Das Architektur- und Ingenieurbüro Musch & Lun wirkte im Rahmen der Hotel- und Villenarchitektur in Tirol vom 19. zum 20. Jahrhundert stilprägend. Doch nicht nur: Mit dem „Masterplan“ Merans wirde die moderne Stadt „erfunden“. Darüber hinaus waren Josef Musch und Karl Lun freiheitlich gesinnt.
Die Familie Lun stammt vom Lunhof in Unterplatten am Ritten ab. Bruder Heinrich Lun übernahm den väterlichen Weinhandel und wurde Gemeinderat für die Alldeutschen in Bozen, war im „Turnverein Jahn Bozen“ aktiv sowie im „Deutschen Volksverein für Südtirol“.
Die 1840 gegründete Kellerei Alois Lun (heute H. Lun) mit Weinverkauf in der Kapuzinergasse gilt als älteste private Weinkellerei Südtirols und wurde durch Heinrich Lun weitergeführt:

Der Bruder Karl Lun (oder Carl Lun) wurde 1853 in Bozen geboren, besuchte das Gymnasium in Brixen, Bozen und Feldkirch, begann das Polytechnikum in München und wurde schließlich 1877 an der Hochschule Wien zum Bauingenieur. Bis 1880 war Lun in Bozen Staatsingenieur in der Bezirkshauptmannschaft und gründete mit seinem Schwager Josef Musch eine Baukanzlei mit dem Namen „Bureau für Architektur und Ingenieurbau Musch & Lun“. Daneben wurde eine Tischlerei betrieben, um Einrichtungsgegenstände zu erzeugen.
In diesem Sinne ergänzten sich Carl Lun und Josef Musch kongenial: Musch stand für das Ästhetische und Karl Lun für das Technische. Gerade das Technische ist erwähnenswert, weil man Musch & Lun eher mit Villen-Architektur verbinden würde.
Im Jahr 1881 arbeiteten Musch&Lun ein urbanistisches Konzept für Meran aus und setzten damit die Grundlage für die Entwicklung der Kurstadt Meran.
Karl Lun bemühte sich um das Meraner Kurwesen, gehörte von 1893 bis 1908 dem Gemeindeausschuss Meran, war deutschfreiheitlicher Gemeinderat, und Mitglied und Obmann des Baukomitees. Zudem war er Mitglied des Passerkomitees, des Sanitätskomitees, der Gastkommission, des Straßenkomitees, des Gewerbekomitees, im Vorstand des „Vereins für Alpenhotels“, Obmann der Etschgenossenschaft Töll-Passermündung sowie seit 1907 Mitglied des Verwaltungsrates der Rittnerbahn.
Die 1897 gegründeten Etschwerke gingen wesentlich auf Karl Lun sowie auf die beiden freiheitlichen Bürgermeister Julius Perathoner und Roman Weinberger zurück.
Karl Lun zeichnetet sich durch eine reiche Büchersammlung mit zahlreichen Tirolensien sowie durch umfangreiche Reisetätigkeiten aus. Die Reisen dienten vor allem auch der Informationsgewinnung, um nämlich den technologischen Nerv der Zeit zu bedienen und um den Stand der Technik für den Bau des Krankenhauses Meran zu erforschen. 1907 erwarb Karl Lun das Hotel „Graf von Meran“.
Das Südtiroler Portal „Salto“ bezeichnet Karl Lun als den Mann, „der Meran das Licht, die Struktur und den Masterplan für die moderne Kurstadt schenkte“:

