Der Krampus in Tirol: Ursprung und Brauchtum

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Der „Krampus“ ist im süddeutschen Raum eine gehörnte, in dunklen Pelz gekleidete und mit Glocken ausgestattete Schreckgestalt als Begleiter des Nikolaus. Vielfach kommt der Krampus aber auch ohne den Nikolaus aus.

In Osttirol ist der Krampus in einer Variation als „Klaubauf“ unterwegs. In Teilen Tirols ist auch von „Teufel“ oder „Tuifl“ die Rede. Geläufig ist der Krampus im Alpenraum, in Bayern, Tirol, Südtirol, in der Schweiz, aber auch im slawischen Raum.

„Gruß vom Krampus und Nikolaus“, Postkarte

Der „Krampus“ ist die im gesamten Ostalpenraum verbreitete Schreckgestalt des Nikolausbrauchs. Sein Name wird vermutlich vom mittelhochdeutschen „kramp“ (Kralle) abgeleitet. Otto König vermutete hingegen einen Ursprung im griechischen „krámpos“, was „vertrocknet“ bedeutet, und brachte den Namen mit griechischen Kindermasken in Verbindung, die zur Zeit der Habsburgermonarchie nach Wien gelangt sein sollen.

Der „Klaubauf“, dessen Bezeichnung vor allem im Osttiroler Iseltal und im Südtiroler Vinschgau gebräuchlich ist, wird etymologisch ebenfalls mit mittelhochdeutschen Wörtern für „Kralle“ oder „langer Fingernagel“ in Verbindung gebracht. Er tritt als Schreckgestalt und Kindererschrecker auf. Seine heutige Brauchform entwickelte sich allerdings erst im 20. Jahrhundert und nahm im Laufe ihrer Geschichte verschiedene Einflüsse auf.

Die „Percht“ wiederum ist eine vor allem in den Rauhnächten und um den Dreikönigstag auftretende Gestalt, die in den Sagen des Alpenraums sowohl als wohltätige Figur wie auch als strafende Schreckgestalt erscheint. Die Bezeichnung „Percht“ beziehungsweise „Bercht“ ist bereits in mittelalterlichen Quellen belegt und wird möglicherweise mit dem Dreikönigsfest, dem griechisch bezeichneten Epiphanias, in Verbindung gebracht. Die verbreitete Deutung der Percht als vorchristliche, heidnisch-germanische Gestalt lässt sich nicht eindeutig belegen, ist aber naheliegend.

Das Nikolausspiel, dessen Ursprünge in der Gegenreformationszeit ab dem 16. und 17. Jahrhundert zu suchen sind, ist heute ein Brauch im Alpenraum in Form eines Volksschauspiels als Stubenspiel oder Bühnenspiel für die Bevölkerung, in deren Mittelpunkt der Besuch des Bischofs Nikolaus mitsamt seinem Gefolge steht. Hintergrund war die Vermittlung der Nikolaus-Figur durch die Jesuiten.

Traditionell fällt der der Krampus-Tag auf den 5. Dezember, der Nikolaus folgt am 6. Dezember, darüber hinaus werden in den Wochen vorher und nachher Krampusläufe organisiert.

Beda Weber, beschreibt in seinem Werk „Das Land Tirol“ die Perchten und stellt das „wilde, rauschende Volk“ in Zusammenhang mit griechischen Gottheiten [4].

Intensiv befasst hatte sich mit dem Krampus der österreichische Verhaltensforscher Otto Koenig, der ein Schüler von Konrad Lorenz war und die Biologische Station Wilhelminenberg, hoch über Wien im 16. Bezirk, gründete. Die Otto-Koenig-Warte im idyllischen Ottakringer Wald geht als Vogelbeobachtungswarte selbstredend auf ihn zurück.

Durch den Urlaub in Osttirol entspringt bei Otto Koenig die Faszination für die Tiroler Schützen und für das Klaubaufgehen. Aus der kulturellen Auseinandersetzung mit Tirol entstehen ab 1976 die „Matreier Gespräche für interdiszilplinäre Kulturforschung“

Die Beschäftigung mit den Tiroler Schützen machte Otto Koenig ab 1981 zum Herausgeber des „Tiroler Schützenkalenders“. 1983 entstand das Buch „Klaubauf-Krampus-Nikolaus – Maskenbrauch in Tirol und Salzburg“.

