1848 war ein Gipfelpunkt der deutschen Geschichte. Tirol war mittendrin, statt nur dabei, wenngleich die konservativ-klerikale Elite alles daran setzte – und setzt -, um 1848 als „Unheil“ und „Unruhen“ darzustellen. Mit weitreichenden Folgen.
Vorangegangen war der Revolution von 1848 der Vormärz, die Phase der politischen Reaktion und Restauration, in welcher insbesondere der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich einen autoritären Staatsapparat mit Zensur, Polizeiüberwachung und Unterdrückung jeglicher freiheitlicher Regung aufbaute.
Freiheitliche Bewegungen keimten, bedingt durch deutschen Idealismus und Romantik, auf. In Österreich aufgrund des autoritären Staatsapparates nur im Verborgenen, in Lesezirkeln, in Gedichten, dort, wo die Zensur nicht zuschlagen konnte. Politische Gebilde, die rein dynastischen Interessen folgten, fanden aufseiten der geistigen Eliten immer weniger Akzeptanz. Der „sittliche Staat“ bei Hegem wurde zur konkreten politischen Idee.
Hinzu kamen wirtschaftliche Schwierigkeiten. Während die deutschen Länder in der deutschen Zollunion vereint waren, blieb Österreich außen vor. Tirol war folglich durch seine äußerste Lage im Westen des Habsburgerreichs vom übrigen Süddeutschland abgetrennt, der Handel war beeinträchtigt. Die wirtschaftliche Not war in den Jahren 1847 und 1848 groß.

Das Revolutionsjahr in Episoden
13. März 1848: Die Revolution brach in Wien aus, Metternich trat zurück und floh nach England. Bereits am 15. März gewährte Kaiser Ferdinand erste Zugeständnisse, etwa die Abschaffung der Zensur sowie eine Verfassung ohne Beteiligung einer Volksvertretung. Diese Verfassung wurde daraufhin nach heftigen Protesten zurückgezogen, der politisch geschwächte Kaiser floh nach Innsbruck.
April 1848: In Wien wehte in der Nacht vom 1. zum 2. April die schwarz-rot-goldene Fahne am Stephansdom. In Frankfurt tagte am 9. April das Vorparlament. Die Wahl wurde in Österreich für den 19. April 1848 angeordnet. Die österreichische Regierung überlegte zwar, diese zu boykottieren, entschloss sich letztlich aber dazu, in Frankfurt stark für die Interessen Österreichs einzutreten. Die Wahl bestand in einem allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrecht, es waren allerdings nur Männer in nicht abhängigen Stellungen zugelassen. Vorgesehen war ein Abgeordneter je 50.000 Einwohner, die Wahl erfolgte über Wahlmänner. Erst 1907 sollte in Österreich, daran anknüpfend, ein allgemeines Wahlrecht umgesetzt werden.
Joseph Ennemoser, einst Mitstreiter Andreas Hofers, Mitglied des Freikorps Lützow, später Arzt und Herausgeber der freiheitlichen Innsbrucker Zeitung, rief dazu auf, dass in Tirol ein gesamtdeutsches Bewusstsein erwache.
18. Mai 1848: Die Frankfurter Nationalversammlung wurde in der Paulskirche eröffnet. Gewählt waren 860 Abgeordnete, 190 aus der österreichischen Monarchie. Es ergab sich der Streit um die groß- oder kleindeutsche Lösung, während die klerikalen Tiroler Abgeordneten – abseits dessen – eine klerikale Debatte anzettelten. Die Mehrheit der Tiroler Abgeordneten waren Geistliche oder Klerikale (rote Hinterlegung), führten zur Stunde der deutschen Einigung Debatten rund um die „Glaubenseinheit“. In Innsbruck und Schwaz wurden gemäßigt Freiheitliche gewählt (hellblaue Hinterlegung), im Wahlkreis Bozen der dezidiert Deutschfreiheitliche Franz von Unterrichter (blaue Hinterlegung), der sich gegen Joseph Streiter durchsetzte.
Insgesamt setzten die klerikalen Abgeordneten in Frankfurt – wie immer – alles daran, um gegen die freiheitlichen Abgeordneten zu intrigieren und sie mit allerlei Unterstellungen zu konfrontieren. Insbesondere der Klerikale Beda Weber, der in seiner Jugend mit Joseph Streiter verbunden war, verhinderte nicht nur einen Abgeordneten Joseph Streiter (Anton von Gasteiger setzte sich energisch für Streiter ein), sondern agitierte in Tirol heftigst gegen den freiheitlichen Abgeordneten im Bozner Wahlkreis (dazu zu gegebener Zeit, im Rahmen dieser Serie, mehr).
Nachfolgend ein Überblick über die Tiroler und Vorarlberger Abgeordneten in Frankfurt:


Neben diesen 2 Vorarlberger, den 9 Deutsch-Tiroler Abgeordneten saß auch noch ein weiterer Deutsch-Tiroler Abgeordneter in Frankfurt, nämlich Jakob Philipp Fallmerayer, der allerdings über den Wahlkreis München gewählt wurde. Hinzu kamen die Welschtiroler Abgeordneten, die aber – verständlicherweise – anderweitige Interessen verfolgten.
22. Juli 1848: Wahl des Reichstags in Wien als erste Volksvertretung nach der Märzrevolution. Eröffnet wurde der Reichstag durch Erzherzog Johann. Wichtigster Beschluss war die Befreiung der Bauern von der Erbuntertänigkeit. Im Zuge der Wiener Oktoberrevolution musste der Reichstag aus Sicherheitsgründen nach Kremsier (Ostmähren) verlegt werden.
6. Oktober 1848: Zweiter Wiener Aufstand, die so genannte Oktoberrevolution. Wiener Arbeitern, Bürgern und Studenten gelang es, die Stadt zu übernehmen. Kaiser Ferdinand floh nach Olmütz in Mähren. Konterrevolutionäre kaiserliche Truppen aus Kroatien und Prag schlugen die Revolution blutig nieder. Wien wurde Ende Oktober beschossen und am 31. Oktober durch die kaiserlichen Truppen erstürmt.
2. Dezember 1848: Kaiser Ferdinand dankte auf Druck Feldmarschallleutnants Felix Fürst zu Schwarzenberg ab, dessen 18-jähriger Neffe Franz Joseph I. übernahm und wurde in Olmütz gekrönt.
4. März 1849: Die „oktroyierte“ (auferlegte) Märzverfassung wurde von Franz Joseph einseitig erlassen. Der Kaiser behielt dadurch die Oberhoheit. Die österreichischen Abgeordneten wurden aus Frankfurt abgezogen, die deutsche Revolution war beendet. 1851 wurde Österreich mit dem Silvesterpatent zur Kaiserdiktatur. Die Revolutionäre wurden verfolgt.
Kaiser Franz Josef hatte durch seinen autoritären Staatsumbau zwar die politische Integrität Österreichs vorerst gesichert, im Inneren war das Ende des Vielvölkerstaates Österreichs jedoch gescheitert. Fortlaufende Zugeständnisse an die Freiheitlichen und an die Nationalitäten markierten einen Untergang Habsburgs auf Raten.
In der Nachbetrachtung deklarierten klerikale Historiker und Politiker das Revolutionsjahr 1848/49 als „Unheil“ und als „Unruhen“. Die Klerikalen hatten ohnehin nur religiöse Interessen im Sinn. Eine politische Neuordnung im Sinne der Selbstbestimmung war ihnen alles andere als recht.
Der Benediktinerpater Augustin Scherer, der Dogmatik lehrte, hielt 1860 im Werk „Geographie und Geschichte von Tirol“, das sich in Zeiten des Kulturkampfes explizit an die Jugend richtete, zum Revolutionsjahr fest:
In diesem denkwürdigen Jahre waren fast in allen Staaten unseres Weltteils große Unruhen ausgebrochen. In vielen Ländern waren die Revolutionen förmlich an der Tagesordnung. Selbst in der kaiserlichen Hauptstadt Wien herrschte wilde Empörung. Italien und Ungarn wollten sich von Österreich ganz losreißen; überall gärte es, und zahllose Aufwiegler suchten die Völker ihren Fürsten abtrünnig zu machen.
Die Losung der Klerikalen war klar: Selbstbestimmung und Volkssouveränität bedeuteten „Unruhen“, „Empörung“ und „Aufwiegelung“ gegen die adeligen Herrscher von „Gottes Gnaden“. Dass die Klerikalen in Tirol die heftigsten Kulturkämpfe rund um die Kontrolle über die Schule austrugen, verwundert angesichts derartiger Geschichtsumdeutungen nicht.

Auch heute gilt mit Blick auf konservative und klerikale Historiker: Das 19. Jahrhundert ab 1815 wird tunlichst ausgeblendet, 1848 verschwiegen oder umgedeutet, die Tiroler Grenzkämpfe werden unterschlagen. Dass es 1919 zur Abtrennung Südtirols kam, liegt neben den italienischen Aggressionen zu einem guten Teil an der politischen Uneinsichtigkeit Habsburgs und der Klerikalen.
Die Tiroler Grenzkämpfe werden im Rahmen dieser Serie gesondert zu behandeln sein.
Literatur:
[1] Christine Mumelter: „Joseph Streiter 1804–1873: Ein vergessener Bürgermeister?“, Athesia Verlag, Bozen 1998
[2] Lothar Höbelt: „1848 – Österreich und die deutsche Revolution“, Amalthea Verlag, Wien 1998
[3] Hans Heiss, Thomas Götz: „Am Rand der Revolution: Tirol, 1848/49“, Folio Verlag, Bozen 1998
[4] Otto Scrinzi, Jürgen Schwab: „1848 – Erbe und Auftrag“, Aula Verlag, Graz 1998
[5] Maximilian Facchin: „Die Tiroler und Vorarlberger Abgeordneten in der Frankfurter Nationalversammlung“, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck (Diplomarbeit), Innsbruck 2021
Titelbild: Alois Schönn (1826 – 1897), „Auszug der Tiroler Studenten im Jahre 1848“ (Öl auf Leinwand – 135 x 189,5 cm), Ältere kunstgeschichtliche Sammlung im Ferdinandeum, Innsbruck.

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