Julius Perathoner, der vor genau 100 Jahren verstarb, war „die“ prägende Figur des politischen und kulturellen Lebens im südlichen Tirol. Als langjähriger Bürgermeister von Bozen vertrat er eine freiheitliche Politik, die auf Fortschritt, Bildung und die Wahrung der deutschen Identität Bozens zielte.
Julius Perathoner war wie Joseph Streiter Teil eines freiheitlichen Bildungsbürgertums, das in Bozen, wie auch in anderen Städten Tirols, um 1900 eine zentrale politische Rolle spielte.
Zugute kam dem freiheitlichen Lager, dass das Wahlrecht bis 1907 in Relation zum Steuerbeitrag stand und in Wahlbezirke gegliedert war (Stadtgemeinden, Landgemeinden, Kurien). Gerade die Städte, die Handelskammern sowie der adelige Großgrundbesitz waren eine sichere Bank für die Freiheitlichen.
Julius Perathoner wurde am 28. Februar 1849 in Dietenheim bei Bruneck geboren. Sein Vater, Ulrich Perathoner, war als Steuerbeamter tätig. Nach dem Franziskanergymnasium in Bozen studierte Julius Perathoner Rechtswissenschaften in Innsbruck, wurde Mitglied des Akademischen Gesangsvereins (später Universitätssängerschaft Skalden zu Innsbruck).
Nach der Promotion wirkte Julius Perathoner mit Anton Kinsele am Bozner Obstmarkt als Rechtsanwalt.
1892 wurde Julius Perathoner zum ersten Mal in den Bozner Gemeinderat gewählt. Im Jahr 1895 wurde er zum Bürgermeister von Bozen gewählt – ein Amt, das er bis 1922 ausübte. Perathoners Vorgänger, Josef von Braitenberg, galt als – mehr oder weniger – Liberaler. Mit Julius Perathoner schwenkte die Stadt in Richtung Deutschnationalismus um, was an den allgemeinen Tendenzen im Kaisertum Österreich lag.
Perathoners politischer Schwerpunkt lag auf der Modernisierung der Verwaltung und der Förderung der Infrastruktur. Die Straßenbahn nach Gries und Leifers, das Stadtmuseum, das Stadttheater, die Talferbrücke und die Talferpromenade mit der Bozner Wassernmauer, die Zahnradbahn auf den Ritten, die Virgl-Standseilbahn, die Seilbahn nach Kohlern, die Etschwerke, das Rathaus, Schulbauten wie die Goetheschule (damals Kaiser-Franz-Josef-Schule) oder die Kaiserin-Elisabeth-Schule, der Um- und Ausbau des Krankenhauses Bozen oder die Vergrößerung des Trinkwassernetzes fallen in die Amtszeit Perathoners.




Die Gründung der Etschwerke, die wesentlich durch Carl Lun, Ingenieur und Gemeinderat, vorangetrieben wurden, markieren den Übergang in das elektrische Zeitalter.
Der Gesellschaftsvertrag der Etschwerke vom 4. März 1897, der von den amtierenden – deutschfreiheitlichen – Bürgermeistern Roman Weinberger (Meran) und Julius Perathoner (Bozen), unterschrieben wurde, deklariert: „Die Städte Bozen und Meran vereinigen sich zum Baue und Betriebe eines Elektrizitätswerkes unter Benützung der an der Töll über Meran zu gewinnenden Wasserkraft der Etsch zum Zwecke der Versorgung der Städte Bozen und Meran, sowie deren Umgebungen, besonders der Gemeinden Zwölfmalgreien und Gries, Obermais, Untermais und Gratsch etc. mit elektrischer Energie, insbesondere Licht und Kraft, etc. Der Sitz dieser Gesellschaft ist alljährlich wechselnd in Bozen oder in Meran.“
Die Wasserkraft und die Elektrifizierung von Verkehrsinfrastruktur wie Zahnradbahnen und Schwebebahnen gingen Hand in Hand.

Ein ausgesprochenes Deutschbewusstsein sowie der aufrichtige Umgang mit den anderen Volksgruppen waren kein Widerspruch, wie die Berühmte Antrittsrede Julius Perathoners unterstreicht: „Die Anerkennung des deutschen Charakters unserer Stadt seitens unserer italienischen Mitbürger auf der einen Seite, die Achtung der (durch die herrliche Sprache und hervorragende Kultur sich auszeichnenden) italienischen Nation andererseits, sowie die beiden Volksstämme gemeinsamen patriotischen Empfindungen haben ein glückliches Verhältnis zwischen den Deutschen und Italienern in unserer Stadt geschaffen, dessen Trübung uns hoffentlich erspart bleiben wird.“
Julius Perathoner wirkte jedoch über Bozen hinaus. Von 1902 bis 1907 war er Abgeordneter zum Tiroler Landtag und von 1901 bis 1911 Mitglied des Reichsrates in Wien. Im Landtag wurde Perathoner ein vehementer Fürkämpfer für das Deutschtum, das im südlichen Deutschtirol alles andere als gesichert war.
Bedeutend ist dabei der politische Disput zwischen Karl von Grabmayr (Vertreter des freiheitlichen Großgrundbesitzes) sowie Julius Perathoner (deutschfreiheitlicher Städtevertreter) im Tiroler Landtag. Sowohl Grabmayr als auch Perathoner waren dezidiert deutschnational orientiert, befürworteten – im Gegensatz zu den Klerikal-Konservativen – eine Autonomie und weitgehende Selbständigkeit für Welschtirol und forderten gleichzeitig die notwendige Stärkung des Deutschtums im Etschtal.
Grabmayr war mit seinem „Pfingstprogramm“ jedoch ausgleichender als Perathoner und Weinberger im „Städteprogramm„. Letztlich blieb Perathoner im Gegensatz zu Grabmayr weitgehend Lokalpolitiker, während Grabmayr eine führende Stellung im Reichsrat einnahm und damit weit über Tirol hinaus wirkte.
Mit dem allgemeinen Wahlrecht, das 1907 umgesetzt wurde, waren selbst die freiheitlichen Mandate in Bozen und Innsbruck nicht mehr allzu sicher. Sowohl Julius Perathoner als auch Eduard Erler mussten 1907 im Städtewahlkreis Bozen-Meran gegen den christlich-sozialen Gegenkandidaten in die Stichwahl gehen, um das Reichsratsmandat zu erlangen, genauso wie Perathoners Nachfolger 1911, Emil Kraft.

