Demanega

#ingenieurbaukultur

Wie war das mit Kärnten? Die Volksabstimmung 1920

Published by

on

Kärnten gelang im 20. Jahrhundert das, was Südtirol verwehrt blieb: Die Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechtes im Rahmen einer Volksabstimmung. Die Kärntner Volksabstimmung prägt das Selbstverständnis Kärntens bis heute hin nachhaltig.

Die Volksabstimmung in Kärnten am 10. Oktober 1920 war ein Schlüsselmoment in der Geschichte Kärntens und entschied über die territoriale Zugehörigkeit eines Teils von Kärnten – dem sogenannten Abstimmungsgebiet – entweder zu Österreich oder zum neu gegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (später Jugoslawien).

Die Volksabstimmung hatte weitreichende politische, kulturelle und soziale Auswirkungen und prägte das Selbstverständnis der Region nachhaltig.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und dem Zerfall der Habsburgermonarchie, der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, wurde die politische Landkarte Mitteleuropas radikal neu geordnet. Der Vertrag von Saint-Germain (1919), der offiziell den Ersten Weltkrieg zwischen den Alliierten und Österreich beendete, regelte die territorialen Neuordnungen in Zentraleuropa. Dabei sollten mehrere Grenzkonflikte, die aus dem Zerfall des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates resultierten, geklärt werden.

Der österreichisch-ungarische Vielvölkerstaat wurde längst nicht nur von den nicht-deutschen Volksgruppen als „Völkergefängnis“ verstanden. Überall bildeten sich nationalliberale Bewegungen, die auf Republik und Demokratie setzten. In diesem Sinne war Kärnten stark freiheitlich geprägt [1].

Im Fall von Kärnten ging es um die Frage, welcher Staat Anspruch auf das südliche Kärnten erheben konnte: Das neue Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (später Jugoslawien) beanspruchte dieses Gebiet aufgrund seiner slowenischen Bevölkerungsteile. Österreich hingegen wollte das Gebiet behalten, um das historische Kernland Kärnten zu bewahren und seine territoriale Integrität zu sichern.

Schon kurz nach dem Kriegsende 1918 begannen die Auseinandersetzungen um das Gebiet. Im südlichen Kärnten gab es sowohl deutschsprachige als auch slowenischsprachige Bevölkerungsgruppen. Jugoslawische Truppen besetzten Teile des Landes, was zum sogenannten Kärntner Abwehrkampf führte. Österreichische Einheiten und lokale Milizen versuchten, diese Gebiete zurückzuerobern. Zwischen Mai und Dezember 1919 kam es zu militärischen Auseinandersetzungen, bis ein Waffenstillstand geschlossen wurde.

Der Vertrag von Saint-Germain sah vor, dass in einem Teil Kärntens, dem sogenannten Abstimmungsgebiet, eine Volksabstimmung durchgeführt werden sollte. Das Gebiet wurde in zwei Zonen unterteilt:

  • Zone A im Süden, wo die slowenischsprachige Bevölkerung in der Mehrheit war, und
  • Zone B weiter nördlich, die überwiegend von Deutschsprachigen bewohnt wurde.

Zunächst sollte in Zone A abgestimmt werden, ob das Gebiet bei Österreich bleiben oder an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen angeschlossen werden sollte.

Am 10. Oktober 1920 fand die Abstimmung in Zone A statt, während Zone B bei einem entsprechenden Votum gar nicht mehr abstimmen musste. Die Wähler in der Zone A – etwa 39.000 Menschen – sollten entscheiden, ob das Gebiet bei Österreich verbleiben oder an Jugoslawien angeschlossen werden sollte. Die Mehrheit der slowenischen Bevölkerung galt als potenzielle Unterstützer Jugoslawiens, weshalb viele eine Abspaltung Kärntens befürchteten. Entgegen den Erwartungen stimmten 59,04 % der Bevölkerung in Zone A für den Verbleib bei Österreich.

Da die Mehrheit der Wähler in Zone A für den Verbleib bei Österreich gestimmt hatte, entfiel die geplante Abstimmung in Zone B. Das gesamte Abstimmungsgebiet blieb somit bei der Republik Österreich.

Für Kärnten selbst war die Abstimmung von enormer Bedeutung. Der 10. Oktober, der Tag der Volksabstimmung, wurde später zum „Tag der Volksabstimmung“ (Kärntner Volksabstimmungstag).

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges besetzten jugoslawische Truppen und Partisanenverbände Teile Kärntens bis nach Klagenfurt. Die Republik Österreich hatte 1945 und 1946 wie auch in Südtirol ein relativ kleines Interesse, die britische Besatzungsmacht zu verärgern [2]. Die Briten hatten allerdings ein Interesse daran, die jugoslawischen Truppen so schnell wie möglich aus dem Gebiet zu verdrängen, um ihre eigene Nachkriegsordnung durchzusetzen.

In Südtirol war die Angelegenheit genau andersherum: Die Briten waren fest davon überzeugt, Südtirol müsse bei Italien bleiben, weil die Gefahr einer kommunistischen Machtübernahme in Italien zu groß sei. Infolgedessen überzeugten die Briten die US-Amerikaner, die Südtirol als Besatzungsmacht kontrollierten, die Besatzung zu beenden und die Südtirol Ende des Jahres 1945 an die reguläre italienische Verwaltung zurückzugeben. Folglich war Südtirol das erste deutschsprachige Territorium ohne alliierte Besatzung.

Literatur:

[1] Knut Lehmann-Horn: „Die Kärntner FPÖ 1955 – 1983: Vom Verband der Unabhängigen (VdU) bis zum Aufstieg von Jörg Haider als Landesparteiobmann“, Universitätsverlag Carinthia, Klagenfurt 1992

[2]Otto Scrinzi: „Politiker und Arzt in bewegten Zeiten“, Stocker Verlag, Graz 2003

[3] Eva Pflanzelter: „Südtirol unterm Sternenbanner: Die amerikanische Besatzung Mai – Juni 1945“, Edition Raetia, Bozen 2020

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..