellschaft in Pest, es handelte sich um die erste Walzmühle in Ungarn, die nach italienischem bzw. englischem Muster ausgeführt wurde. Zudem beteiligte er sich an der Venezianer Dampfmühle und an der Zuckerraffinerie in Treviso. Weiters beteiligte er sich an Unternehmungen in Tirol. Ab 1852 erwarb er das Eisenwerk bei Cilli sowie den Kohlebergbau bei Tüffer in der damaligen Steiermark und vereinigte beide Werke.
1848 war Johann Putzer Tiroler Schütze am Tonalepass, wo er das „Eppaner Schützenlied“ schrieb. An den Tiroler Grenzkämpfen 1848 beteiligten sich freiwillige Schützenkompanien sowie Studentenkompanien, weil der Staat Österreich den Grenzschutz gegenüber den italienischen Freischärlern vernachlässigt hatte. Die Motive waren deutsch.

„Jüngst war ich auf der Mendelspitze, den treuen Stutzen in der Hand, der tags zuvor am Herd der Blitze, Hoch am Tonal, noch Wache stand. Da lag vor mir nun Deutschlands Garten, Das Land der Etsch – mein Heimatland – wo welsche Fesseln uns erwarten, greift weiter noch des Krieges Brand. Der Knechtschaft Banner soll einst stehen auf unsrer Berge Hochaltar, wo deutscher Freiheit Lüfte wehen? Nein! Lieber läg‘ ich auf der Bahr. Wir Schützen wollen lieber sterben, als dass verstumme deutsches Wort, als dass an Welsche wir vererben der deutschen Treue schönsten Hort“. (Eppaner Schützenlied)
Im Revolutionsjahr 1848/1849 war Putzer Kommandant der Bozner Nationalgarde, sorgte in Bozen für soziale Ordnung, verhinderte Pogrome an Juden. Die Nationalgarde wurde zu Beginn der Märzrevolution im März 1848 in Wien sowie in allen größeren Orten zur Aufrechterhaltung der Ruhe und gesetzliche Ordnung eingerichtet und kann als eine Art Polizei aufgefasst werden.
Johann Putzer wurde 1848 zum Ersatzmann für Franz Unterrichter von Rechtenthal im Wahlkreis an der Etsch für die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Beide, Unterrichter von Rechtenthal, und Johann Putzer, legten dezidiert deutschnationale Haltungen an den Tag.
Ab 1848 war Putzer deutschfreiheitlicher Abgeordneter im „verstärkten“ Tiroler Landtag, wo er gegen die Klerikalen die konfessionelle Gleichberechtigung erstritt. 1850 wurde er Tiroler Vertrauensmann der Bankkommission in Wien. Zwischen 1851 und 1861 wirkte Johann Putzer als Vizepräsident der Handelskammer Bozen und wurde königlich-bayrischer Konsul.
1859 bot sich Johann Putzer dem Statthalter von Tirol, Erzherzog Karl Ludwig von Österreich, an, eine bayrische Freiwilligenlegion zu bilden, die im Zuge des Sardischen Krieges zwischen Österreich und dem Königreich Sardinien an die Tiroler Südgrenze zu rücken gedachte. In jenen Jahren spielten sich Kampfhandlungen an der Tiroler Südgrenze ab. Wiederum waren es freiwillige Schützenkompanien, Studentenkompanien und Turner, die die Grenze Tirols verteidigten.
Im Jahr 1854 geht aus der Presse hervor, dass Johann Putzer mit Graf Ludwig von Sarnthein in Bozen eine Essens-Tafel errichtete, sich folglich sozial engagierte.

Ab 1861 wurde Putzer für die Handels-und Gewerbekammer von Brixen Tiroler Landtagsabgeordneter.

Im Tiroler Landtag widersetzte sich Johann Putzer im April 1861 der Maßnahmen, die die Klerikalen gegen „Nicht-Katholiken“ setzen wollten. Auf Initiative der Bischöfe, die dem Tiroler Landtag angehörten, sollten deutsche Nicht-Katholiken, die sich zu jener Zeit da und dort in Tirol niederließen wollten, in ihren Rechten drastisch eingeschränkt werden. Zu einer Zeit, in der das Deutschtum im Etschtal zurückgedrängt wurde, initiierten die Klerikalen lieber sinnbefreite konfessionelle Kulturkämpfe, die zu Lasten des Deutschtums gingen.

