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Wer war Josef Beikircher?

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Josef Beikircher war Textilunternehmer in Mühlen, der eigentliche Gründer der Tuchfabrik „Mössmers Loden“, später Wasserkraft-Pionier und Turbinenbauer. Darüber hinaus sah sich Beikircher, von freiheitlicher Gesinnung und Mitglied im Deutschen Schulverein, der klerikalen Fortschrittsverhinderung ausgesetzt.

Geboren und aufgewachsen ist Josef Beikircher am 15. September 1850 im Dorf Mühlen in Taufers. Er entstammte einer einfachen Weberfamilie und übernahm schon in jungen Jahren Verantwortung für seine Geschwister nach dem Tod seines Vaters.

Beikircher zeigte früh ein großes Interesse an Technik: In Innsbruck studierte er Textilmaschinen und begann, diese selbst zu entwerfen und mechanisch nachzubauen. Zurück in seiner Heimat gründete er 1874 eine Fabrik für Wollstoffe und naturgefärbte Lodenware. Dort beschäftigte er anfangs um die 15 Arbeiter. Sein Loden fand sogar Kunden im Kaiserhaus, was seiner Produktion beachtliche Aufmerksamkeit verschaffte.

Persönlich und weltanschaulich prägend wirkte auf Josef Beikircher die Freundschaft mit Josef Daimer, der 5 Jahre vorher in Sand in Taufers zur Welt kam. Daimer begründete die Sektion Taufers des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Der Arzt Daimer war Sängerschafter und Corpsstudent in Innsbruck und später Ministerialrat in Wien.

Mit Emil von Ottenthal, Sohn des deutschfreiheitlichen Landtagsabgeordneten und Arztes Franz von Ottenthal, war Josef Beikircher im „Tauferer Leseverein“ aktiv, hinter dem ein politisches Wertegerüst steht, nämlich ein freiheitliches und deutschbewusstes. Diese Freiheitlichkeit bescherte Beikircher zahlreiche Probleme mit den Klerikalen, die gegen seine Projekte vielfältigen Widerstand leisteten, dabei eine retardierte Weltanschauung mit knallharten wirtschaftlichen Eigeninteressen verbanden.

Die Schützenkompanie Taufers warb 1883 mit dem Spruch „Üb’ Aug und Hand fürs Vaterland“ für den Schützenball. Der Reinerlös sollte der neugegründeten Feuerwehr zugute kommen. Josef Beikircher wurde am Gründungstag Mitglied der Feuerwehr, die mit „Gut Heil!“ ihren turnerischen Hintergrund darlegte. Schützen, Feuerwehrer und Turner, das war damals ein und dieselbe Bewegung, nämlich eine nationale.

Im Jahr 1888 wird Beikircher Mitglied im Deutschen Schulverein.

Trotz anfänglicher Erfolge blieb es für Beikircher schwierig, sich unternehmerisch durchzusetzen. Sein Unternehmen hatte mit drei Problemen zu kämpfen: Dem Ausfuhrzoll ins Deutsche Reich, der Industriefeindlichkeit des damals feudal-klerikalen Pustertals sowie der Schwierigkeit, an Kapital zu kommen.

1885 nahm er einen stillen Teilhaber auf, weniger aus Überzeugung denn aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, doch führte dies sehr bald schon zu erheblichen Spannungen. Der Partner, Josef Moessmer, der in Retz in Niederösterreich zur Welt kam und eigentlich von Anfang an mehr das Kaufmännische als das Technische interessierte, war daran interessiert, neue Muster zu fabrizieren, die der Mode der Zeit entsprachen. Dieses Vorhaben trieb das Unternehmen weit in die Schulden. Der Wiener Bankier Alexis Lazarich wurde öffentlicher Teilhaber. Im Jahr 1890 verlangten Mössmer und Lazarich auf den Tag genau jenes Geld zurück, das diese in den Betrieb geführt hatten. Beikircher stand vor dem finanziellen Ruin.

Über einen Kaufvertrag übernahmen sie das Unternehmen, das Fariksgebäude und das Wohnhaus Josef Beikirchers. Josef Mössmer verlegte die Fabrik 1893/94 nach Bruneck, wo sie unter dem Namen „Tuchfabrik Moessmer“ weiterbestand. Es ist folglich historisch unkorrekt, dass die „Tuchfabrik Moessmer“ 1894 gegründet worden wäre. 1894 fand lediglich ein Umzug mit neuen Eigentumsverhältnissen statt.

Nach diesem Rückschlag kehrte Beikircher nach Mühlen zurück, erwarb einen Gasthof und begann, sich mit Elektrotechnik zu beschäftigen. 1893 errichtete er ein eigenes Wasserkraftwerk, das als eine der ersten Anlagen in Südtirol elektrischen Strom erzeugte. Faktisch handelte es sich um das vierte Werk: Das erste wurde 1886 in Gossensaß von Ludwig Gröbner errichtet, das zweite 1892 beim Sulden-Hotel und das dritte 1886 an der Rössler Kunstmüle in Bozen. Josef Rössler war Mitglied im „Deutschen Verein für Dolomitenhäuser“, den Theodor Christomannos gründete. Mit der Errichtung des vierten Werkes durch Josef Beikircher waren alle vier Werke in einem freiheitlichen Kontext angeordnet.

Ironie der Geschichte: Josef Beikircher ging mit dem Gasthaus zwar in Konkurs, hatte mit dem Wasserkraftwerk aber einen erfolgreichen unternehmerischen Neubeginn geschaffen.

