In einer Welt, in der Informationen in Sekundenschnelle verbreitet werden, dominieren vielfach nicht Fakten, sondern subjektive Gefühle, die polarisierend wirken. Die gesamte Marketingindustrie unserer spätkapitalistischen Zeit ist auf professionelle Stimmungsmache ausgelegt.
Was viele in der Folge im Politischen als „Befreiung“ von einer „dominanten Meinungselite“ feiern, ist letztlich wenig konsistent. Jeder von uns hat wohl schon einmal daran geglaubt, es würden sich gesellschaftliche und politische Paradigmenwechsel einstellen, bis am Ende die Erkenntnis folgt, dass der Optimismus verfrüht bis naiv war, weil gesellschaftliche Veränderungen wenig linear sind.
Postfaktische Diskurse wirken attraktiv: Sie bieten einfache Erklärungen für komplexe Probleme. Die Guillotine ersetzt die Diskurse. Daumen hoch oder Daumen runter amstatt stringenter Argumente. Wer sich auf Fakten beruft, gilt schnell als elitär oder abgehoben.
Emotionalisierte Wahrheiten sind allerdings selten tragfähig. Entscheidungen, die auf Gefühl statt auf Evidenz beruhen, wirken im Moment, greifen aber zu kurz, verfehlen ihre Wirkung und verstärken langfristig die Probleme, die sie zu lösen vorgeben.
Letztlich baut jeder von uns dann, wenn es darauf ankommt, auf einem tragfähigen Baugrund. Freilich, bis zu den Zeitpunkt, an dem mit Kapital und Risiko gebaut wird, lassen sich die kühnsten Gedankengerüste spinnen. Wer wirklich Kapital einsetzt, trifft seine Entscheidungen nach ganz anderen Wertemustern als derjenige, der bloß mit Stimmungen spielt.
Fakten sind kein Meinungsvorschlag – sie sind Grundlage für kollektives Handeln. Wird diese Grundlage zersetzt, verliert die Gesellschaft ihre Handlungsfähigkeit. Fakten kann es natürlich viele geben. Wie letztlich eine Entscheidung ausfällt und wie Fakten im Konkreten bewertet werden, ist berechtigterweise eine subjektive Fragestellung. Um Entscheidungen mit Verantwortlichkeit zu treffen, ist es allerdings notwendig, die Fakten in aller Klarheit auszuarbeiten, die die Grubdlage für Entscheidungen mit Konsequenz bilden.
Ohne einen Mindestkonsens über das, was wahr ist, sind Organisationen nicht entscheidungs- und handlungsfähig. Dialog und Kompromiss werden unmöglich, wenn jede Seite in ihrer eigenen „gefühlten Wahrheit“ lebt und Stimmungsmache betreibt, sodass unweigerlich eine Eskalation stattfindet.
Nachhaltige Entwicklungen sind per Definition auf Langfristigkeit und Verlässlichkeit angewiesen. Für tragfähige Alternativen bedarf es Zeit, Personal, Ressourcen, Disziplin, mühevoller Kleinarbeit und Vorbildwirkung, also gerade das, was in einer schnelllebigen Zeit, auf die die Postfaktizität gründet, überflüssig erscheint. Folglich bleibt es in den allermeisten Fällen beim oberflächlichen Aufbegehren, von dem am Ende nicht viel übrig bleiben wird.
Wesentlich ist nicht die Frage „Freiheit wovon?“, sondern die Frage „Freiheit wozu?“. Wird nach dem „Wozu“ gefragt, wird es komplex bis kompliziert, weil substanzielle Alternativen begründet sein müssen. Das ist auch der Grund, weshalb populistische Bewegungen die Frage nach dem Wozu kaum stellen und sich stattdessen mit dem Delegitimieren und Destabilisieren befassen, was deutlich einfacher ist. Andererseits: Verantwortung und Stringenz sind sexy.


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