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Wer war Franz Unterrichter von Rechtenthal?

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Der Kalterer Franz Unterrichter von Rechtenthal ist eine der herausragendsten Persönlichkeiten Tirols. Jurist, hochrangiger Beamter, Tiroler Freiheitskämpfer, Abgeordneter zur deutschen Nationalversammlung, Verfasser einer Verfassung für Deutschland. Fast vergessen, doch Schloss Rechtenthal bei Tramin bleibt als Erinnerung.

Franz von Unterrichter kam 1775 in der Goldgasse im Haus Rechtenthal in Kaltern zur Welt. Die Unterrichter stammen aus Pfuss bei Kaltern. Hintergrund der Familiengeschichte ist, dass Herzog Friedrich IV. von Österreich-Tirol, 1415 das Gericht Kaltern vom Hochstift Trient als Lehen empfing, die Familie Unterrichter im Gericht als Gerichtsbeamte wirkten.

1575 erhielten die Unterrichter Wappenbrief und Lehenartikel von Kaiser Maximilian II. Der Richter und Viertelhauptmann an der Etsch Christoph Unterrichter erhielt 1732 von Kaiser Karl VI. den erblichen Reichsritterstand und das Prädikat „von Rechtenthal“. Um 1800 kamen die Unterichter in Besitz von Schloss Salegg in Kaltern, das zuvor im Eigentum der Familie von Seppenburg stand, die mit der Familie Unterrichter verwandt war.

1796 wurde von Franz von Unterrichter das „Lied der wackeren Etschländer“ als deutschtiroler Kriegslied geschrieben, das mit den Zeilen beginnt: „Ja wir stehen hier wie Eichen, die dem Sturm und Blitz nicht weichen, und sein Toben höhnen nur!“ Das Lied wurde nicht publiziert.

Franz Unterrichter besuchte das Gymnasium in Innsbruck und studierte Philosophie und Recht in Innsbruck. In dieser Zeit wurde er durch die josephinischen Ideen geprägt.

Familienwappen: „Thu recht und schau‘ nicht um“

Unterrichter promovierte 1798, wurde Advokat in Rovereto, Beamter beim Landgericht Kaltern, Advokat beim Adels-Gericht Bozen, lehrte Statistik und politische Wissenschaften in Innsbruck, legte danach eine herausragende Beamtenkarriere hin. Ab 1806 war er Justizrat in Ulm (Tirol war Teil Bayerns), 1808 Oberapellationsrat in München. 1809 kämpfte er mit den Kalterer Schützen am Tonalepass, wurde folglich Tiroler Freiheitskämpfer (sein Sohn kämpfte hingegen 1848 am Tonalepass), 1815 wurde er Appelationsrat in Innsbruck. 1816 Justizhofrat in Verona, 1818 Tribunals-Präsident in Belluno, 1821 Vizepräsident zum Appellationsgericht in Venedig und Mailand und kam dann zum innerösterreichischen Appellationsgericht. 1842 wurde er Präsident des Appellationsgerichts in Klagenfurt, wo er 1849 in den Ruhestand trat.

1848 wurde Franz von Unterrichter für den Wahlkreis an der Etsch mit Hauptort Bozen sowie den Wahlorten Ritten, Kastelruth, Karneid, Kaltern und Neumarkt in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Unterrichter war innerhalb des freiheitlichen Lagers ein Kontrahent von Joseph Streiter. Streiter beklagte sich in seinen Memoiren über die Seilschaft für Unterrichter. Streiter wäre gegenüber Unterrichter, obwohl beide freiheitlich und deutschnational waren, der streitbarere und unnachgiebigere gewesen (bei Streiter war der Name also Programm).

Schlussendlich war es dann so: Von den 9 Deutschtiroler Abgeordneten in der Frankfurter Paulskirche war Unterrichter der einzige mit einer dezidiert deutschnationalen Ausrichtung. Die Abgeordneten in Innsbruck und Schwaz waren zumindest gemäßigt deutschnational.

Für Unterrichter, der sich den politischen Fraktionen „Württemberger Hof“ und später „Augsburger Hof“ angliederte, stand die nationale Einigung Deutschlands an erster Stelle, für die er einen Entwurf einer Staatsverfassung anfertigte. Diese Verfassung war kein abstraktes politisches Pamphlet, sondern eine juristische Ausarbeitung, in welcher konkrete Befugnisse dem Reich sowie den Ländern zugewiesen wurden [3].

