Die Diskussion um Urbanität ist eng verknüpft mit Fragen des Städtebaus, der Architektur und der sozialen Organisation des öffentlichen Raums.
Ein besonderes Beispiel für die Umsetzung eines spezifischen, bewusst traditionsorientierten Urbanitätsbegriffs ist das englische Modellprojekt Poundbury, geplant vom luxemburgischen Architekten und Stadtplaner Leon Krier. Kriers Theorie und Praxis bieten eine alternative Vision zur modernen Stadtentwicklung – bewusst gegenläufig zur funktionalistischen Stadtplanung des 20. Jahrhunderts.
Poundbury ist ein Stadtteil von Dorchester in der südwestenglischen Grafschaft Dorset, initiiert ab 1993 unter der Schirmherrschaft von Prince Charles. Die Entwicklung basiert auf den städtebaulichen Prinzipien von Leon Krier, einem der wichtigsten Vertreter des Traditionalismus und der sogenannten Neuen Urbanität.
Befasst man sich mit post-modernem Bauen, kommt man kaum an den Gebrüdern Krier vorbei.
Der luxemburgische Architekt und Stadtplaner Rob Krier studierte Architektur an der TU München, arbeitete bei Frei Otto, übernahm sodann Lehrtätigkeiten an der Universität Stuttgart, an der École polytechnique fédérale de Lausanne und an der TU Wien und eröffnete 1976 ein Büro in Wien, das er 1993 nach Berlin verlegte. 1993 wurde die Büropartnerschaft mit dem Südtiroler Architekten Christoph Kohl, dessen Schwiegersohn, eingegangen. 2010 übernahm Christoph Kohl das Büro CKSA.
Rob Krier ist ein wesentlicher Vertreter der Postmoderne [1]. Die Postmoderne plädierte in einer durch die Bauwirtschaft geprägten Architektur unter Rückruf auf ein narratives Elements. Im Städtebau versucht Krier sich auf historische Vorbilder zu stützen.
Dessen Bruder Léon Krier st ein führender Vertreter der Neuen Urbanität und des Neuen Klassizismus, einer Bewegung, die sich gegen die moderne Architekturbewegung wendet und eine Rückkehr zu traditionellen, nachhaltigen und menschlichen Maßstäben in der Stadtplanung fordern.
Ziel war es mit Blick auf Poundbury, ein Gegenmodell zur weit verbreiteten suburbanen Zersiedelung zu schaffen – eine Stadt, die sich nicht am Auto, sondern am Menschen orientiert.
In Poundbury finden sich keine funktionalen Zonierungen, keine typischen Verkehrsachsen und keine standardisierten Einfamilienhaussiedlungen, sondern klassisch proportionierte Gebäude, öffentliche Plätze, enge Gassen, und eine Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Einkaufen auf engem Raum.
Leon Krier vertritt ein normatives Urbanitätskonzept, das auf klaren architektonischen und städtebaulichen Prinzipien beruht. Für ihn ist Urbanität keine zufällige, soziologisch entstandene Qualität, sondern ein bewusst gestaltbarer Zustand, der durch bestimmte räumliche und kulturelle Strukturen erzeugt wird. Es geht um den Willen zur Gestaltung, auch in der Raumordnung und Raumplanung.
Zentrale Prinzipien seines Ansatzes sind:
Menschlicher Maßstab und Proportion
Gebäude und Räume orientieren sich an den physischen und psychologischen Bedürfnissen des Menschen. Krier lehnt monumentale Großformen ebenso ab wie amorphe Strukturen der Moderne.
Traditionelle Architektursprache
Die Stadt soll sich in eine kontinuierliche, klassische Bautradition einfügen. Moderne Formen gelten Krier als unverständlich, unlesbar und entfremdend.
Funktionsmischung statt Zonierung
Wohnen, Arbeiten, Konsum und Erholung sollen räumlich integriert werden, um lebendige, durchmischte Quartiere zu schaffen.
Gefasste Räume
Krier versteht Urbanität als ein Ergebnis der räumlichen Fassung von Straßen und Plätzen. Die Stadt lebt durch klare Raumkanten, definierte Plätze und ein verständliches Wegenetz.
Kritik an der Moderne
Kriers Theorie ist gleichzeitig eine radikale Kritik am Modernismus: an der funktionalistischen Trennung, an der Auflösung des Stadtraums, an der Autogerechtigkeit und am Verlust historischer Kontinuität.
In Poundbury sind diese Prinzipien sichtbar umgesetzt:
- Architektur in traditionellem Stil, mit regionaltypischen Materialien und handwerklichen Details
- Öffentliche Räume wie Plätze, Straßenkreuzungen und Gassen, die zur Begegnung einladen
- Vielfalt an Nutzungen, von Bäckereien über Büros bis zu Wohnungen in unmittelbarer Nachbarschaft
- Verkehrsberuhigung durch schmale Fahrbahnen und Verkehrsführung, die Fußgänger Vorrang gibt.
Poundbury soll zeigen, dass Urbanität geplant werden kann, wenn bestimmte Prinzipien konsequent angewendet werden – selbst in einer neuen Stadtstruktur.
Kritiker von links unterstellen eine Art „kulissenhafte Urbanität“, die mehr an eine bürgerliche Idealvorstellung erinnere als an reale Stadtvielfalt. Freilich, zahlreiche Großstadtviertel erinnern stattdessen an eine moderne Dystopie, infolgedessen sind die linken Vorbilder, die Ordnungspolitik an und für sich ablehnen, argumentativ im Nachteil.
Die Analogie zur Gartenstadt drängt sich auf. Moderne Stadtplaner wie Jan Gehl beziehen sich auf analoge bis ähnliche Prinzipien, wenngleich in der Rhetorik weniger traditionalistisch.
Literatur:
[1] Heinrich Klotz: „Revision der Moderne. Postmoderne Architektur 1960–1980“, Ausstellungskatalog des Deutschen Architekturmuseums, Prestel, München 1984


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