Aufbauend darauf entwickelte sich sein Unternehmen zu einem vielseitigen Betrieb für Maschinenbau, Elektrotechnik und Wasserinstallationen, die er mit seinen Söhnen Josef, Gustav, Emil und Eugen als „Elektromechanische Werkstätten“ führte. Betrieben wurden die Planung und der Bau von Turbinen, Elektrizitätswerken und Sägen. Die Unternehmung konnte sogar bis nach Russland wirken.

Der Enkel, Adolf Beikircher, promovierte 1930 in Turin in Elektrotechnik, begann im väterlichen Turbinenwerk und konzentrierte sich vorwiegend auf Turbinen für Großwerke, wurde technischer Leiter des Elektrizitätswerkes der Gemeinde Bruneck und war in den 1960er und 1970er Jahren ein weichtiger Berater zu Fragen der Energiepolitik im Rahmen der Autonomieverhandlungen mit Italien. Adolf Beikricher heiratete Flora von Ingram zu Liebenrain, Fragburg und Graben.

Als Experte für Wasserkraft wurde Josef Beikircher 1896 Berater der Handelskammer Bozen („fachmännische Beurteilung von Wasserkräften“), wo er mit freiheitlichen Gesinnungsgenossen, etwa dem Handelskammerpräsisenten Paul Welponer, zu tun hatte.

Ende der 1890er wurde Beikircher als Berater für das Unternehmen Siemens & Halske herangezogen, das vom Brunecker Bürgermeister Josef Mayr (deutschfreiheitlich) beauftragt wurde, eine öffentliche Stadtbeleuchtung auszuführen.

In diesem Zuge kam Beikircher in Kontakt mit Oskar von Miller, dem deutschen Wasserkraft-Pionier, der als Berater für Siemens und AEG tätig war und eine Vielzahl an elektrotechnischen Projekten ausführte. Oskar von Miller war ein Verwandter von Flora von Ingram zu Liebenrain, Fragburg und Graben. In Bruneck suchte Miller mit seinem Ingenieur Louis Bernard nach Wasserkraftpotenzialen. Hier konnte er auf die Erfahrungen Josef Beikirchers zurückgreifen.

Das Projekt geriet ins Stocken, weil im Brunecker Magistrat sowie aufgrund der unterschiedlichen Interessehaltung durch lokale Akteure, die eigene Wasserkraftwerke bauen wollten, allerlei Alternativen ins Spiel gebracht werden. Gerade die Kirche, grundsätzlich gegen technologischen Fortschritt, sah sprichwörtlich die Münzen rollen.

Josef Beikircher sag sich dem kirchlichen Widerstand ausgesetzt, schrieb von einer „klerikalen Clicque“ und einer „schwarzen Gesellschaft“ rund um Prälat Aemilian Schöpfer, die wirtschaftliche Eigeninteressen verfolgten, indem Grundstücke gekauft werden in der spekulativen Erwartung, die Wasserkraft für die Stadt Bruneck liefern zu können.

Letztlich wurde der Mühlbacherbach bei Gais ausgebaut und 1903 erstrahlte, rund 10 Jahre später als in Mühlen, das elektrische Licht in Bruneck.

Elektrifizierung und Eisenbahnwesen gingen zu jener Zeit Hand in Hand. Neu gebaute Wasserkraftwerke benötigten Abnehmer für den elektrischen Strom. Beikircher setzte sich aktiv für den Bau einer Eisenbahn zwischen Bruneck und Sand in Taufers ein.

Eisenbahnprojekt Bruneck – Sand, Bauunternehmung Ing. Josef Riehl

Der Eisenbahnpionier Ingenieur Josef Riehl und der Elektrotechniker Josef Beikircher planten und finanzierten eine Bahnstrecke von Bruneck nach Sand in Taufers. Faktisch bemühte sich Josef Beikircher seit 1888 um den Bau der Eisenbahn, um diese dann in das Eisenbahnetz der Südbahn, Franzensfeste – Villach, einzugliedern. Dieses Vorhaben weckte zahlreiche Widerstände, doch Beikircher gab nicht auf. Josef Riehl war in Tirol sowieso bei jedem Eisenbahnprojekt federführend dabei. Nach jahrelangen Bemühungen konnte die Strecke, die Tauferer Bahn, schließlich am 20. Juli 1908 eröffnet werden.

Felix Karl Wolff bezeichnete die Bahn 1909 in der „Deutschen Alpenzeitung“ als die „modernste Bahn Tirols“:

Josef Beikircher wurde 1901 der erste Autobesitzer im Pustertal.

Josef Beikircher wirkte im besten deutschfreiheitlichen Sinne auch im Kultur- und Schulbereich, übernahm unter anderem den Vorsitz des Baukomitees für den Neubau des großen Schulhauses in Taufers, das zwischen 1909 und 1912 errichtet wurde.

Nach dem Tod Josef Beikirchers übernahmen zunächst seine Söhne und später sein Enkel Dr.-Ing. Adolf Beikircher den Betrieb und richten ihn zunehmend auf den Bau von Turbinen, insbesondere Pelton-, Francis- und Kaplan-Turbinen, auch für Großanlagen aus. Heute besteht das Unternehmen nicht mehr.

Im Mai 2026 erregte der Abriss der historischen Mühle für öffentliches Aufsehen: Eine Unterschutzstellung konnte jedoch nicht erreicht werden, sodass das Bauwerk zum Abriss freigegegeben wurde.

Stol.it am 13. Mai 2026

Literatur:

[1] Ivo Ingram Beikircher: „Josef Beikircher (1850–1925). Ein Mann der Gründerjahre in Tirol“, Studienverlag, Innsbruck / Wien / Bozen 2008

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