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Geschichte der freiwilligen Feuerwehren in Tirol: Von den Turnern zur Turnerfeuerwehr

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Ohne Turnvereine kein Feuerwehrwesen in Tirol. Die Gründung der Feuerwehren hing in der Mitte des 19. Jahrhunderts stark mit dem freiheitlichen Bewusstsein zusammen, dass sich Einzelne für die Gemeinschaft einzusetzen hatten und dabei nicht blindlings der staatlichen Autorität vertrauen konnten.

Das freiwillige Feuerwehrwesen nahm in den Jahren rund um die Revolution 1848 und 1849 seinen Beginn. Es waren die revolutionär ausgerichteten Turnvereine, die freiwillige Feuerwehren gründeten. Damit einher ging ein prinzipieller Gesinnungswandel: Im Zuge der freiheitlichen Revolutionen wandte man sich vom Staat ab, vertraute der politischen Autorität aus guten Gründen nicht mehr und organisierte sich als Bürger selbst.

Im Jahre 1841 entstand zuvor in deutschen Landen in Meißen (Sachsen) die erste freiwillige Feuerwehr nach heutigem Verständnis. In den Folgejahren entstanden flächendeckend freiwillige Feuerwehren mit einem virläufigen Höhepunkt rund um die Revolution 1848.

In Tirol ist das Turnwesen untrennbar mit Franz Thurner verbunden. Franz Thurner wurde 1828 in Innsbruck geboren. Im Zuge seiner Walz als Seiler, der traditionellen Wanderschaft junger Handwerksgesellen, lernte Thurner in deutschen Landen das Turnwesen sowie das Feuerwehrwesen kennen. In Innsbruck wurde rund um Franz Thurner 1849 ein Turnverein als „Deutscher Turnverein Innsbruck“ gegründet, 1850 nach dem Scheitern der Revolution und der neoabsolutistischen Phase Österreichs wieder verboten.

Franz Thurner beteiligte sich an den Tiroler Grenzkriegen in den Jahren 1848, 1859 und 1866.

1855 wurde Franz Thurner von der Universität Innsbruck zum akademischen Turner ernannt. In den Folgejahren bemühte er sich tatkräftig um das Feuerwehrwesen, sodass 1857 die freiwillige Feuerwehr Innsbruck als Turnerfeuerwehr gegründet wurde. Diese ging aus der Turnerfeuerwache hervor, fand mit der Gründung der Turnerfeuerwehr endlich eine straffe Organisation im Sinne des Turnwesens. 1863 wurde der Turnverein Innsbruck wiedergegründet.

Der Einsatzaufruf lautete: „Turner auf, es brennt“.

Im Jahr 1875 widmeten die Frauen von Innsbruck ihrer Feuerwehr eine Fahne mit dem Weihespruch: „Dem Nächsten zum Schutz, dem Feuer zum Trutz!“

Der Zusammenhang zwischen Turnerwesen und Feuerwehr ist alles andere als Zufall: Mit dem Feuerwehrwesen konnten sich die Turner in den Dienst der Gemeinschaft stellen, dabei körperliche Betätigung und Disziplin mit patriotischem Pflichtgefühl vereinen.

Die Freiwillige Feuerwehr in Reutte hat ihre Ursprünge als Turner-Feuerwehr mit Gründungsdatum 1867 gut ausgearbeitet und weist darauf hin, dass die freiheitlich orientierten Turner mit der konservativen Bevölkerung verschiedenste Konflkte hatten, trotz allem jedoch das Gemeinschaftliche im Mittelpunkt stand. Im Rahmen der Turnerfeuerwehren bildete sich die „Turnerbürgerlichkeit“ aus: Jeder Turner wurde als ebenwürdig und brüderlich erachtet, ohne Unterschied in Rang und Name.

Obwohl die Feuerwehren, wie jene in Reutte, später neu gegründet wurden, lebte das Wesen der Turnerwehr weiter. Die Feuerwehr in Reutte wurde 1872 neu gegründet, setzte im Gründungsstatut auf eine militärische Ordnung und Uniformierung.

Überall, wo in jenen Jahren Feuerwehren entstanden, war der Geist ein ähnlicher: Am 28. Februar 1868 haben 60 Mitglieder des „Turnvereins Hall 1862“ mit Obmann Dr. Otto Stolz, Rechtsanwalt und späterer Bürgermeister von Hall, beschlossen, eine Turnerfeuerwehr zu gründen.