Bedeutend war neben dem Politischen das kulturelle und gesellschaftliche Wirken Perathoners. Perathoner war seit 1872 Mitglied des Bozner Turnvereins, Mitbegründer des 1878 gegründeten Männergesangsvereins Bozen und von 1879 bis 1926 dessen Obmann, Gründungsmitglied und Obmann des 1881 gegründeten „Deutschen Schulvereines“ in Bozen und 1884 an der Gründung des Vereins Südmark in Bozen beteiligt. 1901 wurde Julius Perathoner Ehrenbursch der Pennalen Burschenschaft Gothia Bozen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Julius Perathoner maßgeblich daran beteiligt, Bozen für den Tourismus zu öffnen. In diesen Kontext passt der 1907 errichtete Laurin-Brunnen, der Bozen als Laurinstadt etablieren sollte. 1917 regte Perathoner hingegen das Kaiserjägerdenkmal an, auf dessen Sockel heute das faschistische Siegesdenkmal steht.
Nach der Annexion Südtirols konstituierten am 4. November 1918 Vertreter der Tiroler Volkspartei und der Freiheitlichen Partei Südtirols unter dem Vorsitz von Julius Perathoner einen Provisorischen Nationalrat für Deutsch-Südtirol. Am 16. November 1917 wurde die „Unteilbare Republik Südtirol“ proklamiert, die mittels Telegrammen der Weltöffentlichkeit bekannt gegeben wurde. Die italienische Militärverwaltung löste den Nationalrat für Deutsch-Südtirol auf und wollte Perathoner als Bürgermeister in Bozen absetzen, beließ ihn aber im Amt.
Im Oktober 1919 vereinigten sich die Deutschfreiheitliche Partei unter dem Parteiführer Julius Perathoner sowie die Tiroler Volkspartei unter dem Obmann Eduard Reut-Nicolussi zum „Deutschen Verband“.
Anlässlich des faschistischen „Marsch auf Bozen“ im Oktober 1922 wurde Perathoner abgesetzt. Anlässlich der ersten Wahlen, die 1924 im Faschismus stattfanden, wurden der 75-Jährige Julius Perathoner und Eduard Reut-Nicolussi von einer faschistischen Schlägerbande verfolgt und blutig geschlagen. Verarztet wurden sie von dem Bozner Stadtarzt Otto Rudl (auch Otto Rudel), der genauso wie Perathoner Mitglied im Akademischen Gesangsverein Innsbruck, zudem Mitglied der Akademischen Burschenschaft der Pappenheimer in Innsbruck , Medizinhistoriker und Mundartdichter war.
Julius Perathoner heiratete 1883 Bertha von Mörl aus St. Pauls. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor: Hugo Perathoner, Rechtsanwalt, Karl Perathoner, Ingenieur und Direktor der Etschwerke, sowie Ivo Perathoner, Rechtsanwalt.
Am 17. April 1926 verstarb Julius Perathoner. Er war der letzte deutsche Bürgermeister Bozens.
Der Südtiroler Gemeindenverband hat im Jahr 2016 beschlossen, alle zwei Jahre den Julius-Perathoner-Preis zu vergeben. In Bozen ist eine 200 Meter lange Gasse Julius Perathoner gewidmet.
Zum 100. Geburtstag widmete die Tageszeitung „Dolomiten“ 1949 dem „bedeutendsten“ Bürgermeister Bozens, Julius Perathoner, ein Porträt. Die klerikal orientierte „Dolomiten“ schreibt dabei offen: „Als Parteimann war er lange Zeit unser Gegner“ und verweist dabei auf den Gegensatz zu den Freiheitlichen. Die Leistungen werden dennoch ehrend hervorgehoben als Freund der Jugend, der unteren Volksschichten, der Volksgesundheit, der Verkehrswege und auf volkswirtschaftlichem Gebiet.
Der Tageszeitung „Dolomiten“ zufolge sei Perathoner nicht nur als Bürgermeister, sondern als Parteimann und als „Führer unseres ganzen Volkes“ zu bewerten.

Abbildung: Gemälde Julius Perathoner des Künstlers Alois Delueg.
Literatur:
[1] Bettina Mitterhofer: „Der Tiroler Reichsratsabgeordnete Julius Perathoner. Portrait eines deutschnationalen Politikers“, Universität Wien, Wien 1984


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