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Der Eisenbahningenieur und Verkehrspolitiker Bruno von Enderes

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Bruno von Enederes kam 1871 in Wien als Sohn einer Schrifststellerin und eines Journalisten zur Welt, studierte Bauingenieurwesen an der Technischen Hochschule Wien und wurde 1890 Mitglied der Wiener akademischen Burschenschaft Teutonia.

Ab 1895 war Enderes Assistent beim Eisenbahn- und Tunnelbauer Franz von Rziha, der in Böhmen und Sachsen rund 500 Kilometer Eisenbahnlinien baute und ab 1878 Professor an der Technischen Hochschule Wien war. Anschließend war Enderes ab 1897 Ingenieur-Assistent der Österreichischen Staatsbahnen und in diesem Sinne im Bereich der Wiener Stadtbahn beim Ausbau der Hoch- und Untergrundstrecken tätig.

1902 wurde Enderes in die Eisenbahn-Baudirektion berufen und wirkte dort als Assistent von Karl Wurmb. Wurmb war im Rahmen der „Neuen Alpenbahnen“ tätig, die Triest an das österreichische Eisenbahnnetz anschließen sollten und die folgenden Strecken vorsahen: die Pyhrnbahn, die Karawankenbahn, die Wocheiner Bahn, die Karstbahn von Görz nach Triest sowie die Tauernbahn. Daraufhin wurde Enderes 1906 zum Oberingenieur und Baurat im Eisenbahnministerium ernannt und übernahm die Bauleitung der elektrischen Bahn Trient – Malé, wechselte aber bereits 1908 in Richtung Aussig-Teplitzer-Eisenbahn-Gesellschaft, einer privaten Eisenbahngesellschaft in Böhmen, wo er nach einem Jahr vom Stellvertreter des Generaldirektors zum Generaldirektor aufstieg.

Die wechselhaften Beziehungen zwischen Staatsbahnen und Privatbahnen sind in der österreichischen Monarchei ein wichtiges Kapitel Eisenbahngeschichte.

Die Verdienste als Generaldirektor bedingten 1917 eine Berufung in das Eisenbahnministerium als Sektionschef für Verkehrsangelegenheiten, besonders für verkehrs- und maschinentechnische Angelegenheiten und für den Ausbau der Stadtbahn. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie ernannte der Deutschösterreichische Staatsrat Enderes zum Unterstaatssekretär für Verkehrswesen. Der Staatsrat stellte die Regierungs- und Vollzugsgewalt der Provisorischen Nationalversammlung von 1918 bis 1919. Ihm standen drei gleichberechtigte Präsidenten der führenden Parteien vor, darunter Franz Dinghofer.

Als Unterstaatssekretär war Enderes für die Elektrifizierung der Alpenbahnen zuständig, die eine Folge der abhanden gekommenen Kohlevorkommen Österreichs war. Enderes richtete die „Elektrifizierungsdirektion“ ein. Zudem war er Bevollmächtigter für die Verwertung des staatlichen Kunstbesitzes. Sinn und Zweck war die Verpfändung des Kunstbesitzes „und die Ausscheidung des Überflüssigen und minder Belangreichen ohne kulturelle Gefährdung“ [9].

Gerade die Bestellung zum Bevollmächtigten für die Verwertung des staatlichen Kunstbesitzes ist interessant. Aus den Sitzungsprotokollen der Staatsregierung Renner II gehen die Debatten zur Bestellung hervor. Karl Renner legt sich fest: „Mir würde Enderes gefallen“. Otto Bauer pflichtete bei, dass Enderes der richtige Mann für Verhandlungen mit Amerika sei: „Ich persönlich bin überzeugt, dass ein Mann wie Enderes die Sache macht, wenn man ihm die Vollmacht gibt. Er ist sehr energisch, wenn er auch von Kunst nichts versteht.“ Der für Verkehrswesen zuständige Minister Ludwig Paul unterstrich: „Enderes spricht Englisch, Französisch und Italienisch und wäre gewiss geeignet“ [8].

Bruno von Enderes begleitete Staatskanzler Karl Renner 1919 nach Paris, um mit den Alliierten über die „unhaltbare wirtschaftliche Lage und das furchtbare Elend des deutschösterreichischen Volkes berichten zu können“ [7].

