Das ökologische und grüne Bauen zählt heute zu den interessantesten Schlagseiten des modernen Bauens. Das Konstruieren in Holz mit lebenden grünen Fassaden und Dächern oder mit Stroh- und Schilfeindeckung bietet unbegrenzte Möglichkeiten, aber auch technische Herausforderungen.
Dabei geht es einmal mehr darum, genial zu konstruieren, um nämlich die immanenten „Probleme“ natürlicher Baustoffe durch Gegenmaßnahmen und konstruktive Detaillösungen in den Griff zu bekommen, damit das Natürlich auch nachhaltig ist.
Gebäudebegrünungen sind heute das Um und Auf einer grünen und nachhaltigen Architektur. Einerseits sind es effektiv Pflanzen, die die Dachhaut oder die Fassade bilden, andererseits Pflanzenprodukte wie Stroh oder Schilf, die einen Strohmantel bilden.
Die Vorteile grüner Fassaden liegen auf der Hand. Die ästhetische Wirkung der Begrünungen im Hochbau ist unbestritten, es müssen aber auch die technologischen Maßnahmen richtig gesetzt sein, um das Gebäudegrün nachhaltig und langfristig zu gewährleisten.
Stroh birgt einige Vorteile als Fassaden- und Dachabdeckmaterial, handelt es sich nämlich um ein Abfallprodukt aus der Getreideproduktion. Gerade im historischen Kontext, bei Bauernhäusern, waren Strohdächer lange Zeit eine günstige und nachhaltige Art und Weise, das Dach abzudecken. Ähnlich funktioniert Schilf, wenngleich es sich um ein anderes Pflanzenmaterial handelt. Es ist dann – aus dem Mittelhochdeutschen stammend – vom „Reetdach“ die Rede.
Grundsätzlich sind Stroh- und Reetdächer wärmedämmend, dicht, sturmsicher, leicht und – mit einfacher Pflege – dauerhaft. Garben oder Bündel werden am Dach befestigt und zurecht geschnitten. Die Fixierung erfolgt mit Draht. Um brandschutztechnisch mehr Widerstand zu erreichen, erfolgt die Ausführung von Lehmschindeldächern, bei denen Reet mit Lehm getränkt wird.
Stroh ist natürlich gut als Dämmmaterial einsetzbar, etwa im Holrahmenbau. Teilweise können mit Strohballen aber auch tragende Funktionen angedacht werden. Zunehmend findet Stroh aber auch als Außenhaut Anwendung. Die „Sundby School“ von Hennig Larsen Architects in Dänemark setzt hier neue ökologische Standards [4]. In Kombination mit einer Holzkonstruktion werden dabei im Sinne des grünen Bauens völlig neue Maßstäbe gesetzt.
Grundsätzlich wirft das Bauen mit Stroh zahlreiche konstruktive Fragestellungen auf, nämlich Brandschutz, Feuchteschutz, Langlebigkeit, aber auch der biogene Angriff. Werden diese konstruktiven Herausforderungen erfüllt, wird von 50 bis 60 Jahren Lebensdauer bei Schilfrohr und von mindestens 30 Jahren bei Stroh ausgegangen [3].
Die wärmedämmende Funktion ist durch den Strohmantel natürlich gegeben. Um die Strohfassaden langlebig zu gestalten, sind aber natürlich konstruktive Vorkehrungen notwendig.
Durch eine Belüftung der Fassaden und Dächer sind Feuchteprobleme sowie die Bildung von Schimmel konstruktiv auszuschließen. Dazu wird eine Lüftungsebene durch Lattung und Konterlattung verwirklicht. Die vorgefertigte Strohverkleidung wird auf einer Sperrholzplatte an der Lattung befestigt. Der Kontakt zur Bodenfeuchte ist wie beim Holzbau zu verhindern.
Beim Thema Brandschutz liegt die Tendenz darin, Stroh derart kompakt zu verbauen, dass der für den Brand notwendige Sauerstoff fehlt. Verbaut wird folglich komprimierter Stroh. Hinzu kommen brandhemmende Substanzen. In Kombination mit Lehmputz können brandschutztechnisch widerstandsfähige Konstruktionen entstehen.
Aufgrund der mangelnden Nährstoffe finden Insekten und Nagetiere – im Gegensatz zur begrünten Fassade – das Stroh nicht attraktiv. Es müssen aber natürlich entsprechende Vorkehrungen getroffen werden, um zu verhindern, dass sich Lebewesen in der Fassade einnisten.
Mehr Punk im Bauen!
Bauen darf nicht langweilig sein, sondern muss ansprechend, aufregend und anregend sein. Bauen ist niemals nur die Assemblierung von Materie, sondern immer ein geistiger Entwurf, der die Menschen zum Verweilen, zum Nachdenken und zum Reflektieren anregen muss und in der Folge menschliche Kreativität auslöst. Mehr Punk im Bauen bedeutet, historische Werkstoffe wie Schilf und Stroh, aber auch historische Baumethoden wie Schindeln und Holzfachwerke im modernen Kontext zum Explodieren zu bringen. Ohne Kompromisse.
Literatur:
[1] Ulf Hestermann , Ludwig Rongen: „Frick/Knöll Baukonstruktionslehre 1“, Springer Vieweg, Wiesbaden 2015
[2] Ulf Hestermann , Ludwig Rongen: „Frick/Knöll Baukonstruktionslehre 2“, Springer Vieweg, Wiesbaden 2013
[3] Detail Green, 01/2016, München
[4] Henning Larsen: „An Architect’s Guide to Designing with Straw“, Juni 2023 (Link)


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