Otto Koenig untersucht in seinen Arbeiten die Ursprünge des Krampus-Kultes. Die christliche Deutung geht von der Legende vom heiligen Nikolaus aus. Im gleichen Zuge untermauert Koenig den naheliegenden Ursprung in der „germanischen“ (oder zumindest vorchristlichen) Mythologie im „Perchtenlaufen“ oder „Perchtellaufen“ und unterstellt die Verwandtschaft zu winterlichen Maskenumzügen und zur „Wilden Jagd“.

Die Bezugnahme zu gemeinschaftsstiftendem Brauchtum in den Wintermonaten im Alpenraum ist evident. Hinzu kommt eine Verortung in Männerbundaktionen.

Otto Koenig machte das Klaubaufbrauchtum medial bekannt, was andererseits bedingte, dass die Masken tendenziell medienwirksamer ausgestaltet wurden und die Authentizität brüchig wurde.

„Gruß vom Krampus“, Ansichtskarte um 1910

Zumindest gesichert gilt, dass der Krampus bis ins Mittelalter zurückricht, dass vorchristliche Traditionen aufgegriffen wurden, ist nicht gesichert, aber naheliegend.

Vielleicht gibt es auch zwei Traditionsstränge, die sich bedingen und vermischen: „Ein christlicher, der nicht unbegründet auf das Jesuitentheater des Barock zurückgeführt wird, wo der Teufel zu pädagogischen Zwecken auftrat und eine ländliche, inneralpine Tradition, in der von Mitte November bis Mitte Jänner gemeinschaftliche Umzüge von maskierten Gestalten stattfanden, denen der Name Krampus erst im 20. Jahrhundert gegeben wurde“ [3].

Evident ist in Form des Krampus eine „groteske Repräsentation von Maskulinität“ sowie eine „sexuelle Konnotation“ [3], die „Der Standard“ feststellen will: Archaisch, wild, maskulin. Damit werden vor allem anderen ideologische Gemeinplätze bedient.

Dass von religiöser Seite in regelmäßigen Abständen ebendo Vorbehalte gegen den Krampus-Figur eingewandt werden, liegt auf der Hand. Der Nikolaus wäre die nettere, liebere, christlichere Variante. Andererseits fasziniert die dunkle Seite der Macht wohl mehr.

Tuifl in Matrei [5]

Friedrich Haider unterstreicht die Dimension des Krampus-Brauchs:

„Mehrere Merkmale dieses Brauches deuten auf ein Fruchtbarkeitsfest der Urzeit hin, erhärten also die vorgefaßte Meinung, Masken, Schellen, besonders aber das Schlagen oder Bestreichen von Männern und Frauen mit Ruten, das die Lebensgeister wecken soll, das auch von der Fasnacht her bekannte Anrußeln, das Einreiben mit Schnee oder Wasser, das in den Brunnen oder in den Bach werfen von jungen Leuten sowie das Über-den-Brunnen-Springen sind wesentliche Kennzeichen alten Fruchtbarkeitszaubers. Durch großen Lärm sollten die bösen Dämonen der Kälte, der langen Nächte, des Schnees und des Eises sowie der Winterstürme gebannt werden. Auch das Verstecken im Korb als Zeichen des Besitzergreifens (besonders von Frauen) gehört zu jenen Äußerungen eines Fruchtbarkeitsfestes, wie sie die Menschen der Urzeit kannten. Heute noch werden solche Feste bei einigen Urvölkern in ähnlicher Weise begangen“ [5].

„Gruß vom Krampus“, Ansichtskarte um 1910

Roland Girtler betrachtet den Krampus hingegen in verschiedenen Dimensionen: Die Perchten, der klassische Krampus als Begleiter des Nikolaus, der zivilisierte Krampus, der erotische Krampus, besonders als Postkartenmotiv, der Krampus als revolutionäres Symbol, der Krampus als Satyr sowie die Klaubaufs [5].

Der Satyr ist eine Gestalt der griechischen Mythologie, ein männliches Naturwesen aus dem Gefolge des Weingottes Dionysos. Satyrn verkörpern ungezügelte Natur, Sexualität, Rausch, Fruchtbarkeit und die triebhaften Seiten des Menschen.

