Im Waldgang thematisiert Ernst Jünger die Freiheit des Einzelnen in einer von Massenhysterie und technokratischer Kontrollmechanismen dominierten Welt.
Die Figur des Waldgängers dient als Symbol für diejenigen, die sich nicht durch äußere Zwänge beherrschen lassen, sondern den eigenen Weg in Selbstbestimmung und Selbstachtung gehen. Züge, die zunehmend selten werden in einer Welt, in der jeder seinen individuellen Vorteil auf Kosten aller anderen anstrebt und dabei auch Intrigen gerne in Kauf nimmt.
Fatal ist auf der anderen Seite die Rolle des Mitläufers, der nicht hinterfragt, nicht reflektiert, keine Haltung einnimmt und kein Rückgrat hat, sich noch nicht einmal über den Rechtskontext und die Beweislage informiert, sondern im Sinne der Macht alles „brav“ durchnickt und der perfekte „Untertan“ ist (um ein Motiv Heinrich Manns aufzugreifen), mit den Charakterzügen, nach oben zu schleimen und nach unten zu treten. Freilich, dass derjenige, der nur durchnickt, letztlich nur noch eine Nummer und ein kleines Zahnrad ist und sich selbst als handelnde und denkende Person delegitimiert, ist ein Gedankengang, der Intellektualität erfordern würde.
Aber zurück zum Helden der Tat, zum Waldgänger, zu unserem Hauptdarsteller: „Die Waldgänger rekrutieren sich aus jenen, die auch in aussichtsloser Lage für die Freiheit zu kämpfen entschlossen sind“ schreibt Ernst Jünger und meint damit eine Freiheit, die grundsätzlich mit dem Einzelnen, dem Individuum, seinem Standpunkt und seiner Ehre, vor allem aber seinem Willen beginnt, das Leben frei und unabhängig zu gestalten.
Andersherum fragt sich an die Mitläufer, die Duckmäuser, die dunklen Gestalten im Hintergrund, die die Sonne nicht mögen, ob man so leben würde, wenn man wirklich frei wäre? Oder ob es die eigene Unmündigkeit ist, die innere Unfreiheit, die Angst vor den wahren Prüfungen des Lebens und vor einer Freiheit, die Gewinnen aber auch Scheitern kennt, die zur gebückten Haltung motiviert.
Sich in einer Formation, gedeckt durch andere, durch das Kollektiv irgendwo hinzustellen, ist relativ einfach und unriskant. Sich alleine einer Auseinandersetzung stellen, nicht nur in den eigenen Reihen zu kämpfen, sondern sich gegen einen intelligenten und strategisch handelnden Gegner zu stellen ist umso komplexer und wird deshalb fast ausnahmslos gemieden.
Lieber haut man im Zweifelsfall noch einmal auf jene drauf, die sich der äußeren Auseinandersetzung stellen, um ja nicht zuzulassen, im Schatten zu stehen. Das sind die Zutaten, aus dem sich die Intrigenkompetenz zusammensetzt und die letztlich auch in Kauf nimmt, dass wir alle unsere Ziele versäumen und das Projekt einer lebenswerten Heimat vor die Fische geht.
Freiheit des Einzelnen und Freiheit des Landes bedingen sich gegenseitig, darin besteht die große Versprechung des freisinnigen Gedankens: „Im idealen Falle wird die persönliche Freiheit mit der ihres Landes übereinstimmen“ so Ernst Jünger. Freilich, persönliche Freiheit ist anstrengend und verträgt sich nicht mit dem gebückten Gang des Lakaien.
Problematisch ist und bleibt, wenn sich das führende Personal gegenseitig die Verantwortung zuschiebt, moralische Ausreden für das Mitläufertum sucht, im Ernstfall nicht tut, was zu tun ist, sondern zunehmend moralisch verfettet. Wer will mit so einem „Führungspersonal“ irgend eine nur denkbare Auseinandersetzung gewinnen?
Ernst Jünger zieht ein hartes Urteil: „Der Wahrspruch des Waldgängers heißt: »Jetzt und Hier« — er ist der Mann der freien und unabhängigen Aktion. Wir sahen, daß wir zu diesem Typus nur einen Bruchteil der Massenbevölkerungen rechnen können, und trotzdem bildet sich hier die kleine, dem Automatismus gewachsene Elite, an der die reine Gewaltanwendung scheitern wird. Es ist die alte Freiheit im Zeitgewande: die substantielle, die elementare Freiheit, die in gesunden Völkern erwacht, wenn die Tyrannis von Parteien oder fremden Eroberern das Land bedrückt. Sie ist keine lediglich protestierende oder emigrierende Freiheit, sondern eine Freiheit, die den Kampf aufnehmen will.“
Selbstverständlich, alleine das Lesen und Verstehen dieser Zeilen verlangt Bildung und Intellekt und damit Voraussetzungen, die nicht allgemein erwartbar sind. Deshalb wird vor sich hin vegetiert und zur Ablenkung wird man destruktiv erfinderisch. Gut für diejenigen, die es sich „leisten“ können und die noch nicht erkennen, dass die Heimat brennt.
Literatur:
Ernst Jünger: „Der Waldgang“, Klett-Cotta, Stuttgart 1980


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