Der heute praktizierte Kapitalismus lässt uns im Sinne der vielfältigen Selbstverwirklichungs-Storys zwar ständig glauben, dass alles möglich wäre und unseren Zielen praktisch keine Grenzen gesetzt wären. In der Wirklichkeit läuft im Ökonomismus dieser Zeit allerdings alles auf die ständige Gewinnmaximierung hinaus. Am besten auf Kosten aller anderen profitieren. Und dann gilt für die Arbeitswelt: So viel zahlen wie am Markt notwendig, doch so wenig wie unbedingt möglich.
Das System hinkt durch extrem hohe Lebenserhaltungskosten bei gleichzeitig niveulosen Gehältern (für die meisten) nach. Irgendetwas läuft grundsätzlich falsch und kommt einer Entfremdung gleich. Wer nicht auf Besitz und Bestand oder Vitamin B zählen kann, läuft hinterher.
Dass es abseits derartiger Egomanie auch einen Erfolg geben müsste und gibt, der darauf aus ist, möglichst vielen anderen weiter zu helfen, sie zu zufriedenen Kunden, Geschäftspartnern und Mitarbeitern zu machen und folglich die Welt um uns herum ein bisschen besser zu machen, wird bewusst unterschlagen. Darin bestehen wirklicher Erfolg und Verdienst.
In diesem hinkenden System sind wir dann Nummern und Zahnrädchen, seufzen unter ständig mehr Stress und Druck, weil man alle möglichen Lasten und Extratouren auf uns abstellt, auch weiß, dass das funktioniert, weil ja irgendjemand, der hinten und nicht vorne steht, den Laden am Laufen halten muss und notfalls schneller und hastiger läuft, ja ohnehin nichts zu entscheiden und zu melden har. Wenn es dann vorne und oben nicht läuft, ist schnell die Verantwortlichkeit dort gesucht und gefunden, wo die effektive Arbeit geleistet wird, nämlich hinten und unten. Nichts einfacher, nichts banaler.
Wertschätzung ist das nicht. Geschätzt werden müsste im Sinne der Wert-schätzung, wer effektiv die Werte schafft. Das findet natürlich nicht statt, weil die Paradepferde den Arbeitspferden den Rang ablaufen, die ihrerseits allzu sehr mit den Inhalten befasst sind und keine Zeit für die Ego-Show haben wollen. Bis denn auch aufseiten der Leistungstragenden der innerliche Schlussstrich gezogen wird und meistens der Ritt nach neuen Horizonten erfolgt.
Was wir wert sind? Diese Frage stellen wir uns am besten selbst, sonst stellt sie uns ohnehin keiner. Weil wir meistens mehr wert sind, als man uns glauben lässt. Das erahnen wir spätestens dann, wenn wir uns selbst versuchen und testen und sehen, wie weit wir alleine kommen. Und wenn es dann funktioniert. Dann kennen wir unseren Wert und unseren Preis.
Nach Botho Strauß gilt: „Man muß nur wählen können; das einzige, was man braucht, ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream“. Allerdings: Nichts ist schwieriger, nichts seltener.
Das Unabhängigmachen – in welchem Sinne auch immer -, ist anstrengend, riskant und auch einschneidend. Wir sind auf uns selbst gestellt. Nie lernen wir allerdings mehr. Wir können scheitern – und gewinnen. Wenn wir scheitern, war es ein Lerneffekt. Wenn wir es nochmals versuchen, scheitern wir vielleicht besser. Bis es uns gelingt. Wer diesen Weg nicht wagt, ist es nicht wert.
Wenn wir ganz leben wollen, brauchen wir das agonale Prinzip, den freien Wettbewerb, dort erkennen wir dann wirklich – abseits der Befindlichkeiten von Beziehungen und Vitamin B -, was wir leisten können und was wir wert sind.


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