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Festzug 500 Jahre Tirol bei Österreich – und die Folgen

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Während die Klerikalen 1863 in Tirol „300 Jahre Konzil von Trient“ feierten, feierten die Freiheitlichen „500 Jahre Tirol bei Österreich“. Der Festzug, der die 500 Jahre bei Österreich zelebrierte, wurde ein nationales Bekenntnis. Die Klerikalen setzten in der Folge alles daran, derartige Feierlichkeiten „nie wieder“ zuzulassen.

1863 jährte sich das Konzil von Trient zum 300. Mal. Für die Tiroler Klerikal-Konservativen sollte es in Trient als ein Hochfest begangen werden, um – mit viel Weihrauch und Gebet – zum politischen Kampf gegen die Liberalen und Protestanten aufzurufen und um die „Glaubenseinheit“ in Tirol politisch zu stilisieren, ja zur einzigen Überlebensfrage Tirols zu deklarieren.

Die „Glaubenseinheit“ wurde mit der „Landeseinheit“ gleichgestellt und sollte als Spitze gegen das Deutschtum wirken. Der Rückgang des Deutschtums im Etschtal war aus klerikal-konservativer Sicht gut und günstig, um eine „gemischtsprachige“ Klammer für Gesamttirol zu erwirken. Das Denken in Nationen war undenkbar. Freilich und wie immer nur auf deutscher Seite, die Trientner Klerikal-Konservativen dachten wie die Trientner Liberalen zunehmend national.

Für die Konservativen waren 1863 konfessionelle Themen wichtiger als die Zugehörigkeit zu Österreich. Der Vorwurf des „Ultramontanismus“, den die Freiheitlichen den Klerikalen machten und der eine Orientierung über die Berge hinweg nach Rom und zum Vatikan bezeichnete, war treffend. Rom war den Tiroler Konservativen weitaus wichtiger als die deutsche Kulturnation.

1863 jährte sich zudem zum 500. Mal die Vereinigung Tirols mit Österreich. Dieses Ereignis sollte ein Hochfest der Deutschfreiheitlichen werden, um gleichzeitig das Februarpatent 1861 zu huldigen, welches ein Verdienst der Freiheitlichen als Verfassungspartei war. Die erkämpfte Verfassung beendete den durch Kaiser Franz Joseph praktizierten Neoabsolutismus endlich.

Die Feierlichkeiten sollten durch einen Festzug mit Beteiligung von Schützen aus allen Tiroler Landesteilen vonstatten gehen. Grund genug für die Konservativen, gegen die Feierlichkeiten zu wettern. Dass die Schützen für freiheitliche und nicht für klerikale Belange marschierten, war aus klerikaler Sicht „Majestätsbeleidigung“ und Sakrileg zugleich.

Als klerikale Gegenveranstaltung wurde gleichzeitig ein Freischießen am Berg Isel organisiert mit der Intention, die Beteiligung von Schützen an der Gedenkfeier zu 500 Jahren Tirol bei Österreich in Innsbruck möglichst gering ausfallen zu lassen.

Zur Eskalation kam es deshalb, weil sich die Freiheitlichen anmaßten, nicht nur Tiroler Schützen und Schützen der österreichischen Bundesländer, sondern auch „Schützen des bundesgenössischen Deutschland“ einzuladen. Die Klerikalen befürchteten eine „liberal-reichspolitische Großkundgebung“, legten Protest ein und waren echauffiert, ja erschüttert.

Der Konservative Anton Di Pauli rief, angesichts der erwartbar vielen Tiroler, die zum Festzug nach Innsbruck wollten, zum schwarzen Strategiewechsel auf: Die Konservativen sollten in Massen nach Innsbruck strömen, um die Bauern und Schützen nicht in die Hände der Liberalen zu geben. Gleichzeitig machte den Konservativen das Gerücht zu schaffen, dass womöglich der Kaiser selbst am Festzug in Innsbruck erscheiken würde.

Der Statthalter Tirols, Karl Johann Prinz von Lobkowitz, versuchte, von der österreichischen Regierung politische Zugeständnisse für Tirol abringen zu können. Die Konservativen brauchten politisches Kapital im Kanpf gegen die aufstrebenden Freiheitlichen.

Letztlich erschien Kaiser Franz Josef, erfüllte keine politischen Forderungen, der Jubel der Massen war groß, die politische Ernüchterung angesichts der mangelnden Zugeständnisse auch. Insgesamt waren rund 5.000 Personen in Innsbruck anwesend. Otto Stolz berichtet von deutschen Fahnen, dem Deutschlandlied und deutschnationalen Sprüchen, die in Innsbruck durch Turner, Studenten, Bürger und Schützen vorgebracht wurden.

