Die Schützen waren in Tirol „immer schon“ katholisch-religiös orientiert. Stimmt das überhaupt? Fakt ist: Tirol wurde seit dem Konzil von Trient gezielt katholisiert. Wesentliche Elemente des Schützenwesens waren jedoch nicht klerikal orientiert, sondern handelten aus patriotischer Verantwortlichkeit.
Die Epoche zwischen 1815 und 1915 ist im öffentlichen Bewusstsein der Tiroler Geschichtsschreibung und des Schützenwesens weitgehend ein blinder Fleck. Der Historiker Franz-Heinz Hye widmetet der Epoche in seinem über 200 Seite fassenden Werk über die Tiroler Schützen gerade einmal 1,5 Seiten, ohne die wesentlichen Ereignisse anzusprechen.
Dabei wurden glatt drei Kriegseinsätze an der Tiroler Südfront, nämlich den Tiroler Grenzkrieg 1848, den Tiroler Grenzkrieg 1859 und den Tiroler Grenzkrieg 1866 „vergessen“.
Freilich, die Zeit zwischen 1815 und 1915 ist vielfach zu „herausfordernd“, relativiert sie nämlich historische Mythen.


Im Vormärz konnte das absolutistische Habsburg keine wehrhaften Tiroler gebrauchen. Die Wehrverfassung als Landesverteidigung wurde in Tirol ab 1839 stückweise relativiert. In den Kriegen 1848, 1859 und 1866 waren freiwillige Initiativen notwendig, um die Tiroler Landesverteidigung zu forcieren. Glückliche weltpolitische Unstände verschonten Tirol vor der Tragödie, die erst 1918 eintrat.
1848 wurde das Recht, Waffen zu tragen, aus freiheitlicher Sicht zu einer wesentlichen Forderung, die alle freien Männer und nicht nur den Adel betreffen sollte. Im Mittelpunkt stand die Bewaffnung des Volkes.
Demgegenüber war die klerikal-feudale Ordnung in Herrschende durch Geburt oder göttlichen Segen einerseits und Untertanen andererseits gegliedert. Eine Volkserhebung konnte in dieser Gesinnung, genauso wie eine Volkssouveränität, nicht anerkannt werden. Im Hause Habsburg hatte man schon 1809 die Nase gerümpft über den geplanten Tiroler Freiheitskampf: Dass sich Bürger und Bauern gegen die Obrigkeit auflehnten, sollte aus habsburgischer Sicht nicht Schule machen.
Die Tiroler Schützenzeitung schrieb in ihrem Aufrufen rund um die Kriegsgefahr in Tirol stets von „Waffenbrüdern“, meinte die „österreichischen Bundesländer“ sowie das „bundesgenossische Deutschland“. Die Tiroler Schützenzeitung war ausgesprochen deutschnational orientiert.
Joseph Ennemoser, Anton von Gasteiger, Ferdinand Weller, Hugo von Goldegg, Anton Kink: Die Liste jener Tiroler, die sich um das Tiroler Schützenwesen verdient machten, aber nicht klerikal, sondern freiheitlich orientiert, waren, ist lang. Vor allem handelte es sich um intellektuelle Vordenker.
Im ländlichen Tirol bot das Schützenwesen zwar die Möglichkeit der geselligen Zusammenkunft, nicht selten im Einflussbereich von Adel und Klerus. Im städtischen Kontext war das Schützenwesen hingegen ein straff organisiertes Vereinswesen mit einer politischen Stoßrichtung sowie der Wehrpflicht des Einzelnen, die durch die italienische Gefahr angefeuert wurde.
Die militärische Niederlage Österreichs 1859 führte zu Debatten rund um eine Aufstockung der Tiroler Wehrpflichtigen, die die Freiheitlichen mittrugen und die Klerikalen ablehnten. Die Klerikalen standen in absoluter Opposition zum Staat. Eine italienische Gefahr in Tirol passte nicht in ein Weltbild, das nationale Unterschiede leugnete.
Andreas Hofer spielte im öffentlichen Bewusstsein bis in die 1860er-Jahre hinein kaum eine Rolle, wurde nur durch die Freiheitlichen im Sinne der nationalen Freiheit beehrt. Für das Kaisertum handelte es sich bei Andreas Hofer bis dahin um eine potentiell subversive Gestalt mit politischen Komplikationen für die Einheit des Staates.
Der Historiker Laurence Cole beschreibt, dass die städtischen Schützenkompanien bis 1863 im Schützenwesen dominierend waren, gegen Ende des 19. Jahrhunderts jedoch durch eine konservativ-klerikale Bewegung abgelöst wurden.
Am 22. Februar 1886 schreibt die „Bozner Zeitung“ zum 400. Jahrtag der Errichtung des Bozner Schießstandes und unterstreicht, dass die Schützen alle Stände, nämlich Adel, Beamten, Militär, Handels- und Gewerbestand friedlich vereinen würden: „Kein Rang hatte hier mehr Vorrecht“ und weiter: „Zu der Handhabung der Waffen, in der Übung von Aug und Hand fürs Vaterland sind sie alle gleich. Und diese Harmonie, welche die Schützen zu einem Geiste, zu gleichem Fühlen binde, sie war auch hier beim frohen Feste vorhanden“.
Die Schützen waren – gemäß dieser Sicht – ein Lebensbund, ähnlich einer Burschenschaft, vertraten einen Korpsgeist in Brüderlichkeit und Kameradschaft. Man stand, diente und fiel brüderlich unter Gleichen. Das Schützenwesen hatte eine integrative Funktion: Alle Stände im Sinne wehrhafter Staatsbürger in einem korporativen System vereinen.
