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Die Vajont-Katastrophe: Geologie und Risiken

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Die Vajont-Katastrophe vom 9. Oktober 1963 ist eine der schwersten Staudammkatastrophen der Geschichte und steht symbolhaft für technische Überheblichkeit, Missmanagement und die Missachtung geologischer Risiken.

Die Katastrophe war nicht das Ergebnis eines Bruchs des Damms, sondern einer gigantischen Massenbewegung eines Berghangs in den Stausee, wodurch eine riesige Flutwelle ausgelöst wurde. Diese zerstörte die Ortschaften entlang des Piave-Flusses, vor allem Longarone in Belluno, und forderte etwa 2.000 Menschenleben.

Hintergrund

Der Vajont-Staudamm war ein ehrgeiziges Projekt zur Wasserkraftgewinnung in Italien. Mit einer Höhe von 261,6 Metern gehörte er zu den höchsten Staudämmen weltweit. Er befand sich in der Schlucht des Flusses Vajont, nahe der Stadt Longarone, am Fuß der Dolomiten.

Der Staudamm wurde in den späten 1950er-Jahren von der Società Adriatica di Elettricità (SADE) gebaut, einem großen italienischen Elektrizitätsunternehmen.

Geologische Risiken

Schon während der Bauzeit wurden potenzielle geologische Probleme an den umliegenden Berghängen festgestellt, insbesondere am Monte Toc, der sich am südlichen Ufer des zukünftigen Stausees befand. Der Monte Toc besteht aus einer geologisch instabilen Formation, in der sich bereits vor Jahrtausenden Bergstürze ereignet hatten.

Es gab zahlreiche Warnungen von Geologen, die auf die Möglichkeit eines Bergrutsches hinwiesen, aber die Verantwortlichen wiesen diese Bedenken zurück oder ignorierten sie, da das Projekt bereits weit fortgeschritten war.

Frühe Warnungen

Während der ersten Füllungen des Stausees traten immer wieder kleinere Erdrutsche auf, und es kam zu Bewegungen des Monte Toc. Die Ingenieure schienen davon überzeugt, dass der Damm den Druck von Massenbewegungen aushalten würde, und die Sorgen um die Stabilität des Berghangs wurden als übertrieben abgetan.

Leopold Müller, renommierter österreichischer Geotechniker und Experte für Gebirgsmechanik, spielte eine bedeutende Rolle bei den geologischen Untersuchungen des Vajont-Staudamms. Müller war bereits international als einer der führenden Experten für Tunnelbau und Gebirgsmechanik bekannt, und seine Expertise wurde auch beim Vajont-Projekt herangezogen.

Müllers Einschätzungen

Müller wurde 3 Jahre nach Baubeginn von der Betreibergesellschaft SADE beauftragt, die geologischen Bedingungen rund um den Monte Toc und den Staudamm zu untersuchen. Er war als Berater engagiert und sollte die Stabilität des Berghangs bewerten, nachdem schon früh erste Rutschungen aufgetreten waren. Dies war insbesondere wichtig, da die gesamte Region als geologisch komplex galt, und die Gefahr von Bergrutschen von Anfang an bekannt war.

Ingenieurbüro Leopold Müller

Während seiner Untersuchungen kam Müller zu dem Schluss, dass der Monte Toc geologisch instabil war und dass es ein hohes Risiko für einen großen Bergrutsch gab.

Trotz der Warnungen und der vorangegangenen kleineren Rutschungen blieb die SADE jedoch bei ihrer Entscheidung, den Staudamm weiter zu betreiben, auch wenn der Wasserspiegel wiederholt abgesenkt und angehoben wurde, was die Instabilität möglicherweise negativ beeinflusste.

Nach der Katastrophe engagierte sich Müller weiterhin in der geologischen Aufarbeitung des Vorfalls. In seinen späteren Arbeiten reflektierte er über die Vorgänge am Vajont und die Erkenntnisse, die aus der Katastrophe zu ziehen waren. Als Experte für Felsmechanik trug er dazu bei, die Ursachen des Erdrutsches besser zu verstehen, insbesondere die Rolle der geologischen Formationen und des aufgestauten Wassers.