Feuerwehr und Turner sind in Kufstein untrennbar mit dem Namen Anton Karg verbunden, der ab 1866 Mitglied im Bürgerausschuss und von 1878 bis 1882 Bürgermeister der Stadt Kufstein war. Von 1866 bis 1878 war Anton Karg FeuerwehrkommandantAm 18. Mai 1866 erfolgte die Gründung der „Freiwilligen Turner-Feuerwehr“ in Kufstein.

Symbol der Turnerfeuerwehren [4]

Der Innsbrucker Anton Schiestl nahm mit der Scharfschützenkompanie Franz Thurners am Tiroler Grenzkrieg 1859 teil. Die Bereitschaft, anlässlich der Tiroler Grenzkriege freiwillige Kompanien zu bilden, resultierte aus der Erkenntnis, dass der Staat seinen elementaren Pflichten nicht nachkommen konnte. Schiestl lernte bei dieser Gelegenheit Bozen kennen, übersiedelte 1860 ganz nach Bozen. 1862 wurde der Turnverein Bozen gegründet.

In Bozen wurde bereits 1827 eine erste Feuerlöschordnung eingeführt. Im städtischen Umfeld waren kleinere Berufsfeuerwehren üblich, jedoch keine Freiwilligen Feuerwehren nach heutigem Verständnis, die erst aus Turnvereinen entstanden.

Ende November 1862 trat der freiheitliche Bürgermeister Dr. Joseph Streiter an den leitenden Turnrat Anton Schiestl mit der Bitte heran, für die neu anzuschaffende Feuerwehrspritze der Stadt Bozen die Bedienungsmannschaft zu stellen. Schließlich wurde die Aufstellung eines organisierten Feuerwehrkorps beschlossen und am 11. November 1863 verpflichteten sich 74 Turner zum Eintritt in die so genannte „Turnerfeuerwehr“. Am 20. Dezember 1864 wurde Schiestl zum Kommandanten bestimmt. Die Turner-Feuerwehr Bozen löste sich allerdings später wieder auf.

Anton Schiestl, von 1864 bis 1880 Feuerwehrkommandant in Bozen

In Bruneck entstand die erste Feuerwehr im südlichen Tirol. Der Turnverein Bruneck wurde, wie jener in Bozen, 1862 gegründet. 1862 wurde Eduard von Grebmer zu Wolfsthurn Vorstand des Brunecker Turnvereins. Die Feuerwehr Bruneck wurde 1864 als erste Feuerwehr des heutigen Südtirols gegründet und entstand aus dem Turnverein. Eduard von Grebmer gehörte zu den Mitbegründern.

Ähnlich war die Entwicklung in Meran. Der in Schwerin (Mecklenburg) 1838 geborene Friedrich Wilhelm Ellmenreich kam als Buchhändler nach Meran. In Wien war Ellmenreich 1865 im Turnverein aktiv:

Ellmenreich wurde in Meran Geschäftsführer der durch den Tod ihres Besitzers verwaisten Buch- und Papierhandlung Sylvester Poetzelberger, den Vormund der Poetzelbergerschen Kinder kannte er aus Wien. Die Buchhandlung Poetzelberger in Meran wurde zu einem wichtigen Treffpunkt der Kurgäste, führte Bücher in mehreren Sprachen, aber auch Sportartikel, Kunst und Konzertkarten. 1879 erwarb Ellmenreich eine Druckerei und gab die freiheitliche „Meraner Zeitung“ heraus.

Ellmenreich gründete 1867 die Turner-Feuerwehr in Meran, war Mitbegründer der Sektion Meran des deutschen und österreichischen Alpenvereins, der Ortsgruppe Meran des deutschen Schulvereins und des Reitclubs Meran. Zudem war er Mitbegründer des Verbandes der freiwilligen Deutsch-Tirolischen Feuerwehren. Ellmenreich galt, wie alle im deutschfreiheitlichen Lager, als Förderer des Kurwesens in Meran. Kaum eine deutschfreiheitliche Publikation wurde zu jener Zeit nicht von Ellmenreich herausgegeben.

Friedrich Wilhelm Ellmenreich war zudem der erste Direktor der späteren „Gewerblichen Spar- und Vorschuss-Kasse“, der späteren „Volksbank Meran“, die 1995 in der Südtiroler Volksbank aufging. 1907 wurde Friedrich Ellmenreich in Meran Magistratsrat unter dem freiheitlichen Bürgermeister Roman Weinberger.

