Tobias Wildauer, der seit 1877 den Namenszusatz „von Wildhausen“ führte, wurde am 4. September 1825 in Fügen im Zillertal geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater Johann Wildauer war Fleischhauer und Landwirt, seine Mutter Theresia, geborene Mayr, führte den Haushalt.
Die Begabung des Tobias Wildauer zeigte sich früh, sodass er ab 1836 das Franziskanergymnasium in Hall in Tirol besuchte. Danach widmete er sich dem Studium der klassischen Philologie an der Universität Innsbruck, wo er sich insbesondere mit Latein und Griechisch beschäftigte. 1850 legte er die Lehramtsprüfung ab, zunächst unterrichtete er als Supplent am Gymnasium, später wurde er Professor.
1855 promovierte Tobias Wildauer zum Doktor der Philosophie und erhielt schon drei Jahre später, durch die Unterstützung angesehener Kollegen wie des Burschenschafters Julius von Ficker, – ohne Habilitation – eine ordentliche Professur an der Universität Innsbruck. Dort lehrte Wildauer Philosophie, Propädeutik und die alten Sprachen.
Wildauer galt als ebenso scharfsinniger Denker wie leidenschaftlicher Lehrer. Sein akademisches Wirken umfasste die Einführung der Sammlung von Gipsabgüssen antiker Statuen an der Universität, wodurch er den Studierenden die Antike anschaulich nahebrachte. Seine wissenschaftlichen Arbeiten konzentrierten sich auf die Philosophiegeschichte und insbesondere auf die Psychologie des Willens bei den großen Denkern der Antike, bei Sokrates, Platon und Aristoteles. Dieses Thema veröffentlichte er in einem zweibändigen Hauptwerk zwischen 1877 und 1879.
Darüber hinaus verfasste Tobias Wildauer zahlreiche Aufsätze zu kirchenpolitischen und bildungspolitischen Fragen, griff mit Novellen wie „Wildschütz und Förster“ auch literarisch zur Feder und hinterließ kleinere Schriften aus dem Tiroler Leben, etwa über die revolutionären Ereignisse von 1848.
Die politische Bühne: Deutschheit und Freiheit
Berühmtheit erlangte Tobias Wildauer vor allem auf politischer Bühne. Als sich mit Erreichen des Jahres 1859 eine politische Aufbruchstimmung in Österreich regte und 1861 der Parlamentarismus wieder aufgenommen wurde, trat Tobias Wildauer als Führungsfigur der Freiheitlichen in Erscheinung. Die akademischen Aktivitäten gerieten in den Huntergrund.
Tobias Wildauer wurde nicht durch klerikale oder feudale Motive getragen, sondern durch die klassische Antike als Ideal. Daraus resultierten sein Einsatz für eine deutsche Nation in Freiheit sowie für eine Landesverteidigung als solidarische Pflicht des Einzelnen. Der Ansitz Koburg in Gufidaun ist bis heute in Familienbesitz.
Einen Anfang nahm die politische Biografie Wildauers mit der Rede anlässlich des 100. Geburtstages Friedrich Schillers 1859, um gleichzeitig an den Universitäten, wie jener von Innsbruck, 10 Jahre Revolution von 1848/9 in Erinnerung zu rufen. Zweifelsfrei eine politische Demonstration, gegen Habsburg, für die deutsche Freiheit:

In Bozen wurden die Schillerfeiern hingegen durch Joseph Streiter zelebriert.
„Gemäßigter Fortschritt, immer Hand in Hand damit unantastbare Deutschheit“ wird Tobias Wildauer biographisch beschrieben [1].
Die Tiroler machten 1862 ihre Teilnahme am Deutschen Schützenfest in Frankfurt davon abhängig, dass Giuseppe Garibaldi ausgeladen wurde. Als die Ausladung erfolgte, reisten die Tiroler mit 300 Schützen nach Frankfurt, appellierten dort an die gesamtdeutsche Verantwortung zum Schutze Deutschtirols gegen die italienische Gefahr.

Es war gerade Tobias Wildauer, der als Redner in Frankfurt schlagartige Berühmtheit erlangte. Es waren klare Worte, die Wildauer aussprach: „Wir werden Wache halten an den Grenzmarken deutschen Gebiets und im Süden dafür sorgen, dass der Feind kein deutsches Gebiet entreißt“.
Das alles war eine Mischung aus Gesinnung und Strategie, erhoffte man sich nämlich einen gesamtdeutschen Rückhalt gegen die italienische Gefahr, die nach 1848 und 1859 weiterhin akut war.
Das Jahr 1863: 300 Jahre Konzil, 500 Jahre Tirol bei Österreich
1863 jährte sich das Konzil von Trient zum 300. Mal. Für die Tiroler Klerikal-Konservativen sollte es in Trient als ein Hochfest begangen werden, um – mit viel Weihrauch und Gebet – zum politischen Kampf gegen die Liberalen und Protestanten aufzurufen und um die „Glaubenseinheit“ in Tirol politisch zu stilisieren, ja zur einzigen Überlebensfrage zu deklarieren.
Für die Konservativen waren 1863 konfessionelle Themen wichtiger als die Zugehörigkeit zu Österreich. Der Vorwurf „Ultramontanismus“, also eine Orientierung über die Berge hinweg nach Rom und zum Vatikan, war treffend.