Eine wissenschaftliche Untersuchung von Matthäus Rest und Gertraud Seiser über den Krampusbrauch verweist darauf, dass die romantische Wiederentdeckung bäuerlicher Kultur im 19. Jahrhundert die Beschreibung und Deutung solcher Maskenbräuche wesentlich beeinflusste. Gerade in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entstanden ausführlichere Darstellungen regionaler Bräuche und erste systematische Theorien über deren angeblich heidnischen Ursprung [7].

Bozner Krampusmasken

Karl Wohlgemuth (1867–1933), Bozner Volksschullehrer und Volkskundler, trug eine umfangreiche Sammlung volkskundlicher Gegenstände zusammen, darunter historische Masken und Figuren des Krampus- und Nikolausbrauchtums. Seine Sammlung dokumentiert die Vielfalt regionaler Bräuche und ihrer materiellen Ausdrucksformen und bildet eine wichtige Quelle für deren historische Erforschung.

Im Zuge seiner regen Sammeltätigkeit widmete Karl Wohlgemuth den Masken besonders viel Aufmerksamkeit. Zu dieser Leidenschaft trugen die Worte des Berliner Volkskundlers Dr. Adolf Bastian (1826–1905) bei: „Die Krone der Volkskunst ist die Maske! Suchen sie in Ihrem daran so reichen Lande fleißig danach!» Und stets die Abschiedsworte […] im Kopf machte ich mich emsig hinter die Maskenforschung her und hatte auch gleich Glück dabei […]“ [10].

Für Karl Wohlgemuth war „die Erwerbung der Pragser Masken um 1895 ein erster und besonderer Erfolg am Beginn seiner leidenschaftlichen Sammeltätigkeit, die einer Durchforstung der östlichen Täler des damaligen Tirol nach erwerbbarer Volkskunst gleichkam (…) Die Masken sind aus geschnitztem und bemaltem Holz und stellen Luzifer, den Teufel, den Klaubauf (zwei Masken) und den Tod dar“ [9]. Dadurch, dass die verfügbaren Masken im östlichen Tirol bald ausgeschöpft waren, konzentrierte sich Karl Wohlgemuth auf andere Objekte.

Im Stadtmuseum Bozen befinden sich insgesamt 65 historische Masken, von denen 58 auf die Sammlung Karl Wohlgemuth zurückgehen. Darunter sind zahlreiche Teufels- und Krampusmasken, insbesondere aus dem historischen Nikolausspiel aus Osttirol und dem östlichen Südtirol.

Der Museumsverein Bozen erwarb zwischen 1909 und 1933 mehr als 4.000 Objekte aus Wohlgemuths Sammlung, die in den Bestand des Bozner Museums eingingen.

Die Maskensammlung [8]

Von besonderem Wert ist auch Wohlgemuths Register, in dem er Herkunft, Aussehen und Verwendung der Objekte festhielt und damit wichtige Informationen zur Geschichte des Krampusbrauchs und anderer lokaler Traditionen bewahrte.

Literatur:

[1] Otto Koenig: „Klaubauf-Krampus-Nikolaus. Maskenbrauch in Tirol und Salzburg“, Edition Tusch, Wien 1983

[2] Ulrich Müller und Werner Wunderlich: „Dämonen, Monster, Fabelwesen“, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz / München 1999

[3] Der Standard: „Krampus: Gezähmter Teufel mit grotesker Männlichkeit“, 5. Dezember 2017

[4] Anton Dörrer: „Tiroler Fasnacht innerhalb der alpenländischen Winter- und Vorfrühlingsbräuche“, Österreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst, Wien 1949

[5] Friedrich Haider: „Tiroler Brauch im Jahreslauf“, Tyrolia Verlag, Innsbruck 1968

[6] Roland Girtler: „Gruß vom Krampus. Auferstehung einer teuflischen Kultfigur“, Popular Art im Verlag Christian Brandstätter, Wien München 2001

[7] Matthäus Rest and Gertraud Seiser: „The Krampus in Austria. A Case of Booming Identity Politics“, Ethnoscripts, Hamburg 2018

[8] Stefan Demetz und Silvia Spada Pintarelli: „Krampus. Masken und Postkarten“, Ausstellungskatalog Stadtmuseum und Stadtgalerie Bozen, Bozen 2012 (Link)

[9] Exponat des Monats im Stadtmuseum (Link)

[10] Christopher Pfundner, Sarah-Marie Kavka, Jasmin Vavera: „Erschließung der Glasplattennegative „Haberlandt“ aus der Sammlung des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien“, Österreichische Nationalbibliothek, Wien 2023

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