Der Kaschmir-Konflikt erlangt durch den Umstand, dass sowohl Indien als auch Pakistan Atommächte darstellen, eine hohe Brisanz. Der aktuellen Eskalation geht Ende April ein islamitischer Terrorangriff in der indischen Kaschmirregion zuvor, bei dem indische Touristen brutal getötet wurden. Durch die Aggressoren wurden gezielt Hindus ermordet.
Indien wirft Pakistan Beihilfe Pakistans zu terroristischen Übergriffen vor. Den Anfang nahmen Sanktionen wie die Aussetzung des Indus-Vertrages, der die Wassernutzung des Indus und seiner Nebenflüsse regelt, wobei Indien Wasserbauwerke nur in nicht nennenswertem Ausmaß betreiben darf. Die Wassernutzungsrechte liegen im Wesentlichen bei Pakistan, das durch indische Interventionen ausgetrocknet werden könnte und wesentlich auf den Indus angewiesen ist. Die nächste Eskalationsstufe nahmen indische Vergeltungsschläge durch Präzisionsangriffe mit Raketen auf angeblich terroristische Infrastruktur in Pakistan. Westliche Geheimdienste werfen dem pakistanischen Geheimdienst seit längerer Zeit vor, mit Terrorgruppen zu kooperieren. Indien stützt sich auf vermeintliche direkte Zusammenhänge zwischen dem Staat Pakistan und dem Terrorismus in Kaschmir.
Die Region Kaschmir liegt im Himalaya-Gebiet. Den Hintergrund bildet wieder einmal die britische Geopolitik zur Mitte des 20. Jahrhunderts, die viel verbrannte Erde hinterließ und den Grenzverlauf in der Kaschmir-Region nach dem Abzug der britischek Besatzung offen ließ. Kaschmir ist ein mehrheitlich muslimisches Land. Nach dem Abzug der Briten besagte das „Indische Unabhängigkeitsgesetz von 1947“, dass der Maharadscha von Kaschmir, der Hindu war, bestimmen sollte, was mit dem Land passieren solle. Dieser entschied sich für Indien. Daraus folgend eskalierte der Kaschmir-Konflikt, weil sich die mehrheitlich muslimische Bevölkerung betrogen fühlte.
Der Kaschmir-Konflikt ist deshalb schwer lösbar, weil sowohl Indien als auch Pakistan den Anspruch auf das ganze Kaschmirgebiet erheben.
Indien hob zudem 2019 die Autonomie Kaschmirs mit der Begründung auf, die Region sei zu instabil und konfliktgeladen. Indien, das – noch – ein multinationaler Staat ist, ist indessen dabei, in einen hinduistischen Staat umgebaut zu werden und nimmt infolgedessen deutlich zentralistische Züge an. Die amtierende Regierung unter Premierminister Narendra Modi versucht aus Indien einen Hindu-Staat zu formen.
Aber auch innerhalb Indiens ergibt sich Konfliktpotenzial: Von den 1,2 Milliarden Einwohnern Indiens bei der letzten Volkszählung 2011 waren 79,8% Hindus und 14,2% Muslime, das sind immerhin rund 170 Millionen. Die Muslime stellen einzig und allein in der indischen Kaschmirregion die Mehrheit dar.
Die Kaschmir-Region ist strategisch interessant, weil sich im Kaschmir Rohstoffe sowie Wasserkraftpotenziale konzentrieren. Der Fluss Indus entspringt in Tibet, durchquert das indische Kaschmir und fließt durch Pakistan ins Arabische Meer. Infolgedessen kann Indien durch Wasserbauprojekte und Flussregulierungen in Kaschmir die Wasserversorgung Pakistans direkt beeinflussen, was ein hohes Konfliktpotenzial birgt. Zudem verläuft für China eine wichtige Handelsroute über Kaschmir, überdies gehört ein Teil Kaschmirs zu China. Der CPEC (China-Pakistan Economic Corridor) ist ein Flaggschiffprojekt der „Belt and Road Initiative“ (BRI) und verbindet Chinas autonome Region Xinjiang mit dem pakistanischen Hafen Gwadar am Arabischen Meer über Kaschmir.