1863 jährte sich aber auch zum 500. Mal die Vereinigung Tirols mit Österreich. Dieses Ereignis sollte – interessanterweise – ein Hochfest der Deutschfreiheitlichen werden, um das Februarpatent 1861 zu huldigen, welches ein Verdienst der Deutschliberalen als Verfassungspartei war. Die Huldigung der „Glaubenseinheit“ wurde von deutschfreiheitlicher Seite als kleinlich-klerikale Haltung abgewertet. Die Feierlichkeiten sollten durch Beteiligung von Schützen aus allen Landesteilen vonstatten gehen. Grund genug für die Konservativen, alles gegen eine Beteiligung der Schützen ins Feld zu führen. Neben negativer konservativer Presse, die die 500-Jahres-Feierlichkeiten negativ machte, wurde ein Freischießen in Innsbruck organisiert mit der Intention, durch eine Gegenveranstaltung die Beteiligung an der Gedenkfeier möglichst gering ausfallen zu lassen.
Zur Eskalation kam es darum, weil sich die Freiheitlichen anmaßten, nicht nur Tiroler Schützen und Schützen der österreichischen Bundesländer, sondern auch „Schützen des bundesgenössischen Deutschland“ einzuladen. Die Klerikalen befürchteten eine „liberal-reichspolitische Großkundgebung“ und legten in der Folge Protest ein. Der Konservative Anton Di Pauli rief zum Strategiewechsel auf: Die Konservativen sollten in Massen nach Innsbruck strömen, um die Bauern nicht in die Hände der Liberalen zu geben. Der Statthalter Tirols, Karl Johann Prinz von Lobkowitz, versuchte, vom österreichischen Regierungschef, dem liberalen Anton von Schmerling, politische Zugeständnisse für Tirol abringen zu können. Letztlich erschien Kaiser Franz Josef, erfüllte keine politischen Forderungen, der Jubel der Massen war groß, die Ernüchterung auch. Insgesamt waren rund 5.000 Personen in Innsbruck anwesend. Otto Stolz berichtet von deutschen Fahnen, dem Deutschlandlied und deutschnationalen Sprüchen, die zu diesem Anlass positioniert wurden.
Tobias Wildauer wirkte als Festredner und verfasste die Festschrift, trug dazu bei, dass die 500-jährige Zugehörigkeit Tirols zu Österreich „richtig“ begangen wurde. Zahlreiche Deutschtiroler Kompanien nahmen teil. Die Welschtiroler fehlten gänzlich.
Führungsfigur der Freiheitlichen
Dass Tobias Wildauer politisch tätig wurde, liegt zu einem guten Teil an freiheitlichen Kreisen in Wien, die sich für ihn stark machten.
Von 1867 bis 1869 wurde Tobias Wildauer für den Landgemeindenbezirk Rattenberg in den Tiroler Landtag gewählt. Von 1871 bis 1889 war er Landtagsabgwordneter des Städtebezirks Hall und von 1889 bis 1895 der Stadt Innsbruck. Darüber hinaus vertrat Tobias Wildauer die Innsbrucker Handelskammer von 1873 bis 1897 in der Abgeordnetenkammer im Reichsrat.

