Man kann das wahre Leben im Falschen nicht führen. Wer kämpft, hantiert mit offenem Visier – oder meuchelt. Das ist dann allerdings kein Kampf mehr, sondern Hinterhalt.
Die Mensur, die „Hiebe des Eigentlichen“, schulen den Einzelnen zu Mut, Aufrichtigkeit, Ehrgefühl und Konsequenz.
„Es bleibt eine Urszene von Eigentlichkeit; der Paukant erfährt, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, ein agonales Ausgesetzt-Sein. In der Selbstauslieferung der Mensursituation wird erfahrbar, daß das Leben immer ein riskiertes ist, eines, das einmal beendet sein wird. In der Selbstaussetzung ist der Paukant seiner Verletzbarkeit als Mensch und – unbewußt – auch seines Todes eingedenk und versteht, daß das Individuum nicht über alles frei disponieren kann, sondern daß in der Körperlichkeit die Erfahrung von Begrenzung liegt, aber auch: daß man seines Glückes Schmied sein kann und daß zu einem guten Teil von einem selbst abhängt, ob sich der Erfolg einstellt oder nicht“ schreibt der unbekannte Gastautor 2015 in der Sezession.
Und weiter: „Die Erfahrung der Mensur als instinktive Todesnähe, also als Vereinzelung, wird jedoch von einer anderen eigentlichen, gegenläufigen Erfahrung konterkariert: Der Erfahrung einer Gemeinschaft der Eigentlichkeit. Der Einzelne setzt sich zwar unmittelbar und unvertretbar aus; aber das haben die, die hinter und neben ihm stehen, auch getan und sie wissen, was das Hinausgehalten-Sein bedeutet“.
Das ist auch alles, was uns heute fehlt: Mut, ehrenhafte Auseinandersetzung, Konsequenz und Aufrichtigkeit. Nietzsche meint sinngemäß, es gehe um „Wahrheit reden und gut mit Pfeilen schießen“.
Freilich, Hinterhältigkeit und intrigantes Agieren im Hintergrund sind einfach. Die offene Auseinandersetzung mit einem unter Umständen intelligenten Gegner verlangt nämlich Anstrengung, Risiko und Strategie. Man teilt aus, man steckt auch ein, am Ende liegt ein Ergebnis vor, das gefällt oder auch nicht.
Von innen zersetzen, erodieren, madig und morsch machen oder mit Keulen hantieren ist demgegenüber kurzfristig einfacher. Zumindest eine Zeit lang. Irgendwann fliegt ohnehin alles um die Ohren. Weil es das wahre Leben im Falschen nicht gibt und auch nicht geben kann.
Anerkennung für seine Ziele findet nur, wer ehrenhaft kämpft. Und wer immer kontra gibt, keinen Angriff unbeantwortet und unvergolten lässt. Andernfalls steht die eigene Rechtsperson zur Disposition.
Die Mensur lehrt uns: Verstecken hinter den anderen gibt es nicht. Manche Auseinandersetzungen, manche Prüfungen im Leben bestehen wir alleine oder gar nicht. Richtschnur ist ohnehin nicht der materielle Erfolg, sondern das ehrenhafte Urteil.
Die Gemeinschaft steht uns zwar unterstützend zur Seite, nimmt uns manche Last ab, doch den Kampf um das Eigene bewältigt man alleine.
Freilich, vorausgesetzt, man entscheidet sich überhaupt für den offenen Kampf. In durchliberalisierten Zeiten, wie diesen, wird von den einen die Selbstaufgabe gefeiert und die anderen verstecken sich hinter Kollektiven, Gremien und allgemeiner Verantwortungslosigkeit. O tempora, o mores.
Letztlich ist Strategie entscheidend. Strategie bedeutet, sich Gedanken über Erfolg und Misserfolg zu machen. Dazu ist es zuallererst einmal notwendig, sich der Ziele überhaupt bewusst zu sein und die Zielerreichung konkret anzupeilen.
Strategien sind, wenn sie misslingen, zu ändern und zu überdenken. Wer immer nur verliert, kann sich schlechtestenfalls mit der Opferrolle begnügen („du Opfer“) oder wird sich vernünftigerweise Strategien aneignen, mit denen er nicht jedes Mal gegen die gleiche Wand klatscht.
Die verfügbaren Zeiten sind begrenzt, Zeit ist knapp und endlich. Entweder man nutzt die gegebene Zeit sinnvoll und im Sinne der eigenen Zielsetzungen oder verschwendet die Gelegenheit, die nicht wiederkommen wird.
Ich für meinen Teil verliere zunehmend die Geduld. Die Auseinandersetzung für das Eigene verlangt heute den vollen Einsatz von uns allen. In Zeiten, wie diesen, ist es mit den Ideen und Methoden von gestern kaum getan. Rücksichtslose Selbstzerfleischung ist mit Härte und Konsequenz zu ächten. Intellektuelle Engstirnigkeit aber auch. Der spalterische Rückzug auf immer kleinere Kreise entspricht der eigenen Kapitulation.
Freiheit und Identität des Einzelnen sowie Freiheit und Identität von uns allen verlangen Schlagkraft, Strategie und Lageerfassung. Wer sich stattdessen ins nostalgische Schneckenhaus zurückzieht, verliert sich selbst und riskiert alles.
Das Tragische am derzeitigen Werteverfall ist, dass gar kein Bewusstsein mehr besteht für offenes Visier, für ehrliche Auseinandersetzung und für den ehrenhaften Kampf. Feige wegducken und im Verborgenen intrigieren ist allerdings der Pfeil, der nach hinten losgeht.


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