Müller und seine Kollegen erkannten nach der Katastrophe, dass die Kohäsion des Gesteins, die Grundwasserbewegungen und die interne Struktur des Monte Toc unterschätzt wurden. Die Schichten des Berghangs waren durchlässiger und die interne Struktur komplexer, als ursprünglich angenommen, was letztlich zum schnellen Versagen des Hangs führte. Die Reibfestigkeit in den Klüften, die aus zentimeterdicken Tonschichten bestanden, hatte offenbar schlagartig abgenommen. Der unter Wasser stehende, stützende Teil des Berghangs wurde mit dem Füllen des Staubeckens unter Auftrieb versetzt und dadurch geschwächt.

Während der Absenkung begann sich der Berghang mit rund 100 km/h zu bewegen.

Darstellungen im Müller-Gutachten

In den Jahren nach der Katastrophe entwickelte Müller neue Theorien zur Gebirgsmechanik und prägte den Begriff “Gebirgszerreißung”, eine Bezeichnung für das Versagen von Bergmassiven durch interne Spannungen. Diese und andere Erkenntnisse beeinflussten die spätere Forschung und Praxis im Bereich der Felsmechanik und Geotechnik.

Der Katastrophale Bergrutsch und die Flutwelle

Am Abend des 9. Oktober 1963, gegen 22:39 Uhr, löste sich plötzlich eine gigantische Masse von etwa 260 Millionen Kubikmetern Gestein vom Monte Toc und rutschte in den Stausee. Dieser gewaltige Erdrutsch war nicht zu stoppen. Innerhalb von etwa 45 Sekunden verlegte die Geröllmasse das Vajont-Tal und verdrängte das Wasser aus dem Stausee.

Die Verdrängung führte dazu, dass eine etwa 250 Meter hohe Flutwelle entstand, die den Damm überspülte, aber den Damm selbst nicht beschädigte. Die Wasserwelle raste mit unglaublicher Geschwindigkeit das Tal hinab in Richtung der Ortschaften. Vor allem Longarone, aber auch die umliegenden Dörfer, wurden vollständig zerstört.

Auswirkungen

Der Staudamm blieb intakt, doch die Flutwelle hatte verheerende Auswirkungen. Longarone und weitere kleinere Dörfer im Tal wurden innerhalb weniger Minuten von der Flutwelle dem Erdboden gleichgemacht. Etwa 2.000 Menschen starben. Die meisten Opfer hatten keine Möglichkeit, zu fliehen, da die Katastrophe in der Nacht ereignete und das Wasser die Ortschaften in kurzer Zeit erreichte.

Fehlende Kommunikation und Vertuschung:

Es stellte sich heraus, dass SADE und die italienischen Behörden mehrfach versuchten, die Bedenken zu minimieren oder zu vertuschen. Es wurde argumentiert, dass der Damm sicher sei und die Möglichkeit eines Erdrutsches keine unmittelbare Gefahr darstellen würde. Tatsächlich war jedoch bekannt, dass ein solcher Erdrutsch dramatische Folgen haben könnte, wie sich später herausstellte.

Technische Versäumnisse

Auch der Umgang mit den Wasserständen im Stausee war problematisch. In den Wochen vor der Katastrophe wurden die Wasserstände stark verändert, was die Instabilität des Berghangs verschärfte. Einige Experten meinen, dass diese Veränderungen der entscheidende Faktor waren, der den Bergrutsch letztlich auslöste.

Konsequenzen und Nachwirkungen

Nach der Katastrophe gab es eine breite öffentliche Debatte über die Verantwortung der Beteiligten und die Lehren, die daraus zu ziehen waren. Die italienische Regierung setzte eine Untersuchungskommission ein, und es wurden mehrere Gerichtsverfahren geführt.

Einige Ingenieure und Verantwortliche von SADE wurden wegen Fahrlässigkeit verurteilt, allerdings gab es auch zahlreiche Versuche, die Verantwortung auf externe Faktoren wie den Berghang abzuwälzen.

Literatur:

[1] Leopold Müller: „Der Felsbau – Felsbau über Tage 1. Teil“, Springer Verlag, Heidelberg 1963

[2] Leopold Müller: „Der Felsbau – Felsbau über Tage, 2. Teil“, Springer Verlag, Heidelberg 1992

[3] Leopold Müller: „Der Felsbau – Felsbau über Tage, 2. Teil“, Springer Verlag, Heidelberg 1995

[4] Leopold Müller: „Der Felsbau – Band 3 Tunnelbau“, Springer Verlag, Heidelberg 1978

3 Antworten zu „Die Vajont-Katastrophe: Geologie und Risiken“

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