Wildauer wirkte als Obmann des freiheitlichen Landtagsklubs sowie im Reichsrat als Obmann-Stellvertreter der deutschen Linke federführend. Als „deutsche Linke“ bezeichneten sich die Deutschfreiheitlichen im Gegensatz zu den damals als „rechts“ bezeichneten Monarchisten und Klerikalen. Dabei wirkte Wildauer als ein „Rufer im Streit“, insbesondere in Religionsfragen, Schulfragen und im Zuge der Wehrdebatte.
In der in Tirol heftig geführten Debatte zur Umsetzung des Reichsvolksschulgesetzes verteidigte Wildauer die Rolle des Staates bei der Schulaufsicht gegen Angriffe des Klerus, gründete und leitete den Deutschen Schulverein (heute Österreichische Landsmannschaft) in Innsbruck. Als Mitglied des Budgetausschusses im Reichsrat machte er sich außerdem für die Gründung der Universität Czernowitz stark und trug dazu bei, die Bildungslandschaft der Monarchie nachhaltig zu erweitern.
1867 gehörte er zu den Mitbegründern des Konstitutionellen Vereins in Innsbruck, dessen Vorsitz er lange Zeit innehatte. Der „Konstitutionelle“ Verein war der Zusammenschluss der Freiheitlichen in Nordtirol. Als Obmann verfasste Tobias Wildauer nahezu alle freiheitlichen Streitschriften, Wahlaufrufe und sonstigem Kundgebungen.
Wesentlich war der Einsatz Tobias Wildauers im Bereich der Landeverteidigungsgesetzgebung. Wildauer wehrte sich gegen den Missbrauch der Tiroler Landesverteidigung, den die Klerikalen betrieben. Der klerikale Abgeordnete Josef Greuter hielt im Abgeordnetenhaus des Reichsrates fest, dass es ohne katholische Glaubenseinheit keine Landesverteidigung gebe, weil die Tiroler ohne Festigung im Glauben kaum bereit seien, zu den Waffen zu greifen. In diesem Sinne merkte Greuter an, es gäbe eine Medaille des vorigen Jahrhunderts, die ein „Für Glauben, Fürst und Vaterland“ deklariere.
Tobias Wildauer stellte klar: Bei der Tiroler Landesverteidigung habe das Parteiendenken aufzuhören. Der Patriotismus sei in Tirol keine „ultramontane Gasse“ (Orientierung nach Rom, zum Vatikan).
„Wenn der Kriegsherr ruft, wenn die Trommel schallt, da hört der Unterschied der politischen Meinungen auf, da greifen die Liberalen so gut wie die Ultramontanen zu den Waffen“ so Wildauer.
Wildauer merkte an, dass die Freiheitlichen im Gegensatz zu den Klerikalen auch nicht bereit waren, im Rahmen des Landesverteidigungsgesetzes 1870 dem Paragraphen 4 zuzustimmen, der die Verwendung der Landesschützen gemäß strategischen Erfordernissen des Staates auch außerhalb des Landes vorsah. Mit diesem Passus wurde die Tiroler Wehrverfassung aufgehoben. Die Freiheitlichen wetterten dagegen, sahen die Landeschützen zu Marionetten der österreichischen Großmachtpolitik (in Oberitalien und am Balkan) abgewertet.
Bedeutung
Tobias Wildauer heiratete 1852 Katharina Tschurtschenthaler. Aus der Ehe gingen neun Kinder hervor.
Für seine Verdienste erhielt Wildauer 1862 den Orden der Eisernen Krone III. Klasse, fünfzehn Jahre später wurde er in den Ritterstand erhoben. Von da an durfte er sich „Ritter von Wildhausen“ nennen, ein Titel, der seine gesellschaftliche Stellung festigte, ohne dass er seine freiheitlichen Überzeugungen jemals aufgab.
Daneben war Tobias Wildauer Kurator und Ausschussmitglied des Tiroler Museums Ferdinandeum. Daneben wirkte er auch als Gutachter, indem er die Habilitatuonsschriften des Kunsthistorikers Hans Semper an der Universität Wien mit Blick auf die behandelte Skulpturen begutachtete.

Der Ansitz Koburg in Gufidaun ist ein Rittergut aus dem 14. Jahrhundert, das kulturhistorisch wichtige Wandmalereien beinhaltet. Ursprünglich handelte es um den Wohnsitz der „Koburger zu Gufidaun“. Dadurch, dass Martha von Koburg den Hauptmann Balthasar von Mayrhofen heiratete, gelang der Gutshof in das Eigentum der Mayrhofen. Im Jahr 1883 erwarb Tobias Wildauer den Ansitz von den Edlen von Mayrhofen zu Koburg, der sich bis heute im Eigentum der Nachkommen Wildauers befindet.
Am 3. April 1898 starb Tobias Wildauer von Wildhausen in Innsbruck. Der Biograph ist sich sicher [1]:
Doch ein Kämpfer für deutschen, freisinnigen Geist, für Kultur im Sinne der von ihm gefeierten Heroen Schiller und Fichte, in Cisleithanien, gilt er über das Grab hinaus: ein moderner Mensch, ein wackerer Deutscher und guter Österreicher.

Literatur:
[1] Ludwig Fränkel: „Wildauer von Wildhausen, Tobias“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 44 (1898), S. 521-52
[2] Josef Fontana: „Der Kulturkampf in Tirol 1861-1892“ (Schriftenreihe des Südtiroler Kulturinstitutes), Athesia-Tappeiner Verlag, Bozen 2007


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