Aus den Sitzungsprotokollen der Christlichsozialen geht im März 1919 interessanterweise folgende Wortmeldung des Eisenbahnbeamten und Politikers Georg Pischitz hervor: Im „Verkehrswesen haben nur die Deutschnationalen etwas erreicht durch Enderes“ [4].

Bruno von Enderes plädierte 1919 für eine Entkoppelung der Staatsbahnen vom Eisenbahnministerium. Letzteres hätte einzig und allein als oberste Instanz in politischen, technischen und rechtlichen Fragen zu agieren [2]. Zudem plädierte Enderes für lange Hauptbahnen, nämlich Wien – Bregenz sowie Amstetten – Villach und setzte sich eindringlich für die Nutzung der Wasserkraft und die Elektrifizierung der österreichischen Bundesbahnen ein.

Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie stellte sich die Frage, was mit den Eisenbahnlinien geschehen sollte. Die österreichischen Vertreter warnten eindrücklich vor einer Zerstückelung des Eisenbahnnetzes, weil dadurch der internationale Verkehr stark beeinträchtigt worden wäre. Bruno von Enderes trat 1919 stark für eine internationale Eisenbahngemeinschaft ein, weil es im Eisenbahnwesen nicht zielführend sei, wenn sich jeder der Nationalstaaten sozusagen „hinter einer chinesischen Mauer abschließt“ [5].

Von 1919 bis 1926 war Enderes Präsident der internationalen Kommission zur Aufteilung des altösterreichischen Fuhrparkes und Vertreter der Reparationskommission. Innerhalb der Österreichischen Bundesbahnen, die 1923 entstanden, war er bis 1925 Mitglied der Verwaltungskommission. Im Rahmen der 40-jährigen Feierlichkeiten des Durchschlags des Arlbergtunnels 1923 verkündete Enderes, dass die Elektrisierung die „Vollendung“ darstellen werde, die 1924 folgte.

Zudem war er Begutachter der Donauregulierungskommission und 1925 bis 1926 Präsident des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins, 1926 wurde er Ehrenbürger der Technischen Hochschule Wien. Enderes erachtete 1929 die Erste Republik aufgrund ihrer strukturellen Verwerfungen als „nicht entwicklungsfähig und konsolidierbar“ und verlangte aus politischen und wirtschaftlichen Gründen einen Zusammenschluss Österreichs mit Deutschland [6].

1931 erfolgte die politische Betätigung als Vorsitzender im Gründungsausschuss der Nationalen Wirtschaftsbundes, dem der mehrfache Minister und Bundeskanzler Johann Schober vorstand. Bruno von Enderes, der als „Proponent des Anschlusses“ bezeichnet wird [3], plädierte für die Angliederung Österreichs an Deutschland zur Vergrößerung des Binnenmarktes sowie aufgrund der Vorteile für den internationalen Verkehr.

Bruno von Enderes verfasste darüber hinaus zahlreiche Fachpublikationen zu Bundesbahnen, Verkehrsinvestitionen, zur Semmeringbahn, zum Eisenbahnwesen, zu Wirtschaftsfragen und zum Verkehrswesen. Ebenso verfasste er Aufsätze zur Förderung deutscher Kunst, Wissenschaft und Literatur in Böhmen. Bruno von Enderes verstarb 1934 in Wien an einem Schlaganfall.

Literatur:

[1] Fritz Steiner: „Neue Deutsche Biographie“, S. 492 – 493, Duncker & Humblot, Berlin 1959

[2] Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines ÖIAV, Heft 6, 1919

[3] Michael Gehler: „Ungleiche Partner? Österreich und Deutschland in ihrer gegenseitigen Wahrnehmung“, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1996

[4] Johannes Kalwoda, Johannes Schönner, Lothar Höbelt: „Klubprotokolle der Christlichsozialen und Großdeutschen 1918/19“, Böhlau Verlag, Wien 2022

[5] Siegmund Solvis: „Der Weg zur Neuordnung der Österreichischen Bundesbahnen“, Speinger Verlag, Berlin Heidelberg 1933

[6] Thomas Albrich, Klaus Eisterer, Rolf Steininger: „Tirol und der Anschluss Voraussetzungen, Entwicklungen, Rahmenbedingungen, 1918-1938“, Haymon Verlag, Innsbruck 1988

[7] Tiroler Grenzbote, 10.12.1919

[8] Kabinettsprotokoll der Staatsregierung Renner II vom 29.09.1919

[9] Kabinettsprotokoll der Staatsregierung Renner II vom 24.10.1919

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