Alois Riehl aus Bozen, Philosophie-Professor, Burschenschafter, Doktorvater Oswald Spenglers, allererster Verfasser einer Monographie über Nietzsche, Patriot, erster Bauherr Mies van der Rohes. Tiefer kann ein Leben kaum sein.
Alois Riehl kam 1844 in Bozen zur Welt. Während sein um 2 Jahre älterer Bruder Josef Riehl, der berühmte Ingenieur, um den es später noch gehen wird, in einem Bozner Laubenhaus zur Welt kam, kam Alois Riehl am „Riehlhof“ südlich von Bozen zur Welt. Riehl studierte Philosophie, Geographie und Geschichte in Wien, München, Innsbruck und Graz, promovierte in Innsbruck und habilitierte in Graz in Philosophie.
Nach Abschluss des Franziskanergymnasiums studierte er in Bozen Philosophie, Geographie und Geschichte in Wien, München, Innsbruck und Graz, promovierte in Innsbruck 1868, habilitierte 1870 in Graz und war ab 1873 Professor für Philosophie in Graz. Alois Riehl wurde Mitglied des Corps Athesia Innsbruck und Ehrenbursch der Burschenschaft Arminia Graz.
Als Professor lehrte Riehl in Graz, ab 1882 in Freiburg, ab 1896 in Kiel und ab 1905 in Berlin.

Festschrift zum fünfundzwanzigjährigen Stiftungsfeste der Grazer Akademischen Burschenschaft „Arminia“
Die Tagespost Graz widmet sich am 2. November 1882 der Verabschiedung Riehls.



Oswald Spengler, der wohl bedeutendste Philosoph der „Konservativen Revolution“, der in Halle, München und Berlin studierte, schrieb seine Dissertation bei Alois Riehl unter dem Titel: „Der Metaphysische Grundgedanke der Heraklitischen Philosophie“. Die Dissertation wurde von der Prüfungskommission vorerst abgelehnt, da zu wenig Fachliteratur zitiert wurde, und 1904 im zweiten Durchlauf bestätigt.
Alois Riehl nimmt eine zwiespältige Haltung zu Heraklit ein, der als erster Metaphysiker gilt. Das Naturgesetz ist das Weltgesetz, so Heraklit: „Nähren sich doch alle menschlichen Gesetze von dem einen göttlichen“ merkt Riehl zu Heraklit an. Heraklit erachte den „Agon“, den Wettkampf, als Maß aller Dinge: „Grund aller Dinge ist der Streit des Entgegengesetzten; der Krieg ist aller Dinge Vater und König; nur ein Grieche diesen Gedanken zum Ausgangspunkte einer Rechtfertigung der Weltordnung machen“. Das „Agon als Prinzip der Dinge, als Grundform des Geschehens – das ist das Geschichtliche, das national Bedingte bei Heraklit“. Heraklit gab dem Krieg seine geistige Bedeutung. Alois Riehl bemerkt, dass es sich dabei um die Vergangenheit handle, die „wir begreifen können, nicht dem Leben, das wir mitleben“.
1872 schreibt Riehl in dem Werk „Über Begriff und Form der Philosophie“, dass die Philosophie Immanuel Kants „die tief besonnene Selbsterfassung des Subjektes nach der theoretischen und praktischen Seite seiner Natur“ war. Fichte erklärte das Subjekt hingegen zum Absoluten, Hegel hob die „denkende Natur“ des Subjekts, Schopenhauer die „wollende Natur“ hervor. Kant nehme „einen Platz unter den größten Naturforschern aller Zeiten ein“.
Alois Riehl gilt philosophisch als Vertreter des Neukantianismus und des Kritizismus, zudem gehörte er zu den ersten, die eine Wissenschaftstheorie begründeten.
Neukantianer bestrebten die Rückkehr zu Kant, nachdem der deutsche Idealismus und der Materialismus das Denken dominiert hatten, und suchten in Kant eine Antwort auf die Krise der Philosophie und der Wissenschaften.
1897 schrieb Alois Riehl das Buch „Friedrich Nietzsche. Der Künstler und der Denker. Ein Essay“. Das war – zu Lebzeiten Nietzsches – das erste Buch über Nietzsche und der Beginn der Nietzsche-Rezeption. Riehl gehörte 1907 zu jenen Universitätsprofessoren, die sich für den Literaturnobelpreis für die Nietzsche-Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche stark machte.

