Die gegenwärtige Zeit ist die Tat, nicht die unfruchtbare Idee und das leere Wort.
Jakob Philipp Fallmerayer
Befasst man sich mit freiheitlichen Gestalten des 19. Jahrhunderts, so werden diese – wenn überhaupt – als „Liberale“ dargestellt, während die deutschbewusste Haltung tendenziell unterschlagen wird. Vielfach wird die gesamte Person unterschlagen, würde die historische Wahrheit nämlich das klerikale Tirol „verunsichern“.
Der Begriff „deutschnational“ wird in Südtirol als Schimpfwort verwendet, ohne sich mit dem Inhalt zu befassen, während auf italienischer Seite ohnehin jeder „italienischnational“ ist. Das alles ist eine Verkürzung und Halbierung der Wirklichkeit.
Jakob Philipp Fallmerayer wurde 1790 in Paidorf bei Brixen geboren, entstammte ärmlichen Verhältnissen, konnte jedoch aufgrund eines Stipendiums in Landshut und Salzburg orientalische Sprachen studieren.
1813 trat Fallmerayer in die bayrische Armee ein. Bayern hatte sich nach der Völkerschlacht bei Leipzig von Frankreich distanziert und beteiligte sich an den deutschen Befreiungskriegen. Fallmerayer wurde anschließend Lehrer in Lindau, Augsburg und Landhut und ab 1826 Professor für Philologie in München. Durch seine Arbeiten zum Kaiserreich Trapezunt (einer der Nachfolgestaaten des Byzantinischen Reich) erlangte Fallmerayer internationalen Ruhm.
Von 1831 bis 1834 begleitetet Jakob Philipp Fallmerayer den russischen General Alexander Iwanowitsch Ostermann-Tolstoi auf einer Forschungsreise durch Griechenland. 1840 bis 1842 und 1847 bis 1848 bereiste Fallmerayer den vorderen Orient.
Bereits ab 1830 lenkten Fallmerayers These, die antiken Griechen seien im frühen Mittelalter ausgestorben und durch hellenisierte Slawen und Albaner verdrängt worden, den Hass der Philhellenen auf sich. Fallmerayers Thesen wurden als Affront gegen die junge griechische Nation gewertet. Man ward Fallmerayer „panslawistische“ Tendenzen vor. Im „aufgeklärten“ Europa stellte das antike Griechenland ein Ideal dar, während das Russische Reich als bedrohlich galt.
Daraufhin musste sich Fallmerayer in Bayern, das dem Philhellenismus anhing, als Privatdozent und Kolumnist sein Geld verdienen, konnte kein öffentliches Amt mehr bekleiden. Faktisch wurden Fallmerayers Thesen durch moderne DNA-Tests widerlegt. Fallmerayer selbst distanzierte sich bereits 1845 von der These, die antiken Griechen seien ausgerottet worden. Insgesamt wird Fallmerayer heute im Bereich der Völkerkunde vorgeworfen, zwar mit seinen Thesen nicht gänzlich falsch gelegen zu haben, aber zu weitreichende Verallgemeinerungen betrieben zu haben.
Als Fallmerayer 1842 aus Griechenland nach München zurückkehrte, wurde er Berater von Kronprinz Maximilian.
Fallmerayer gilt abgesehen von den ethnogenetischen Studien als einer der herausragendesten Reiseschriftsteller, der für seine brillanten Formulierungen und Essays gewürdigt wurde. „Der heilige Berg Athos – Fragmente aus dem Orient“ wurde 2024 in der Edition Raetia neu herausgegeben. Darin taucht Fallmerayer in das Leben der orthodoxen Mönche ein, das ihn an die eigene Kindheit in Südtirol erinnert.
Als Feuilletonist und Reiseschriftsteller war Fallmerayer in der „Allgemeinen Zeitung“ zwar gern gesehen, nicht aber als politischer Denker. Dessen Streitartikel zu Kirche und Staat, aber auch zur deutschen Einigung sollten in dem deutschnationalen Blatt zwar insgeheim geteilt werden, aber aus Gründen der Repression gemieden werden, sehr zur Enttäuschung Fallmerayers. In seinen politischen Berichten unterstellte Fallmerayer dem russischen Zaren, die Weltherrschaft anzustreben.
Fallmerayer sah 1848 mit Blick auf die Kirche die Beeinflussung durch einen „ausländischen Souverän“. Infolgedessen verlangte er die Unterordnung der Kirche unter den Staat.
Die politische Einheit des deutschen Volkes werde – so Fallmerayer – durch jene Fürsten untergraben, die auf kleinstaatliche Privilegien beharren.
1848 wurde Fallmerayer als Abgeordneter für den Wahlkreis München II, der ein freiheitlicher Wahlkreis war, in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, war folglich ein weiterer Tiroler Abgeordneter in Frankfurt, beteiligte sich aber nur passiv am parlamentarischen Geschehen. Fallmerayer ordnete sich in der deutschen Linken ein, das waren die freiheitlichen Republikaner, die man heute rechts anordnen würde. Sein einstiger Gönner, inzwischen König Maximilian II. Joseph von Bayern, verlangte mehrmals eine Auskunft über die politischen Positionen, die Fallmerayer zu vertreten gedenke.
Fallmerayer erläuterte seine Ansichten zu Bayern, Österreich und Preußen in Anbetracht der deutschen Einigung: „Österreich mag bei Deutschland bleiben oder aus Deutschland ausscheiden, seine Politik, seine Wünsche und Absichten sind und bleiben in beiden Fällen Bayern gegenüber dieselben (…) Die Bevölkerungen von Österreich und Bayern sind dasselbe Blut, haben dieselben Sympathien, denselben Sinn„.
Er definierte es als ein „natürliches Gesetz“: „Dass sich die abgerissenen und getrennt fortlebenden Teile wieder zu vereinigen streben und im gemeinschaftlichen Zusammenwachsen erst die Bürgschaft künftigen Glückes und künftiger Größe erkennen“ würden.
Aufgrund seiner Teilnahme am Stuttgarter Rumpfparlament wurde er als Universitätsprofessor abgesetzt und behördlich verfolgt, sodass Fallmerayer in die Schweiz floh.
Jakob Philipp Fallmerayer und Joseph Streiter stehen in einem engen und freundschaftlichen Verhhältnis, Joseph Streiter betraute Fallmerayer mit der Unterrichtung seiner Söhne. In einem Brief vom November 1849 bezeichnet Fallmerayer die Klerikalen als „geistliche Tiroler Hydra“ und legt nahe, sich aus dem Streit mit den Klerikalen zurückzuziehen, „sich wenig um die öffentlichen Dinge zu kümmern“.
Erst im April 1850 konnte Fallmerayer aufgrund eines Amnestiegesetzes nach München zurückkehren. Jakob Philipp Fallmerayer verstarb 1861 in München, zu seinem Testamentvollstrecker wurde Ludwig Steub bestimmt. Ludwig Steub verfasste 1877 eine Biografie.
Schloss Tirol befasste sich 2008 mit den historischen Persönlichkeiten Joseph Ennemoser und Jakob Philipp Fallmerayer sowie mit Tirol in den Jahren 1809 bis 1848/49:


Die Ausstellung in Schloss Tirol:



Literatur:
[1] Ellen Hastaba & Siegried de Rachewitz: „Für Freiheit, Wahrheit und Recht!: Joseph Ennemoser und Jakob Philipp Fallmerayer Tirol von 1809 bis 1948/49“ (Schlern-Schriften), Wagner Verlag, Innsbruck 2009


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