Diese integrative Funktion wurde allerdings im Tiroler Kulturkampf im Sinne einer politischen Zuspitzung der weltanschaulichen Fronten zunehmend vernachlässigt.
Die Verhältnisse begannen sich während des Tiroler Kulturkampfes zu wenden, indem ein Gegenprogramm in die Wege geleitet wurde, um das Schützenwesen klerikal, loyalistisch und habsburgtreu zu deuten.
Bewirkt wurde diese Entwicklung dadurch, dass die Tiroler Wehrverfassung 1870 durch die Wehrgesetze ausgehebelt wurde. Die Tiroler Schützen waren fortan keine öffentliche Körperschaft mehr, sondern ein Verein.
Das Herz-Jesu-Gelöbnis wird zwar bis heute als freiwilliger „Schwur“ dargestellt, den das Tiroler Volk gegenüber dem Göttlichen abgeleistet hätte. Faktisch handelte es sich um einen durch den Tiroler Landtag eingeführten gesetzlichen Feiertag, dem der Vatikan zuvor zugestimmt hatte. Das Tiroler Volk wurde per politischen Beschluss durch stundenlange Gebete und einer Verpflichtung zu Treue gegenüber dem Staat und der Verfassung, zum Herz-Jesu-Kult gedrängt. Die Herz-Jesu-Feuer sollten erst 100 Jahre später die Sonnwendfeuer bewusst verdrängen.
Der klerikale Abgeordnete Josef Greuter hielt im Abgeordnetenhaus des Reichsrates Anfang der 1870er-Jahre fest, dass es ohne katholische Glaubenseinheit keine Landesverteidigung gebe, weil die Tiroler ohne Festigung im Glauben kaum bereit seien, zu den Waffen zu greifen. In diesem Sinne merkte Greuter an, es gäbe eine Medaille des vorigen Jahrhunderts, die ein „Für Glauben, Fürst und Vaterland“ deklariere.
Tobias Wildauer, die Führungsfigur der Freiheitlichen und ein ausgesprochener Wehrpolitiker, stellte klar: Bei der Tiroler Landesverteidigung habe das Parteiendenken aufzuhören. Der Patriotismus sei in Tirol keine „ultramontane Gasse“ (Orientierung nach Rom, zum Vatikan).
„Wenn der Kriegsherr ruft, wenn die Trommel schallt, da hört der Unterschied der politischen Meinungen auf, da greifen die Liberalen so gut wie die Ultramontanen zu den Waffen“ so Wildauer.
Im Tiroler Kulturkampf, besonders im 80. Jubiläumsjahr 1876 der Herz-Jesu-Angelobung, wurde die Gleichung aufgestellt, jeder „echte Tiroler“ sei ein „echter Katholik“. Das war eine Botschaft gegen freiheitliche und nationale Tendenzen. Andreas Hofer wurde weder zum 50. noch zum 75. Jahrtag offiziell geehrt.
Die Klerikalen definierten 1860 in einer Replik auf die freiheitliche „Bozner Zeitung“ nicht den Tiroler Freiheitskampf als Bezugspunkt in der Geschichte, der Tirol seine Kraft gegeben hätte, sondern das „Scheitern der Reformation“.
Ab 1866 setzt der klerikale Andreas-Hofer-Kult an: „Andreas Hofer ging zum Tode wie ein christlicher Held und hat ihn erduldet wie ein unerschrockener Märtyrer,“ so das klerikale „Comitee Hoferfeier“. Freiheit wurde uminterpretiert von einer politischen Freiheit in eine religiöse (katholische) Freiheit.
Als sich ab 1880 die Tiroler und die österreichische Zentralregierung wieder im politischen Gleichklang befanden (und eine Politik betrieben, die gegen die deutsche Mehrheit im Staat Österreich gerichtet war), änderten sich die Umstände grundlegend. Eine politische Vereinnahmung des Schützenwesens konnte mit vereinten Kräften betrieben werden.
Um 1900 waren die Gleichschaltung des Landes Tirol, der Schützen und des Kaisertums vollzogen. Die Tiroler Klerikalen waren politisch mit dem Kaiserhaus und der Regierung auf Linie. Die vielen eröffneten Schießstände, die neu gegründete Schützenkompanien, Fahnenweihen, besonders rund um das Kaiserjubiläum 1908, demonstrieren den Wesenswandel. Inzwischen war auch Andreas Hofer, passend zum Tiroler Gedenkjahr 1909, Teil des kaiserlich-klerikalen Narrativs.
Die Kaiserfamilie stiftete und spendete gezielt für das Schützenwesen, indem Schießstände und Schützenfahnen finanziert wurden. Das war sowohl politische Strategie als auch Folklore. Ebenso trat der Tiroler Landtag als Förderer auf, der mit seiner klerikalen Mehrheit entsprechenden politischen Einfluss nahm.
Das „Für Gott, Kaiser und Vaterland“ war um die Jahrhundertwende der passende Abschluss für ein Jahrhundert, das in weiten Teilen einen anderen Geist trug. Fertig war ein Narrativ, das in die heutige Zeit „gerettet“ wurde.
Die Zugehörigkeit zu Italien wirkte sich zusätzlich „günstig“ darauf aus, nationale und freiheitliche Elemente aus der Tiroler Volkskultur zu verdrängen.
Die Debatte ist bis heute relevant. Es geht heute nicht darum, radikale Veränderungen herbeizuführen. Der Rückhalt in einem Glauben ist in einem militärischen Kontext relevant. Die größte Gefahr ist jedoch, als leere Hülse zu enden und sich nicht mehr bewusst zu sein, worin das Eigentliche besteht, nämlich in der – heute geistigen – Landesverteidigung.


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