China ist folglich neben Indien und Pakistan die dritte Konfliktpartei im Kaschmir-Konflikt. China ist mit Pakistan verbündet, unterstützt Pakistan politisch und wirtschaftlich und versucht dadurch, Indiens Einfluss einzugrenzen. China betrachtet Indiens Infrastrukturprojekte in der Kaschmir-Region als Bedrohung der eigenen Position. Während Pakistan darauf drängt, China als Vermittler einzusetzen, akzeptiert Indien keine chinesische Einmischung.
Indien treibt in Jammu und Kaschmir zahlreiche Infrastrukturprojekte voran, insbesondere seit der Aufhebung des Sonderstatus 2019. Dazu zählen große Tunnel- und Straßenbauprojekte wie der Zojila- und Banihal-Tunnel, der Ausbau des USBRL-Eisenbahnprojekts mit der Chenab-Brücke, sowie Wasserkraftwerke wie Kishanganga und Ratle zur Energiegewinnung und strategischen Nutzung von Wasserressourcen. Zudem wird die digitale Infrastruktur verbessert, Tourismus und Bildung gefördert, und Flughäfen ausgebaut. Diese Vorhaben dienen sowohl der wirtschaftlichen Entwicklung als auch der stärkeren politischen und strategischen Integration der Region in die indische Union.
Vergleicht man Indien mit China, so ist Indien mit 1,43 Mrd. Einwohnern bevölkerungsstärker als China mit 1,41 Mrd. und einer tendenziell schrumpfenden Bevölkerung. Der wirtschaftlichen Entwicklungsgrad Chinas sowie die Militärmacht ist in China um ein Vielfaches höher. Im Gegensatz zum globalen Akteur China ist Indien ein regionaler Akteur. Indien holt dank junger Bevölkerung, schnellerem Wachstum, zunehmender Produktionsbasis und globaler Partnerschaften gegenüber China auf.
Sowohl China als auch Indien sehen sich als Führungsmacht in Asien. Nach Herfried Münkler gehören China und Indien zu den globalen „Big 5“. Insgesamt ergeben sich komplexe Dreiecksbeziehungen: Russland und China stehen derzeit geopolitisch eng zusammen, was Indien unter Druck setzt, da es gleichzeitig gute Beziehungen zu Russland erhalten und sich gegen China behaupten will. Auf der anderen Seite ist Russland ein wichtiger Verbündeter Indiens. Indien reagiert mit einer multi-vektoralen Außenpolitik: Partnerschaften mit dem Westen, aber keine Abkehr von Russland.
Multi-vektorale Außenpolitik ist eine außenpolitische Strategie, bei der ein Staat gleichzeitig und unabhängig Beziehungen zu mehreren globalen und regionalen Mächten pflegt, um maximale Handlungsfreiheit und strategische Autonomie zu sichern. Sie wird vor allem von Ländern angewendet, die sich nicht dauerhaft an ein Machtzentrum binden wollen, sondern flexibel auf geopolitische Veränderungen reagieren möchten.
Traditionell betrachten die USA Kaschmir als ein bilaterales Problem zwischen Indien und Pakistan, das durch direkte Verhandlungen gelöst werden sollte. Die USA verfolgen derzeit eine Politik der diplomatischen Zurückhaltung im Kaschmir-Konflikt. Während sie zur Deeskalation aufrufen und diplomatische Gespräche fördern, vermeiden sie direkte Einmischung oder Vermittlungsangebote. Diese Haltung spiegelt sowohl die wachsende strategische Partnerschaft mit Indien als auch die begrenzten Einflussmöglichkeiten auf Pakistan wider.
Literatur:
[1] Alexander Siedschlag: „Neorealismus, Neoliberalismus und postinternationale Politik Beispiel internationale Sicherheit — Theoretische Bestandsaufnahme und Evaluation“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 1997
[2] Herfried Münkler: „Welt in Aufruhr: Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert“, Verlag, Berlin 2023


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