Der Vefasser schreibt, dass Nietzsche mit Schopenhauer die stärkste Abweichung der deutschen Philosophie darstelle. Nietzsche teilte mit Schopenhauer die Unterschätzung des Logischen. Nietzsche überantwortete dem Philosophen die Aufgabe, „Richter und Wertmesser der Dinge zu sein“. Alois Riehl urteilt: „Nietzsche zwar behauptet: autonom und sittlich schließen sich aus; er sagt aber nicht, warum sie sich ausschließen. Kant hat gerade in der Autonomie des Willens das alleinige Prinzip aller sittlichen Gesetze gefunden. Aber Nietzsche hat Kant nie verstanden, nie tief genug genommen. Daher hielt er sich an den „kategorischen Imperativ“, eine bloße Formel des Sittengesetzes, und meinte wirklich mit der Bemerkung, dass es keine gleichen Handlungen gebe und geben könne, Kant widerlegt zu haben. Er sah also nicht, dass in jener Formel gar nicht von Handlungen die Rede ist, sondern von „ Maximen oder praktischen Gesetzen des Handelns“.
Im „Zarathustra“ hätte Nietzsche die Romantik mit dem Positivismus vereint. In der „ewigen Wiederkunft“ trete ein dionysischer Glaube zutage. Nietzsches Philosophie sei durch „Lebensenthusiasmus“ und „aristokratischen Individualismus“ gekennzeichnet, der „Wille zur Macht“ stelle ein ständiges Mehr und höher hinaus dar. Der Idee vom Übermenschlichen bei Nietzsche trat Alois Riehl kritisch entgegen: „Auch der höchste Einzelne bleibt ein Mensch“. Und selbst der Größte hätte immer noch das Übermenschliche, also die Welt der geistigen Werte, über sich, das man das „Göttliche oder das Ideale“ nenne. In diesem Sinne zieht der Neukantianer Alois Riehl dem Denken Nietzsches eine Grenze.
Riehl urteilt über Nietzsche: „Mehr und mehr aber wird man lernen, ihn aus dem Ganzen seiner Anschauungen heraus zu verstehen: als den, welchen die Zeit nötig hatte. Ihren Mängeln hält er seine Ideale entgegen. Er stellte ihr vor allem den Grundwert der starken, selbsteigenen Persönlichkeit vor Augen und brachte ihr die Gefahren des Gleichschätzens und Gleichmachens eindringlich zum Bewusstsein. Er, der Leidende, lehrte sie erst wieder Liebe zum Leben, zu allem, was darin stark und groß ist, und gab ihr zugleich ein heldenhaftes Beispiel dieser Liebe“.
Riehl stellt Nietzsche mit Heraklit gleich. Für beide würden der Weg nach oben und der Weg nach unten den gleichen Weg darstellen. Nietzsche beweise einen heraklitischen Geist, indem er alles Stoffliche in Bewegung und Tätigkeit auflösen wolle.
Im Jahr 1910 hielt Alois Riehl die Rede zur Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II., gehalten in der Aula der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin mit dem Titel „Fichtes Universitätsplan“:

Riehl hält darin fest, dass Fichtes Werk im Rahmen des aufkommenden Neuplatonismus noch darzustellen sei. In diesem Zuge führt Riehl das Fichte-Zitat an: „Das ewig Eine lebt mir im Leben, sieht in meinem Sehen.“ Für Fichte sei Berlin entscheidend gewesen: „Zum ersten Male kam Fichte in Berührung mit einem großen Staatswesen, das ein wirklicher Staat war, und in dieser Berührung wandelte sich sein früherer abstrakter Kosmpoloitismus in den konkreten um, d.h. eben, wie er jetzt erkennt: den Patriotismus. Er will dadurch zum Erzieher des Menschengeschlechts werden, dass er Erzieher der deutschen Nation wird„.
In der Rede bezeichnet er Fichte als Denkmal „dieser männlichen Gestalt unter den deutschen Philosophen, des Imperators auf dem Katheder, dem die Sätze vom Munde kamen wie Befehle, des Redners an die deutsche Nation“. Und an die Kommilitionen richtete Riehl:
„Sie, liebe Kommilitonen, sollen Werkmeister und Bildner eines noch kostbareren Monuments sein. Sie sollen die Erben sein der Gesinnung des großen Lehrers und Erziehers. Als er zur deutschen Nation redete, da redete er vor allem zur deutschen Jugend, und so lange es eine deutsche Jugend gibt, kann seine Rede nicht verstummen. Erfüllen Sie, was er verlangte, was er erhoffte: Lassen Sie das heroische Feuer seines Wortes einen Funken werfen in Ihre Brust, der da fortglimme und Ihr ganzes Leben ergreife. Erheben Sie sich zu der Höhe seines Glaubens: Im Leben des Geistes ist nichts wahrhaft real als die Idee“.
Zentral im Werk Riehls sind Kant, Platon und Nietzsche.
In seiner Abhandlung zu Platon (1912) schreibt Riehl:
„Solcher Adel verpflichtet. Aus solchem Hause entsprossen, in welchem Schönheit und Tüchtigkeit erblich waren, erschien es Plato billig, in Allem der Erste zu werden.“
„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“, — dies Motto kann man Piatos Ideenlehre voransetzen, stellt Riehl fest.
„Allem Handeln geht ein Bild der Handlung voran, ohne dieses wäre es kein Handeln, und von dem Werte dieses Bildes hängt der Wert unseres Handelns ab. Das sittliche Handeln ist darum das an sich wertvolle Handeln, weil es sich nach einem Vorbilde richtet, über welches hinaus kein höheres mehr zu denken ist, nach dem Vorbild des Guten an sich, des absolut Guten. So richten sich die Rechte und Gesetze, — oder sie sollen sich doch richten — , nach dem Begriffe oder der Idee des absolut Gerechten, des „richtigen Rechtes“, wie es ein Rechtsphilosoph mit zutreffendem Namen genannt hat. Die Satzungen des positiven Rechtes sind in geschichtlicher Entwicklung begriffen und nach Zeiten und Völkern verschieden, das Ziel aber, nach welchem sie gleichsam aussehen und an dessen Erreichung sie insgesamt arbeiten, kann nur Eines und dasselbe sein; denn es gibt in jedem einzelnen Falle nur Ein richtiges Recht, möge dies auch noch so schwierig auf zufinden und noch schwieriger durchzusetzen sein. Hierin also denken wir alle platonisch. Sittliche Wertbegriffe stellen uns stets, mathematisch zu reden, eine Maximumaufgabe, wir gestalten uns notwendig die Musterbilder und Normen der höchsten Besonnenheit, der wahren Tapferkeit, der absoluten Gerechtigkeit, der vollendeten Herrschaft oder Autonomie der Vernunft, d. i. der Weisheit. Das heilst abermals: als Ethiker sind wir alle Piatos Schüler und Anhänger. zufinden und noch schwieriger durchzusetzen sein. Hierin also denken wir alle platonisch. Sittliche Wertbegriffe stellen uns stets, mathematisch zu reden, eine Maximumaufgabe, wir gestalten uns notwendig die Musterbilder und Normen der höchsten Besonnenheit, der wahren Tapferkeit, der absoluten Gerechtigkeit, der vollendeten Herrschaft oder Autonomie der Vernunft, d. i. der Weisheit. Das heilst abermals: als Ethiker sind wir alle Piatos Schüler und Anhänger.“
„Der Philosoph, der Liebhaber der Weisheit, ist vor allem auch der Liebhaber der Schönheit; man kann dies griechisch mit Einem Worte sagen: er ist der „Philokalos“. Wie er begierig ist nach allem Wissbaren, so entzündet in seinem Geiste alles Schöne einen Seelenbrand, und von allen Liebhabern ist er der wahre „Erast“, der rechte Verliebte und vom „Eros“ Entflammte“.
„Platos Idealstaat, die Kallipolis (der Musterstaat), seine „civitas dei“ auf Erden, neben den „Gesetzen“ die höchste Bekundung seiner ethisch -politischen Reformgedanken, ist ihm keine Utopie, sondern ein ernst gemeinter Entwurf, der ausführbar sein will und ausgeführt werden soll“. Und weiter: „Der aber sei das goldene und heilige Leitzeug der Vernunft, welches man das gemeinsame Gesetz des Staates nennt; und nun verstehe man auch, was es eigentlich heißen wolle: Herr seiner selbst, oder von sich selbst abhängig sein, dies nämlich bedeute, von nichts anderem geleitet werden als jenem goldenen und feinen Faden der Vernunft.“
„Idealismus ist nicht, wie Platos Gegner Nietzsche meinte, Flucht aus der Wurklichkeit, Feigheit vor der Realität, Idealismus ist das Schaffen einer höheren, reineren, geistigeren Wirklichkeit, der beständige Kampf gegen alles Niedrige außer und in uns; er ist der Aufschwung des Gemütes und aller seiner Kräfte nach dem Edlen, Hohen, Großen“.
Riehl sah einen direkten Zusammenhang zwischen Plato und Kant: „Wer in der Geschichte der Philosophie Zusammenhang und Folgerichtigkeit vermisst, weil er nur auf den Wandel der metaphysischen Systeme blickt, der den Wandel der wissenschaftlichen Anschauungen teils widerspiegelt, teils auch ankündigt, wird durch die Fortentwicklung des Platonismus eines Besseren belehrt, insbesondere, wenn er bemerkt, wie nahe sich die Gedankenkreise Platos und Kants berühren„.
Das Ehepaar Riehl verschaffte Ludwig Mies van der Rohe 1906 den allerersten Auftrag für eine Villa am See in Neubabelsberg (Potsdam). Dieses erste Werk Mies van der Rohes könnte als ein Werk der traditionalistisch-modernen Stuttgarter Schule durchgehen, weit enrfernt vom späteren „International Style“.