Karl Lun war es nämlich, der in seinem urbanistischen Plan die Straßenachsen festlegte, die vom Bahnhof zum Zentrum führen. Insgesamt waren Musch&Lun wesentlich daran beteiligt, Stadtentwicklungskonzepte zu erarbeiten und neue Formen der Fortbewegung, nämlich Lokalbahnen und Straßenbahnen einzuplanen. Musch&Lun heuerten Theodor Fischer 1896 an, der in der architektonischen Heimatbewegung eine herausragende Rolle einnahm.
Theodor Fischer plante den Bahnhof in Meran, der durch seine Eingangshalle eine architektonische Wirkung entfaltet, die erst dann zur Gänze nachvollzogen werden kann, wenn man sich die Straßenachsen vergegenwärtigt, die – ausgehend vom Bahnhofsplatz mit dem Andreas-Hofer-Denkmal – die Stadt erschließen.
Zwischen dem Büro Musch&Lun sowie dem Ingenieur Josef Riehl werden zahlreiche Anknüpfungspunkte evident: In der Regel war Josef Riehl mit dem Bau der Straßen und Bahnen befasst, während sich Musch&Lun um jene Hotes und Villen kümmerten, die durch die entsprechenden Verkehrsverbindungen erschlossen wurden.
Josef Musch wurde 1852 in Bozen geboren. Musch war Architekt und darüber hinaus in zahlreichen Vereinen aktiv, nämlich 45 Jahre im Schützenverein Meran, davon 30 Jahre als Vorstand und als Ehrenmitglied des Meraner Schießstandes. Zudem war Musch Mitglied, Chormeister und Ehrenmitglied des Männergesangsvereins Meran. Dieser wurde 1862 gegründet. Der politische Kontext wird klar, wenn man sich die Telegramme ansieht, die 1862 vom Männergesangsverein Brixen oder von der Liedertafel Innsbruck eintrudelten:

Das Büro Musch & Lun baute zahlreiche Hotels, Sanatorien, Ansitze, Villen sowie private und öffentliche Bauwerke. Es handelte sich nicht um ein klassisches Architektur- und Ingenieurbüro, sondern um unternehmerische Tätigkeiten. Dazu gehörte der Erwerb des Waldergutes in Meran-Obermais mit dem Bebau mit mehreren Objekten, darunter das Hotel Austria. Wesentlich war, dass Musch & Lun technologisch mit dem Wasserkraftpionier Oskar von Miller sowie dem Eisenbahnpionier Josef Riehl zusammenarbeiteten.
Bedeutend war wohl auch, dass sich Theodor Christomannos mit dem Architekten und Hotelier Otto Schmid zerstritt, sodass Musch & Lun ins Spiel kamen. Otto Schmid trat 1905 aus dem Verein aus. Infolgedessen wirkte das Büro Musch & Lun als Haus-und-Hof-Planer.
Für den aufkommenden Fremdenverkehr bauten Musch & Lun in der Formensprache des Historismus. Zudem betätigte sich das Büro städtebaulich, indem ein „Stadt-Erweiterungs-Plan für Meran“ konzipiert wurde.

Zu den wichtigsten Bauwerken gehören:
- das Karerseehotel
- das Hotel Brennerbad
- das Hotel Emma in Meran
- das Hotel Plätzwiese in den Pragser Dolomiten
- das Hotel Oberbozen (Parkhotel Holzner)
- der Kirchenbau in Untermais
- die Synagoge in Meran
- die Andreas-Hofer-Kaserne in Meran
- das Volksschauspieltheater in Meran
- der Bau der Suldenstraße
- die elektrische Zentralen Töll und Schnalstal
- das Liebeswerk in Dorf Tirol
- das Schlachthaus in Meran
- der städtische Friedhof Meran
- der Kindergarten Meran
- die Sparkasse Meran
- die Sparkasse Bruneck
- das Dolomitenhaus in Canazei
- das Sanatorium Martinsbrunn
- die Bezirkshauptmannschaft in Meran
- der Bau der Sparkasse Bozen samt Museum (Vorprojekt)
Die Umspannstation in St. Michael in Eppan wurde ganz im Sinne des Historismus mit Turm durch Musch&Lun gebaut und verbindet Technik mit Ästhetik.
Das Sparkassengebäude in Bozen wurde von Professor Alois Delug unter Mitarbeit von Musch&Lun als Vorprojekt geplant.






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