Unterrichter hielt nichts von Sonderwünschen der Stände und Fürsten und befürwortete ein großes deutsches Heer sowie eine ebenso starke deutsche Flotte.

Die politische Tätigkeit in Frankfurt sollte Unterrichter Schwierigkeiten verschaffen. Wahrscheinlich war die Klarheit seiner Gedanken, in Bezug auf eine Reichsverfassung, Grund genug, um hinterhältig gegen ihn anzukämpfen.

Unterrichter war der einzige Tiroler Abgeordnete, der dezidiert deutschnationale und freiheitliche Positionen einnahm. Die meisten Tiroler Abgeordnete waren Klerikale und Geistliche. Für sie stand die Verhinderung der deutschen Einigung im Vordergrund, weil sie machtpolitische Veränderungen in Tirol befürchteten. Dass Tirol unter allen Umständen katholisch bleiben sollte, es zu keiner „deutschen“ Lösung ohne das Trentino kommen sollte und unter allen Umständen die Religionsfreiheit und die Ansiedlung von Protestanten und Liberalen in Tirol zu verhindern waren, stand für sie im Vordergrund. Alles andere war nebensächlich. Eine deutsche Einigung konnten sie in ihrem Hass gegenüber den deutschen Protestanten nicht befürworten.

Entsprechend massiv agitierten die Klerikalen gegen den „Abweichler“ Unterrichter, insbesondere Beda Weber sowie Ignaz von Giovanelli waren die Hintermänner der klerikalen Lügenpropaganda. Dazu gehörten mediale Diffamierung, das gezielte Schüren von Lügen sowie gezielte Misstrauensanträge auf der Grundlage von Unwahrheitwn, ein probates Mittel der Klerikalen, das bis in die Gegenwart anhält.

Landauf und landab wurde Unterrichter durch das klerikale Netz in beleidigender bis gehässiger Art und Weise vorgeworfen, die politische und konfessionelle „Spaltung“ Tirols voranzutreiben und die Übertragung der Reichsgewalt an einen anderen als den regierenden Fürsten zu befürworten. Eine Auseinandersetzung mit den Positionierungen Unterrichters fand nicht statt. Ziel und Zweck war es, die Landbevölkerung, wie auch gegen Joseph Streiter, aufzuhetzen.

Faktisch machte Unterrichter keinen Hehl aus seiner Haltung, die Gleichbehandlung der Konfessionen zu befürworten, sowie die deutsche Einigung vorantreiben zu wollen, er beabsichtigte allerdings weniger die Abspaltung Welschtirols denn die Stärkung des Deutschen in Tirol und in der Frage, wer genau regieren solle, ob ein fürstliches Direktorium oder Preußen und Österreich abwechselnd, war für Unterrichters nicht ganz klar, im Grunde nebensächlich.

In Sachfragen kann und konnte man unterschiedlicher Meinung sein, die Klerikalen betrieben allerdings gezielte Hetze mit dem Ansinnen, dass sich die Bevölkerung gegen den Abgeordneten auflehnte und ein Misstrauensvotum durchsetzte. Zu diesem Zweck wurde nicht nur die katholische Presse beansprucht, Ignaz von Giovanelli finanzierte sogar eine Unterschriftensammlung und brachte Beleidigungen in Umlauf.

Nicht weniger hetzerisch war der Priester Beda Weber. In ausfälliger Art und Weise unterstellte Weber seinem Konkurrenten Unterrichter allerlei Unwahrheiten, denen letzterer sachlich entgegnete. Faktisch war Beda Weber äußerst wankelmutig, positionierete sich einmal da und einmal dort, wie sein ehemaliger Weggefährte Joseph Streiter bemerkte, letztlich stand immer katholische Machtpolitik im Vordergrund.

Im Dezember 1848 schrieb Unterrichter „Ein paar Worte über die österreichische Frage“, in dem er sich mit verschiedenen Varianten einer deutschen Einigung befasst:

Im März 1849 wurden die österreichischen Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung abgezogen. Österreich wurde unter Franz Joseph I. ein neoabsolutistischer Staat („Kaiserdiktatur“). Die Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung wurden in Österreich observiert und als „Staatsfeinde“ aufgefasst. Politische Parteien oder Studentenverbindungen wurden aufgelöst.

Unterrichter stand ab Dezember 1849 im Ruhestand, ließ sich in Graz nieder, kehrte Tirol aufgrund der vergangenen Polemiken endgültig den Rücken, schrieb 25 Dramen und Übersetzungen.