Infolgedessen war Mies öfters in Oberbozen, wo wichtige architektonische Studien entstanden. Riehl wurde 1913 Ehrendoktor in Princeton.
Alois Riehl stimmte 1914 in die allgemeinen Kriegsbegeisterung ein. Der Krieg war gerade aus Blick des Kulturpessimismus eine Zäsur, die die gefühlte Dekadenz beendete. Ein Trugschluss, der an den Fronten und in „Stahlgewittern“ deutlich wurde. 1914 erschien Riehls Beitrag für die Reihe „Deutsche Reden in schwerer Zeit“, deren Erlös dem Roten Kreuz zugute kam. Darin bezog Riehl das Werk Fichtes von 1813 auf 1914. Riehl schreibt: „Ohne 1813 kein 1914. Der Geist, der den Befreiungskrieg führte, ist wieder lebendig geworden in uns und schafft durch uns fort. Nur ist heute unser ganzes Volk von ihm erfasst“.

1914 schreiben Riehls Schüler in der Festschrift zum 70. Geburtstag: „In dieser Gesinnung dürfen wir Ihnen heute die folgenden Blätter überreichen, dankbar bekennend, dass wir in Ihnen ein Muster und Vorbild des Denkens verehren, von dem wir immer lernen werden, und so mit ihrem ferneren Leben verknüpft durch das Band jener freiwilligen Abhängigkeit, die Goethe als den schönsten Zustand bezeichnet, und die nach seiner tiefen Erkenntnis nicht ohne Liebe möglich ist“.
Alois Riehl verstarb am 21. November 1924 in Berlin. Unter normalen Umständen müsste es – zumindest – einen Alois-Riehl-Platz in Bozen geben.
Literatur:
[1] Alois Riehl: „Plato – Ein populär-wissenschaftlicher Vortrag“, Niemeyr, Halle 1912
[2] Alois Riehl: „Friedrich Nietzsche. Der Künstler und der Denker. Ein Essay“, Frommann, Stuttgart 1897
[3] Ivan Bocchio (Hg.): „Mies van der Rohe. Zwischen Südtirol und New York“, Edition Raetia, Bozen 2018


Hinterlasse einen Kommentar