Sonnwend oder Herz-Jesu?

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Das Narrativ, das Tiroler Volk hätte 1796 aus freien Stücken einen Bund mit dem heiligsten Herz Jesu geschlossen, woraus die Herz-Jesu-Feuer hervorgingen, ist eine geschichtliche Erfindung. Faktisch handelte es sich um einen Landtagsbeschluss, der dem Tiroler Volk aufgezwungen wurde, eingefädelt durch Geistliche, die die ideologischen Fronten um 1800 erkannt hatten. Gleichzeitig wurde vom Volk nach einem 40-stündigen Gebet die Treue zur Verfassung verlangt.

Von einem Tiroler Freiheitswillen wollten die Habsburger in den Jahrzehnten nach 1815 wenig bis gar nichts wissen. Das änderte sich auch 1876 nicht, an der Spitze des Tiroler Kulturkampfes, wo es darum ging, die Tiroler zu domestizieren und von deutschfreiheitlichen Tendenzen zu „befreien“. Die „Bergfeuer“ waren als – vermeintlich – „katholische“ Feuer gut und günstig.

Liest man die Tiroler Zeitungen der 1870er bis 1890er-Jahre, ist auffällig, dass zwar Sonnwendfeuer, aber keine Herz-Jesu-Feuer vorkommen. Die geschichtlichen Aufzeichnungen in den Zeitungen legen nahe, dass erst ab 1876, am Höhepunkt des Tiroler Kulturkampfes, die Herz-Jesu-Feuer gezielt vorangetrieben wurden, um die Sonnwendfeuer zu bekämpfen.

Historisch dürften in Tirol, wie auch in anderen mitteleuropäischen Ländern, Jahresfeuer wie die Sonnwendfeuer begangen worden sein. Diese Jahresfeuer hatten weder einen politischen noch einen kirchlichen Charakter.

Der Kapuzinerpater Heribert von Salurn (*1637 in Salurn, +1700 in Meran) schreibt zu den Sonnwendfeuern: „Nit allein in Städten und Dörffern / sondern auch auff den Bergen / wo Häuser seyn / da jubiliret man / da tanzt man da / hupffet man / und springet man / da singet man / und juchzet man / und erzeigt bey dem Sonnewendfeuer allerley Freudenzeichen / welches sonst an keinem Tag das gantze Jahr geschicht“.

Sonnwendfeuer wurden in Tirol um 1700 praktiziert.

Diese geschichtlichen Fakten decken sich mit den Aufzeichnungen, die Richard Wolfram in Tirol machte [1]. Im Vinschgau dokumentierte Wolfram in den 1940er-Jahren die Aussage eines Einheimischen: „Die Bauern haben nur Holerpfann, die Südmärker die Höhenfeuer und die Kirchlichen die Herzjesufeuer“. Damit wird unterstrichen, dass die einfache Bevölkerung Bräuche wie die Holerpfann praktizierte, während die Deutschfreiheitlichen – im Konkreten der Verein „Südmark“ – auf Sonnwendfeiern und die Kirchlichen auf die Herz-Jesu-Feuer setzten.

In die selbe Kerbe fällt die Aussage eines Einheimischen aus Obermais, den Wolfram anführt: „Die Sonnwendfeuer sind von den Deutsch-freiheitlichen, die Herzjesufeuer von den Klerikaldeutschen, die Holerpfannfeuer waren immer schon.“

Ab 1876 wurden die Feuerbräuche gezielt klerikal ausgelegt.

Der geistliche Dichter Joseph Seeber verfasste das Herz-Jesu-Bundeslied. Erschienen war das Bundeslied im „Festgruß zur Säcularfeier des Bundes Tirols mit dem göttlichen Herzen Jesu“, das Seeber 1896 herausgab. Es handelte sich um eine Publikation der klerikalen Bewegung „Alt-Tirol“. Im „Bundeslied“ spielte sich Seeber mit der Strophe „Stehen wir trotz Hohn und Spott“ zwar als „Märtyrer“ auf, Seeber war allerdings alles andere als ein Opfer, sondern ein politischer Agitator im Tiroler Kulturkampf.

Am 21. Juni 1899 rief die in Innsbruck erscheinende „Die Post – Zeitung für das christliche Volk der Alpenländer“ (auch „Tiroler Post“) dazu auf, die Sonnwendfeuer im Sinne des Herzen Jesu umzuinterpretieren:

„Auf zur Sonnwend… Unser Herz für Gott erglühen!“

Ähnlich riefen die radikal-klerikalen „Tiroler Stimmen“ gegen den „teutschen“ Sonnwendbrauch auf:

Treue zur Kirche statt „teutsche“ Sonnwendfeier

Als am 21. Juni 1899 in Innsbruck Sonnwendfeiern am Berg und im Tal begangen wurden – alleine an der Talfeier sollen 6.000 Personen teilgenommen haben [2] – und in diesem Zuge kirchenkritische Aussagen getätigt wurden, verfasste der Brixner Fürstbischof Simon Aichner am 30. Juni 1899 einen Hirtenbrief, der am 3. Juli 1899 von allen Kirchenkanzeln verlesen werden musste. Die Teilnahme an Sonnwendfeiern war daraufhin aus kirchlicher Sicht strengstens untersagt.

Insgesamt war die Eskalation perfekt. Vielleicht hätte man die Bergfeuer als Verbundenheit der Menschen zur eigenen Natur belassen können, anstatt diese religiös aufzuladen und zu verzerren.

Letztlich setzten sich im Kulturkampf die Herz-Jesu-Kämpfer durch. Sonnwendbräuche wurden entweder christlich uminterpretiert oder als „Sünde“ ausgemerzt. Bis heute.

Literatur:

[1] Richard Wolfram: „Die Jahresfeuer“, Veröffentlichungen der Kommission für den Volkskundeatlas in Österreich, Wien 1972

[2] Irmgard Plattner: „Fin de siècle in Tirol. Provinzkultur und Provinzgesellschaft um die Jahrhundertwende, Studienverlag, Innsbruck / Wien 1999

Eine Antwort zu „Sonnwend oder Herz-Jesu?“

  1. Avatar von Gudrun Sprenger
    Gudrun Sprenger

    Gut recherchiert ! Die Sonnwendfeuer begreiflich machen, ist schwierig.

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