Putzer enthielt sich im Landtag der Stimme, stimmte dem bischöflichen Antrag, deutsche Protestanten in Tirol massiv zu diskriminieren, aus gutem Grund nicht zu. Joseph Streiter, der „streitbare“ Freiheitliche, bemängelte in seinem Werk „Studien eines Tirolers“ (1862), dass Johann Putzers Enthaltung „zu wenig“ war.
Studenten der Universität Innsbruck wollten Johann Putzer hingegen für sein entschiedenes gesamtdeutsches Engagement danken, suchten ihn auf, um ihm „die Achtung und Sympathie der Universität zu bezeigen“. Ein Fackelzug, den die Studentenschaft organisieren wollte, wurde von den Behörden untersagt. Stattdessen versammelten sich die Akademiker zu einem „fröhlichen Kommers“.
Putzer wurde gleichzeitig mit der Wahl in den Tiroler Landtag 1861 auch in den österreichischen Reichsrat in Wien gewählt, gehörte dort den „Unionisten“ an. Führender Vertreter der Unionisten war seit 1861 der deutsch-böhmische Freiheitliche Eduard Herbst. Die Unionisten befürworteten innerhalb des freiheitlichen Lagers einen österreichischen Einheitsstaat deutscher Prägung, weil die Deutschböhmen aufgrund ihrer versprengten Lage einer Teilung des Kaisertums ablehnend gegenüber standen.
Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde Putzer deutscher Konsul in Bozen.
Für die Handelskammer Bozen und das Eisenbahnkomitee Meran setzte sich Johann Putzer 1871 für die Eisenbahnlinie Bozen-Meran ein. Putzer schloss in diesem Zusammenhang mit Baurat Karl Ritter von Schwarz einen entsprechenden Vertrag ab, im September 1872 wurde eine Konzession an Karl Ritter von Schwarz, Johann Putzer und Eduard Weinhardt erteilt [4]. Geplant war, dass die Eisenbahnstrecke bis nach Chur weitergeführt werden sollte.

Die Bahnlinie Bozen-Meran sollte an die Südbahn angeschlossen werden. Das Projekt wurde nicht ausgeführt, die Konzession verfiel 1874. 1876 wurde die Konzession erneuert, die Bahnstrecke wurde 1881 eingeweiht.
Johann Putzer verstarb 1892 in Bozen.

Oswald Gschließer verfasste 1974 im „Schlern“ den Beitrag „Aus dem Tagebuch des Bozner Großkaufmannes J. P. über eine vor 150 Jahren unternommene Schweizer Reise“, in dem er sich mit einem der „rührigsten und wagemutigsten Wirtschaftsführern“ aus dem Bozner Bürgertum befasste.
Johann Putzer hatte 11 Kinder mit seiner ersten Ehefrau Amalia von Ingram, die 1841 verstarb, sowie 9 weitere Kinder mit seiner zweiten Ehefrau Clara von Kübeck.
Einer der Schwiegersöhne Putzers war Hugo von Goldegg, welcher Philomene von Putzer heiratete. Hugo von Goldegg war Heraldiker, ab 1861 Tiroler Landtagsabgeordneter, ab 1873 Abgeordneter zum Reichsrat, Mitglied des Corps Athesia Innsbruck und 1862 Gründungsvorsitzender des Turnvereins Bozen.
Die Tochter Amalie von Putzer heiratete 1845 Karl Freiherr Unterrichter von Rechtenthal, den Sohn von Franz Unterrichter von Rechtenthal.
Ein weiterer Schwiegersohn war Heinrich von Vittorelli, der in der Triestner Niederlassung der Handelsgesellschaft Putzer beschäftigt war und Franziska von Putzer heiratete. Der Sohn Paul Vittorelli, also der Enkel von Johann von Putzer, wurde Mitglied der Burschenschaft Stiria Graz und ein bedeutender österreichischer Richter.
Bereits 1839 erwarb Johann Putzer jene Ruine, die er zu Schloss Korb in Eppan umbaute.

Literatur:
[1] Oswald von Gschließer: „Die nationale Einheitsbewegung in Deutschtirol im Jahre 1848“, Wagner Verlag, Innsbruck 1938
[2] Hannes Wunderer: „Das unruhige Jahrzehnt (1859-1869), Eine kritische Analyse der Perspektive der liberalen Bozner Zeitung inklusive Stellungnahmen konservativer Printmedien“, Universität Innsbruck, Innsbruck 2018
[3] Michael Demanega: „Alois von Negrelli: Verkehrsplaner und Eisenbahnpionier von europäischem Format“, Österreichische Zeitschrift für Verkehrswissenschaft – ÖZV, 66. Jahrgang – Heft 3-4, 2019
[4] Eisenbahnjahrbuch der Österreichisch-ungarischen Monarchie, Band 6, 1873


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