Friedrich Ellmenreich, Portrait im Palais Mamming

1872 entstand auch in Brixen eine Turnerfeuerwehr.

1872 erfolgte in Lienz der Zusammenschluss zum „Gauverband der Freiwilligen Feuerwehren Deutschtirols“, der Gerätebeschaffung, Ausbildung und Einsätze koordinierte. Die Gründung wurde durch 10 Nordtiroler und 3 Südtiroler Feuerwehren (Bruneck, Meran und Brixen) vollzogen.

Die Feuerwehr Sand in Taufers wurde 1883 gegründet. Der historische Kontext wird an der Fahne ersichtlich:

Freiwillige Feuerwehr Sand in Taufers [4]

Ab 1888 wurde der Verband in „Gauverband der Deutsch-Tirolischen Feuerwehren“ umbenannt. Die Freiwillige Feuerwehr Bozen entstand 1874 aus der Turnerfeuerwehr heraus.

In Meran fand vom 6. bis 8. September 1872 der zweite Gautag statt, bei welchem Schauübungen durchgeführt wurden, um in jenen Gemeinden, die über keine Feuerwehren verfügten, das Feuerwehrwesen zu bewerben. Friedrich Wilhelm Ellmenreich war von 1873 bis 1874 Gauverbandsvorsitzender der Freiwilligen Feuerwehren Deutschtirols, war also der erste Landesfeuerwehrkommandant Tirols. 1874 nahm er am 9. Deutschen Feuerwehrtag in Kassel teil.

Die erste freiwillige Feuerwehr im Südtiroler Unterland entstand 1880 in Auer. Die Chronik der Feuerwehr Auer von Heinrich Lona untermauert den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Turnvereinen und Feuerwehren.

Dass die Feuerwehr Eppan 1886 mit dem Turnergruß „Gut Heil!“ grüßt und nebenbei dem freiheitlichen Landtagsabgeordneten Heinrich von Mörl dankt, ist freilich kein Zufall:

Verlautbarung der Feuerwehr von Eppan, Bozner Zeitung 1886: Der Ursprung als Turnerfeuerwehr ist evident

Der Tiroler Feuerwehrverband umfasste 1900 bereits 288 freiwillige Feuerwehren, davon 93 in Südtirol. Im Jahr 1914 waren es rund 441, davon 185 in Südtirol.

Kennt man die Geschichte der Freiwilligen Feuerwehren in Tirol, die aus Turnvereinen entstanden und blickt man auf die erste Feuerwehr in Südtirol, nämlich jene in Bruneck, dann wird man das Doppel-F der Freiwilligen Feuerwehr (FF) nicht als Akronym für „Freiwillige Feuerwehr“, sondern eher als halbes Turnerkreuz (FFFF) einordnen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die schwarz-rot-goldene Fahne der Feuerwehr Bruneck bis heute hin das Turnerkreuz mit den vier 4 für „frisch, fromm, fröhlich, frei“ zum Inhalt hat, wobei das „Fromm“ keine religiöse Frömmigkeit bezeichnet, sondern die „Tüchtigkeit“.

160 Jahre Feuerwehr Bruneck, 2024
Tiroler Fahne der Freiwilligen Feuerwehr am Fennberg im Südtiroler Unterland mit dem Doppel-F, dem halben Turnerkreuz

Literatur:

[1] Feuerwehrgeschichte, Südtirols Feuerwehrzeitung 2/2022

[2] Karlheinz Bachmann: „Freiwillige Feuerwehren und Erinnerungsräume: Denkmäler, Rituale, Festschriften – Fallbeispiel“, Universität Innsbruck, Innsbruck 2020

[3] Heinrich Lona: „Hundert Jahre freiwillige Feuerwehr Auer: 1880 – 1980“, Freiwillige Feuerwehr Auer, Auer 1980

[4] Internationale Arbeitsgemeinschaft für Feuerwehr- und Brandschutzgeschichte im CTIF: „Feuerwehr- und Turnerbewegung“ (Fire Brigades and Gymnastics Movement), 19. Tagung der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Feuerwehr- und Brandschutzgeschichte im CTIF vom 12. Oktober bis 14. Oktober 2011 in Přibyslav, Tschechische Republik

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