Unterrichters Frau Josepha Walpurga verstarb 1854. Franz Unterrichter erlitt 1861 ein Fußleiden. 1867 verstarb er mit 92 Jahren in Graz. Begraben wurde er in Kaltern. Für die Tiroler Nachwelt wurde Unterrichter bis heute vergessend gemacht.

In bleibender Erinnerung bleibt Unterrichter bis heute, weil er ein Bauerngut in Tramin zu „Schloss Rechtenthal“ ausbaute, mit den Gütern in Tramin, Kaltern und Pfatten als Witwensitz für seine Frau anlegte. Dass das Anwesen in Tramin heute „Schloss Rechtenthal“ heißt ist alles andere als Zufall.

Interessant ist auch die weitere Familiengeschichte.

Emilie Unterrichter wurde am 14. Dezember 1808 in München geboren. Sie heiratete am 1. Juni 1831 den königlich-preußischen Oberst a. D. Joseph von Niedermayr.

Gottfried Unterrichter kam 1810 in München zur Welt. Er verstarb bereits im Kindesalter im Jahr 1814.

Maria Amalie „Marietta“ Unterrichter wurde am 3. Mai 1812 in München geboren. Sie heiratete am 25. Juni 1843 in Klagenfurt den k. k. Major Christoph Josch.

Karl Freiherr Unterrichter von Rechtenthal, geboren am 1. Juni 1816 in Kaltern, wurde Gutsbesitzer. Er starb am 3. Februar 1902 auf Schloss Campan bei Brixen. 1845 heiratete er Amalie von Putzer, Tochter von Johann Putzer von Reibegg. Putzer von Reibegg war Unterrichters Ersatzmann in Frankfurt und eine der interessantesten Persönlichkeiten Tirols.

Otto Unterrichter von Rechtenthal wurde am 5. Januar 1818 in Kaltern geboren, heiratete drei mal. Seine Ehefrauen waren Maria Gräfin Consolati, Maria Irma Gräfin Tanzi und schließlich Maria Johanna Leopoldine Gräfin zu Welsberg. Sein Sohn Valentin, aus der Ehe mit Gräfin Maria (Irma) Tanzi wurde ebenso auf Rechtenthal geboren wie seine Tochter Josephine, die 1899 den Deutschen Eugen Friedrich von Bressensdorf heiratete.

Adelheid Valentine Elisabeth Unterrichter, geboren am 13. April 1822 in Belluno, starb am 5. Februar 1904 in Bozen. Sie heiratete zunächst David von Szekely und nach dessen Tod am 19. Mai 1850 den k. k. Hauptmann Joseph Dorsner von Dornimthal. Auch über sie sind keine Kinder bekannt, aber ihr Leben umspannte fast das gesamte 19. Jahrhundert.

Schloss Salegg erwarben die Unterrichters um 1800 von der Familie von Seppenburg, die mit den Unterrichters verwandt war. Karl von Unterrichter verkaufte Salegg 1851 an Erzherzog Rainer, was günstig war, weil erst danach Weinkrankheiten wie die Reblaus auftauchten.

Karl von Unterrichter, der mit Amalie von Putzer verheiratet war, zog daraufhin nach München, wo er als Kämmerer wirkte. 1860 erwarb er Schloss Pallaus und das Gut Campan in Sarns bei Brixen. Letzteres wurde bis 1875 zu Schloss Campan umgebaut.

Rechtenthal in Tramin wurde schließlich an Sohn Otto von Unterrichter vererbt, dessen Tochter heiratete Eugen Friedrich von Bressendorf. Aufgrund der deutschen Staatsbürgerschaft der Eigentümer enteigneten die italienischen Faschisten Rechtenthal. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Schloss an die öffentliche Hand.

Schloss Rechtenthal heute

Literatur:

[1] Karl Mittermaier: „Franz von Unterrichter. Eine politische Monographie des Tiroler Politikers in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49“, Verlag A. Weger, Brixen 1991

[2] Horst Dippel: „Visionen eines zukünftigen Deutschlands: Alternativen zur Paulskirchenverfassung 1848/49“, Duncker & Humblot, Berlin 2017

[3] Entwurf einer Staatsverfassung für Deutschland vom Abgeordneten Franz von Unterrichter vom 10. Juni 1848

Entwurf einer Staatsverfassung für Deutschland: Eingabe Unterrichter vom 10. Juni 1848

Unterrichte ist nicht irgendein Abgeordneter zur Frankfurter Nationalversammlung, sondern hat es weit über Tirol hinaus in die Archive zur Nationalversammlung geschafft, wie sein Verfassungsentwurf Deutschlands beweist.