Tobias Wildauer wirkte als Festredner und verfasste die Festschrift, trug dazu bei, dass die 500-jährige Zugehörigkeit Tirols zu Österreich „richtig“ begangen wurde. Zahlreiche Deutschtiroler Kompanien nahmen teil. Die Welschtiroler fehlten gänzlich.

Die Folgen

Dass Landbevölkerung und Schützen – selbstverständlich – für freiheitliche und deutsche Belange marschierten, war für die Klerikal-Konservativen eine „Betriebsstörung“ in Tirol.

Die Tiroler Schützen wurden folglich bis 1909 wesentlich politisch uminterpretiert.

Im 19. Jahrhundert standen grundsätzlich zwei Wehrkonzepte zur Verfügung:

  • Ein obrigkeitshöriges, feudales und kollektives Wehrkonzept durch Thron und Kirche, wie es die Klerikal-Konservativen propagierten
  • Die Wehrhaftigkeit des Einzelnen, wie sie aus der freiheitlichen Weltanschauung, spätestens ab 1848, resultiert.

Gerade von freiheitlicher Seite kamen wesentliche Impulse zu Wehrpolitik und Landesverteidigung. Ohne diese Inpulse wären die Tiroler Grenzkriege 1848, 1859 und 1866 ein Desaster geworden. Die Wehrgesetze der 1970er-Jahre „befreiten“ die Tiroler Schützen jedoch von der Verteidigungsfunktion und machten aus ihnen einen Verein.

Die Freiheitlichen sahen die Jahrhundertfeier 1909 als eine Gelegenheit, den deutschen Charakter Tirols zu behaupten und den Aufstand von 1809 als wesentlich für die Geschichte der Freiheit einzuordnen.

1909 wurde in diesem Geist das Adolf-Pichler-Denkmal in Innsbruck enthüllt.

Die politisch-kulturelle Vorherrschaft im Land Tirol sowie im Staat Österreich waren jedoch eine katholisch-konservative.

Zentral war in der Choreografie der Klerikalen die Inzenierung des „guten“ Kaisers Franz Joseph. Nationales Bewusstsein, wie es anlässlich der Feierlichkeiten von 1863 zentral war, wurde bewusst unterschlagen, weil der Staat Österreich längst in einer nationalitätenpolitischen Sackgasse stand.

Daneben wurde die katholische Kirche in die Inszenierung eingebaut, sollte das verbindende Band darstellen, die Glaubenseinheit beschwören und die Nationalitätenfrage neutralisieren. Freilich spielte der katholische Glaube im ländlichen Tirol stets eine wichtige Rolle. Nun wurde der Katholizismus jedoch politisch aufgeladen und zum aufoktroyierten Massenkult.

Jahrhundertfeier 1909: Messe am Bergisel

Der Rückgriff auf den Herz-Jesu-Kult erlaubte es den konservativen Eliten, ihre patriotische Botschaft in der Bevölkerung zu verbreiten. Der Fürstbischof von Brixen betonte in seiner Predigt am 29. August 1909 am Bergisel: „Mit Gott und wegen Gott sind unsere Väter für Kaiser und Vaterland in dem Kampfe zum Siege oder zum Tode gegangen.“ Kein Wort von Freiheit.

Der Wiener Hof, die Staatseinrichtungen sowie die katholische Kirche bemühten sich um die Rezeption Andreas Hofers „für Gott, Kaiser und Vaterland“. Daneben floss viel Geld für Schießstände, Fahnen und Kompaniegründungen. Die Tiroler Schützen wurden seit den Wehrgesetzen 1870er-Jahren aus der Landesverteidigung ausgeklammert und infolgedessen als ein kultureller Verein behandelt. In einer Zeit, in der die Schützen für den Staat keine militärische Rolle mehr einnahmen, sondern eine gesellschaftspolitische, wuchs die Zahl der Schießstände drastisch an [1]:

Schießstände in Tirol

Kaiserhaus, Kirche, adelige Gönner und klerikal-konservative Elite sorgten in der Folge dafür, dass die Schützenvereine systematisch auf „Gott, Kaiser und Vaterland“ getrimmt wurden und ein Pendent zu dezidiert deutschnationalen Vereinen wie Turnvereinen, Gesangsvereinen, Schulverein oder Studentenverbindungen darstellten.

Die Konsequenzen dieser politischen Vereinnahmung wurden nördlich des Brenners spätestens 1934 deutlich.

Literatur:

[1] Laurence Cole: Für Gott, Kaiser und Vaterland. Nationale Identität der deutschsprachigen Bevölkerung Tirols 1860–1914“, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2000

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