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„Ausverkauf der Heimat“: Von der Polemik zur Verantwortung

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Der „Ausverkauf der Heimat“ ist in Südtirol ein Schlagwort, vielfach auch eine Polemik und eine Floskel, unter welchen zahlreiche unliebsame Entwicklungen pauschal aufsummiert werden. Das Problem ist, dass Floskeln gar nichts bewegen.

Von „Ausverkauf der Heimat“ wird in Südtirol gesprochen, wenn es um Sorgen rund um die Kommerzialisierung, den Verlust regionaler Identität, den Tourismus-Boom und die Preisentwicklung am Immobilienmarkt geht.

Viele Menschen erleben, dass Immobilien vermehrt an auswärtige Investoren verkauft werden, wodurch Wohnraum für die einheimische Bevölkerung knapp und teuer wird. Das gleiche trifft auf die Zweit- und Drittwohnung zu, die freilich leer bleiben. Hinzu kommt die Diskussion um den Massentourismus, der das Landschaftsbild und die Lebensqualität beeinflusst, aber auch Massenverkehr verursacht und die gewachsene Baukultur relativiert.

Als „Ausverkauf der Heimat“ wird in Südtirol bezeichnet:

  • Immobilienspekulation
  • Tourismusdruck
  • Globalisierung
  • Naturverbrauch
  • Zunehmende gesellschaftliche Polarisierung.

Die Dolomiten sind nicht nur ein herausragendes Bergpanorama, sondern auch ein ökologisch hochsensibles Gebiet. Jeder bauliche Eingriff greift tief in die Naturkreisläufe ein. Natürliche Ressourcen sind alles andere als endlich und stehen zunehmend im Wettbewerb. Man denke alleine an die Ressource Trinkwasser, die schlichtweg endlich ist und auf die die 36 Millionen Nächtigungen in Südtirol eine Auswirkung haben.

Ironischerweise wird das Prädikat „UNESCO-Weltnaturerbe“ für die Dolomiten zum Verkaufsargument für jene Bauprojekte, die die Natur verbauen. Das Weltnaturerbe relativiert sich folglich langfristig von selbst. Bereits heute steht Südtirol unter Beobachtung: Sollte der Weltnaturerbe-Status aberkannt werden, dann ist das kein positives Signal.

Die Übernutzung der Landschaft schlägt sich auch in der Mobilität nieder. Südtirol ist stark auf den Individualverkehr fixiert. „85,5 Prozent der Touristen kommen mit privaten Verkehrsmitteln nach Südtirol, 55,7 Prozent nutzen dieses Mittel zur Fahrt während ihres Aufenthaltes“ belegt eine EURAC-Studie. Hinzu kommt der wachsende Lieferverkehr für Bauprojekte, Hotels und Gastronomie. Aber auch der ganze individuelle Verkehr im Land, ganz zu schweigen vom Transitverkehr und Durchzugsverkehr, sind ein heißes Eisen.

Die Folge ist ein Dauerstau in den Tälern – nicht nur während der Hauptsaison, Baustellen müssen ja auch noch betrieben werden. Neben Lärm und Luftverschmutzung beschleunigt der Verkehr den Landschaftsverbrauch: Für jeden neuen Hotelkomplex braucht es Zufahrtsstraßen, Parkplätze, Infrastruktur. Die Spirale dreht sich weiter: Jede Umfahrungsstraße macht den motorisierten Individualverkehr flüssiger – und attraktiver, so berechtigt die Umfahrungen auch sein mögen.

Vielerorts fehlt es am Mut, Alternativen anzugehen, die ein Alleinstellungsmerkmal verankern: Autofreie Täler, Park & Ride-Systeme, Priorisierung von Bahn und Bus. Es schimpft sich einfacher über die allgemeinen Zustände. Veränderungen tun nänlich mitunter weh.

Der Ausverkauf der Heimat ist zudem ein Versagen der Raumordnung. Gerade mit Blick auf die Raumordnung ist es leicht, auf die „anderen“ zu zeigen und gleichzeitig auf eigene Vorteile zu pochen, die in einer durchliberalisierten Welt jeder für sich beansprucht. Was grundsätzlich fehlt, ist eine langfristige Raumplanung, die nicht an Einzelvorteile denkt, sondern an das gemeinschaftliche Interesse, daran, dass unsere Dörfer und Städte ursprünglich ein Ausdruck einer bewussten Gemeinschaft sind.

Während sich die Immobilienpreise verdoppeln und verdreifachen, bleibt die Raumplanung reaktiv statt vorausschauend. Ortskerne veröden, weil Supermärkte und Gewerbe an die Peripherie wandern. Zersiedelung frisst sich in die Landschaft, und selbst Schutzgebiete werden durch “touristische Erschließungsnotwendigkeiten” infrage gestellt. Der Bau von Seilbahnen, Liftanlagen und Schigebieten – samt Infrastruktur – ist die Faust auf die Landschaft.

