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Parrhesia: Rücksichtslose Wahrheit

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Parrhesia bedeutet im Griechischen die offene Rede, ein freies Sprechen. „Pan“ bedeutet „alles“ und „rhema“ ist „das Gesagte“. Das erste Mal von der „Parrhesia“ hörte ich von Frank Lisson.

Wörtlich übersetzt geht es der Parthesia um „Freimütigkeit“ und beschreibt die Praxis, die Wahrheit offen auszusprechen, auch wenn diese Risiken birgt oder unangenehme Konsequenzen mit sich ziehen kann.

Der Begriff der Parrhesia ist eng mit der politischen und philosophischen Kultur des antiken Griechenlands verknüpft, insbesondere in der Demokratie Athens, wo die Möglichkeit, ohne Furcht vor Repression seine Meinung zu äußern, als zentraler Wert galt.

Nietzsche meint sinngemäß, es gehe um „Wahrheit reden und gut mit Pfeilen schießen“.

Merkmale der Parrhesia sind:

  1. Offenheit: Parrhesia bedeutet, die Wahrheit ohne Verschleierung oder taktische Zurückhaltung auszusprechen.
  2. Mut: Der Begriff impliziert, dass die Person, die sich parrhesiastisch äußert, mutig ist, weil sie bereit ist, potenzielle Gefahren in Kauf zu nehmen.
  3. Wahrheit: Eine wesentliche Komponente von Parrhesia ist die Verpflichtung zur Wahrheit. Derjenige, der Parrhesia praktiziert, spricht das, was er oder sie für wahr hält, ohne Rücksicht auf persönliche Vorteile oder gesellschaftliche Konsequenzen.
  4. Machtgefälle: Parrhesia wird häufig in Kontexten verwendet, in denen ein Machtungleichgewicht besteht. Die offene Rede ist in solchen Situationen besonders bedeutsam, weil sie Machtverhältnisse in Frage stellt.

Im antiken Griechenland war Parrhesia ein zentrales Konzept der Demokratie. Freie Bürger sollten das Recht haben, ihre Meinung in öffentlichen Versammlungen oder gegenüber Herrschern zu äußern.

Philosophen wie Platon und Sokrates thematisierten Parrhesia, wobei Sokrates sie als Grundlage für sein philosophisches Leben betrachtete – seine Methode bestand darin, durch offene, aber unbequeme Fragen Wahrheiten zu enthüllen, oft zum Ärger seiner Mitbürger und der Mächtigen.

Auch der Philosoph Michel Foucault greift den Begriff in seinen späten Werken auf, insbesondere in Bezug auf das Verhältnis von Macht und Wahrheit. Foucault interessierte sich für Parrhesia als Form der Kritik, bei der eine Person bereit ist, sich der Macht zu stellen, um die Wahrheit zu sagen, selbst auf die Gefahr hin, dadurch benachteiligt oder bestraft zu werden.

Parrhesia ist heute im Kontext freier Meinungsäußerung, politischer Kritik und Rückgrat relevant. Wenngleich wir uns in der „freiesten“ aller Zeiten erachten, bleiben die Machtmechanismen die gleichen und der Mut, sie zu durchbrechen, ist wesentlich.

„Wer »gewinnen« will – sei es Sympathie oder Materielles – muß lügen, schmeicheln oder wenigstens schweigen können. Jedenfalls darf er auf das Wahrsprechen nicht bestehen, sondern muß ihm gegenüber flexibel bleiben, um nicht gegen seine eigenen Interessen zu verstoßen. Denn das Interesse der menschlichen Natur ist nicht »die Wahrheit zu sagen«, sondern »gut zu leben« und vor allem zu überleben. So kommt es, daß Menschen, denen »nicht mehr viel passieren kann« und die dadurch eine gewisse Unabhängigkeit erlangt haben (etwa, wenn sie pensioniert sind), sehr häufig ein anderes Verhältnis zur »herrschenden Wahrheit« einnehmen als jene, die noch »voll im Leben stehen«“ schreibt Frank Lisson in der Sezession 35 über die Parrhesia.

Die bedingungslose Wahrheit ist eine Mission. Mit der Wahrheit ist es so, wie mit einem Pfeil: Beide können töten, wenngleich die Wahrheit „nur“ im übertragenen Sinne.

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