Im November gedenken wir traditionell der Verstorbenen und Gefallenen, bevor uns im Dezember wieder das Licht erwartet.
Im Bewusstsein des Todes verändern wir den Blick auf das Leben. Wir erinnern uns an die Fragilität allen materiellen Seins, verschieben die Schwerpunkte und ordnen uns neu.
Wir haben da und dort liebe Menschen verloren, können uns gar nicht erst vorstellen, was nach dem Ableben folgt, begleiten Menschen oftmals dorthin – auch in Schritten – und sind vielfach ratlos.
Wie human eine Gesellschaft ist, zeigt sich im Ungang mit dem Leben nach dem Tod. Der Mensch ist Mensch, weil er erinnert und gedenkt. Daraus entsteht auch das, was wir Kultur nennen, das immer etwas Überzeitliches, das Kultivieren von Bleibendem, ist.
Landschaft und Raum materialisieren Erinnerungen. Sie sind bestenfalls Garanten des Bestandes, während das, was in uns drin ist, leider viel zu oft flüchtig vergessen ist, nur da und dort aufgerufen und in Erinnerung gerufen wird. Vielleicht soll das auch so sein. Ansonsten würden uns die vielen Erinnerungen nur überfordern.
Erinnerungen tauchen von Zeit zu Zeit auf und sind dann wieder weg, insbesondere dann, wenn uns der Raum die Erinnerungen zurück gibt: Die Orte unserer Kindheit, der Ausflug mit der Familie, dies und jenes. Verwoben sind die Erinnerungen mit dem Raum. Sie verwandeln den Raum und erhöhen den Raum. Und vollziehen das, was Rainer Maria Rilke meint: „Vergangen nicht, verwandelt ist, was war“. Tröstender könnten Worte nicht sein.
Kein menschliches Leben ist umsonst oder vergessen: Das Leben wird in der Landschaft, im Gebauten und Bebauten materialisiert und konserviert – Menschen hinterlassen Spuren, die bleiben. Aufgehen in Natur, Land und Zeiten. Ein erlösendes Gefühl, das im modernen Bauen leider vertuscht wird.
Zum Leben, das sich im Raum niederschlägt, hält auch der Schweizer Architekt Gion Caminada fest: „Erfahrung muss ich machen, vertiefen, zu Formen ursprünglicher Erfahrung kommen. Erfahrung machen ist Leben und das hat auch mit Erfahrung des Endes zu tun, von dem her das Leben erst seinen besonderen Wert, seine Einzigartigkeit gewinnt – es ist eben nicht unendlich, beliebig verfügbar, immer abrufbar“ 19. Und weiter: „Es geht um das Leben, gar nicht ums Bauen. Um sich am Leben spüren. Intensität kann ich mir nur so vorstellen“.
Zum Leben gehört letztlich auch der Tod. Das schlägt sich in der Landschaft nieder. Orte des Andenkens und Orte des Gedenkens eröffnen diese Ebenen der Trauer, der Demut und der Reflexion über die elementaren Prozesse, die unser Leben ausmachen.
Der Dichter Ernst Jünger eröffnet diese Ebenen in einem seiner Romane so eindrücklich: „Wenn wir vom hohen Sitze auf die Stätten schauten, wie sie der Mensch zum Schutz, zur Lust, zur Nahrung und Verehrung sich errichtet, dann schmolzen die Zeiten vor unserem Auge innig ineinander ein. Und wie aus offenen Schreinen traten die Toten unsichtbar hervor. Sie sind uns immer nah, wo unser Blick voll Liebe auf altbebautem Lande ruht, und wie in Stein und Ackerfurchen ihr Erbe lebt, so waltet ihr treuer Ahnengeist in Feld und Flur“.
Bauen ist – aus diesen Erkenntnissen heraus – dann gut, wenn es die Möglichkeit schafft, dass wir Erinnerungen im Raum verorten können. Die sterile Fassade lässt dies nur bedingt zu. Ebenso das „moderne“ mehrschichtige Baumaterial, das nicht in Würde altert, sondern nach wenigen Jahrzehnten eine Frage für den Bauschutt und die Mülltrennung ist.
Es ist historische Tiefe sowie die Fähigkeit, eine Verbindung mit der Zeit eingehen zu können, die gutes Bauen ausmacht. Es beginnt mit dem Stein und dem Bauholz und setzt sich fort mit der Begrünung.
Immergrüne Pflanzen stehen auch in der kalten Jahreszeit für das ewige Leben. Die Eibe gilt als Baum der Totentruhe, steht als immergrüner Baum für das Leben und für den Schutz gegenüber dunklen Mächten. In mediterranen Gegenden mögen auch andere immergrüne Bäume und Sträucher ihre Verwendung finden. In südlichen Gegenden, aber auch in Südtirol, sind das vielfach Lorbeerbäume, die an der Fassade stehen und das ganze Jahr über vom Leben zeugen und darüber hinaus als Heilkraut Verwendung finden. Immergrüne Zypressen verleihen so manchem Südtiroler Bauernhof das ganze Jahr hinweg eine mediterrane Aura, die auch aus der Entfernung wirkt.


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