Der im Tourismus viel zitierte „Bettenstopp“ ist letztlich ein relativer, weil zahlreiche Hotelprojekte vor dem Bettenstopp genehmigt wurden, ein Puffer von 10.000 Betten eingefügt wurde und die Ferienwohnungsvermietung, auch als „Urlaub am Bauernhof“, boomt.

Fakt ist: Kompakte Siedlungsstrukturen, die Revitalisierung historischer Gebäude sowie der Baukultur, eine konsequente Nachverdichtung oder die Reservierung (oder Konventionierung) von neu ausgewiesenem Bauland für Anässige können korrigierend wirken. Vielerorts herrscht allerdings noch immer die Devise: Bauen, wo es geht – weil es noch geht, und dann zum eigenen Vorteil. Das Denken in Einzelvorteilen konterkariert den Gemeinschaftssinn, das Arbeiten am eigenen Quartier und am eigenen Dorf.

Hinter diesem schleichenden Landschaftsverlusten verbirgt sich ein Schaden: der Verlust von Heimat. Wenn der Dorfladen schließt, weil der Supermarkt auf der grünen Wiese öffnet, wenn das historisch gewachsene Dorfgasthaus weicht, weil der überdimensionierte Hotelbau in der grünen Wiese folgt, wenn junge Familien aus ihren Heimatdörfern verdrängt werden, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können oder wenn Bauern ihre Höfe verkaufen, weil Millionäre aus dem Ausland ihre Angebote unterbreiten, die „man nicht ablehnen kann“, geht Heimat Stück für Stück und unwiderruflich verloren. Jedes Mal stirbt ein Stück Heimat.

Am Ende beißt sich die Katze in den eigenen „Schwanz„: Selbst Touristen suchen letztlich nicht Retortensiedlungen, sondern lebendige und authentische Dörfer, also das, was in den Großstädten längst verloren gegangen ist, und weichen dann, wenn Südtirol zunehmend diese Authentizität nicht mehr erfüllen kann, auf andere Destinationen aus.

Vielleicht stehen Wertentscheidungen an: Wohin soll sich das Land entwickeln, gibt es positive Visionen für das Land, die alle Südtiroler mitnehmen und inspirieren können?

Heimat ist nämlich nicht vermehrbar, sondern ein zunehmend knappes Gut. Wenn Heimat erhalten und weitergebaut werden soll, sind gemeinschaftliche und integrative Visionen erforderlich.

Allein, mit politischen Verboten und dem Dauer-Jammern ist es nicht getan: Nachhaltige Veränderungen gehen von positiven Vorbildern aus, von gemeinsam geteilten Werten und von einem Lebensgefühl, das inspiriert: Lokal kaufen, lokale Kreisläufe und Lieferketten fördern, im Kleinen denken, verdichten, historische Bausubstanz erhalten und verwerten, autofreie Alternativen schaffen, kompakte Siedlungen anstreben, Projekte unsetzen. Was sich im Kleinen bewährt, kann einen Anspruch aufs Große erheben.

Südtirols Gemeinden haben in zahlreichen Bereichen, von Raumordnung bis Wohnbau, von Mobilität bis Dorfentwicklung, viele Gestaltungsmöglichkeiten. Wesentliche Weichenstellungen sind darüber hinaus auf Landesebene notwendig.

Letztlich geht es aber um konkrete und individuelle Taten: Wir alle sind in unseren Dörfern verankert, können uns im Sinne des Ehrenamtes, der Dorfentwicklung und der Dorfverschönerung betätigen, können Bewusstsein schaffen, aber auch Initiativen setzen.

Als Handwerker, Gemeindebedienstete, Unternehmer, Hoteliers, Gastwirte, Kulturtreibende, Immobilienentwickler, Bauunternehmer, Bürgermeister, Gemeinderäte oder Bauingenieure kann jeder für sich (s)einen Beitrag leisten, damit sich das Land als Ganzes positiv entwickelt und auch weiterhin Heimat bietet. Wesentlich ist, alle mitzunehmen, die individuelle Verantwortung aller Einzelnen in den Mittelpunkt zu stellen, besser machen, statt mit dem Zeigefinger auf die anderen und die große Politik zu zeigen.

Eine Antwort zu „„Ausverkauf der Heimat“: Von der Polemik zur Verantwortung“

  1. Avatar von Südtiroler Autonomie – Reform oder Reförmchen? – Demanega

    […] und Eisack, ein weiteres autonomiepolitische Kapitel auf. Nichts Wichtigeres als die Reform des Südtiroler Autonomiestatus, der Grundlage des Schutzes der Deutschen und Ladinischen Volksgruppe, wird aktuell diskutiert und […]

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