In der Folge wird der Verfasungsentwurf zusammengefasst:

§1 Vorbestimmungen:

„Sämtliche zum deutschen Bunde gehörigen Länder einschließlich Ost- und Westpreußens, der Stadt Posen, des Netzedistrictes und der übrigen vorwiegend deutschen Theile des Landes Posen, dann Schleswigs, des ehemals venezianischen Theils von Istrien, dann der Inseln Cherso[, V]eglia und Oservo bilden das deutsche Staatsgebiet.“

§2

„Die Landeshoheit der einzelnen deutschen Staaten besteht fort, und nur so vieles geht von selber an das Gesamtreich über, als zureicht von Außen die Würde, Sicherheit, Einheit und alle Rechte der deutschen Nation aufrecht zu erhalten. Im Inneren freien Verkehr, Ordnung, Recht und Freiheit jedem deutschen Manne zu sichern, und in den Einzelstaaten oder gar nicht, oder doch nicht in solcher Vollständigkeit zu gewähren thunlich ist.“

In der Folge führt Unterrichter jene Bereiche an, die an das Reich gehen sollten:

a.) Ausschließliches Recht über Krieg und Frieden

b.) Regelung diplomatischer und merkantilischer Verhältnisse

c.) Zölle

d,) Leitung und Aufsicht der Verkehrswege (Land und Wasser) sowie Brücken

e.) Aufsicht und Erhaltung der Kriegsmarine

f.) Oberaufsicht über die Streitkräfte mit einem einheitlichen Generalstab, jedoch Zuständigkeiten der Landesregierungen. Ziel sei „die Aufrechthaltung einer der Würde Deutschlands entsprechenden Kriegsmacht“.

g.) Münzrecht

h.) Schifffahrt

i.) Oberster Schutz der jedem Deutschen zugesicherten Freiheit und dahin bezüglicher Rechte

k.) Aufsicht Reichsgericht

l.) Aufsicht Universitäten, konkurrierend mit Landesregierungen

m.) Abgaben zur Bestreitung der Reichsauslagen

n.) Regiment in der Stadt, in der Reichsregierung und Reichssitz angesiedelt werden

o.) Deutschlandweites Erfindungs- und Patentrecht

p.) Erteilung von Schutzrechten an Fremde

q.) Erlassung allgemeiner Gesetze im Sinne des Reichswohls, „besonders über Heimath und Bürgerrechte“

§2

„Allen auf dem Reichsgebiethe angesiedelten nicht deutschen Volkstämmen wird ihre Nationalität und Sprache zu Kirche, Schule und Verwaltung gewährleistet“.

Unterrichter war also der Vordenker des modernen Minderheitenschutzes.

In Bezug auf das Reichshaupt sah Unterrichter eine erbliche Reichskrone vor. Daraus folgend: „Die Person des Kaisers ist unverletzlich. Er ist für die Ausübung der Regierungsgewalt unverantwortlich, seine Anordnungen bedürfen jedoch zur Gültigkeit der Mitfertigung eines verantwortlichen Ministers“.

„Dem Kaiser gebührt in allem, was zum Reiche gehört, die vollziehende Gewalt allein, die gesetzgebende aber übt er im Vereine mit dem Reichstage aus“

Unterrichter erkannte, dass Kleinstaaterei keine nachhaltige Lösung sei, dass aber auch politische Vielvölkerkonstrukte wie das Kaisertum Österreich keine Perspektive hätten, sondern „zugesicherte Freiheit und Rechte“ jedes Deutschen zentral seien. Unterrichter war Vordenker und Visionär.

Würde man ganz zeitgeistig sein wollen, könnte man – mit viel Ironie – behaupten, Unterrichter sei der „Vordenker Europas“ gewesen.

2 Antworten zu „Wer war Franz Unterrichter von Rechtenthal?“

  1. Avatar von Wer war Johann Putzer von Reibegg? – Demanega

    […] Putzer wurde 1848 zum Ersatzmann für Franz Unterrichter von Rechtenthal im Wahlkreis an der Etsch für die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Beide, Unterrichter […]

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  2. Avatar von Wer war Franz Tappeiner? – Demanega

    […] nicht für Franz Tappeiner, dem der drückende Einfluss der Kirche und der Klerikalen bekannt war. Franz Unterrichter von Rechtenthal, der im Wahlkreis Bozen gewählt wurde, musste das intrigante Wesen Beda Webers am eigenen Leib […]

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