Die „Alte Volkstumspolitik“ ist (in Anlehnung an die „Alte Rechte“, der Amerikaner würde „cuckservative“ sagen) strikt rückwärtsgewandt: Die eigene Position wird ausschließlich mit nostalgischem Blick auf die Geschichte definiert.
Nur: Die Vergangenheit kann gar nicht bewältigt werden, sie ist ganz einfach vorbei. „Vergangenheitsbewältigung“ ist eigentlich die Strategie der politisch „anderen“.
Die Konzentration auf die Geschichte ohne Herausarbeitung einer geistigen Substanz verhindert in Ermangelung intellektueller Redlichkeit das Erkennen aktueller Risiken sowie das Entwickeln konkreter Gegenstrategien zu den aktuellen Herausforderungen.
Verhindert wird vor allem eine größer angelegte Vernetzung im Sinne gemeinsamer Interessen und Strategien. Der Blick über die eigenen Berge hinaus unterstreicht, dass es da und dort die gleichen Herausforderungen und beispielgebende Strategien gibt.
Die sture Fixierung auf traditionalistische Gesellschaftsformen, die nicht mehr konsens- und mehrheitsfähig sind, verhindert eine tagespolitische Brisanz sowie Einfluss auf die Lebenswirklichkeit. Der Mangel an politischer Strategie sowie die Unfähigkeit, realpolitische Veränderungen herbeizuführen – oder zumindest anzustoßen -, hat Auswirkungen fataler und letaler Art.
Die „Alte Volkstumspolitik“ zerstört mittel- und langfristig das, was sie vorgibt, konservieren zu wollen. Bewusst ignoriert werden nämlich ernsthafte Bedrohungen für unsere kulturelle Identität, die durch Rückwärtsgewandtheit nicht zu tilgen sind:
- Auflösung herkunftsbasierter Identität und Etablierung der multikulturellen Gesellschaft als utopische Gesellschaftsauffassung;
- Kulturelle Erosion und Zersetzung durch emanzipative Auflösungsbestrebungen;
- Radikale Antidiskriminierungspolitik im Sinne von „Cancel culture“;
- Auflösung der individuellen Geschlechteridentität, infolgedessen Auflösung der tradierten Familie im Sinne „bunter“ Ideologien;
- Aufhebung von Volksherrschaft, stattdessen Expertenherrschaft von oben;
- Menschsein als verschiebbares „Humankapital“ im Interesse der globalisierten, neoliberalen Ökonomie mit Etablierung globaler „Heimatlosigkeit“;
- Exzessiver Internationalismus und Verlagerung nationaler Interessen und Souveränität auf internationale Institutionen und Märkte.
Die „Neue Volkstumspolitik“ setzt den Fokus nicht mehr (nur) auf historische Gegebenheiten, sondern auf die kulturelle Identität und deren Zukunftsfähigkeit.
Diese Identität ist aktuell – überall in Europa – zahlreichen Gefahren ausgesetzt, nur ein Bruchteil dessen ist historistisch und lokal zu lösen. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Heranbildung einer selbstbewussten Identität in einer zunehmend globalisierten Wirklichkeit, die sich realpolitisch durchzusetzen weiß. Dazu sind neue Strategien unabdingbar.
Carl Schmitt bringt es auf den Punkt: „Dadurch, dass ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten, verschwindet das Politische nicht aus der Welt. Es verschwindet nur ein schwaches Volk“.
Die „neuen“ Strategien umfassen notwendigerweise moderne Medien, den Rückgriff auf „think tanks“, Einflussnahme auf Entscheidungsfindungen und politische Prozesse, internationale Vernetzung sowie intellektuellen Diskurs. Freilich, Intellektualität überfordert und ist für bestimmte Schichten grundsätzlich „suspekt“, der „Hausverstand“ tut es doch auch. Oder nicht?
Von Belang ist längerfristig das Schaffen einer alternativen kulturellen Hegemonie. Symbolik ist ein Teil des Ganzen, aber nicht dessen Kern. Es geht um die Essenz, um die Debatte um Werte und Zukunftsaussichten, um Gesellschaftsformen und Staatsform, um Wirtschaften und sozialen Zusammenhalt. Es geht darum, dass eine Gemeinschaft der Zukunft eine Gestalt zu geben vermag, sich als Gemeinschaft versteht und als Gemeinwesen wirkt.
Zu leben heißt – richtigerweise – zu kämpfen. Der moderne „Kampf“ ist eine inhaltliche Auseinandersetzung um die Begriffe, um die Prinzipien und um die Richtungen und setzt Intellektualität voraus. Das so genannte „agonale“ Prinzip (von griechisch „agon“ als Wettkampf, Wettstreit) kennzeichnet die Ausrichtung auf Debatte, auf Wettkampf und auf Auseinandersetzung statt selbstgefälliger Selbstaufgabe und Larmoyanz (Wehleidigkeit und Selbstmitleid).
Der Amerikaner ist in seinen Bezeichnungen wenig zimperlich. „Cuckservative“ ist eine abwertende Bezeichnung für einen harmlosen Konservativismus, der längst nicht mehr weiß, worin die Substanz liegt und stattdessen die Selbstaufgabe kultiviert. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern „cuck“, einer Abkürzung des englischen Wortes „Cuckold“ für ehelichen Betrug, und der politischen Bezeichnung „conservative“ (konservativ) zusammen.
Südtirol ist dort, wo um Südtirol gekämpft wird und wo darüber debattiert wird, welche Richtung dieses Land – realpolitisch und nicht in der Phantasie – nehmen soll. Auf „die da oben“ schimpfen ohne den ernsthaften Versuch einer besseren Ordnung zu unternehmen, ist Selbstaufgabe. Konkrete Unabhängigkeitsräume, in denen kulturelle Identität gesichert und ausgebaut wird, sind faktisch zu schaffen. Gegen Widerstände und ewige Nörgler.
Die zeitgemäße Auseinandersetzung umfasst Festlegungen im Lokalen, im Regionalen, im Nationalen und im Internationalen, entwickelt Visionen für alle Bevölkerungsschichten und -sparten, formt ein Land, das Heimat und Halt bietet und sich trotz Globalisierung erfolgreich durchzusetzen weiß.
Freilich, der Rückzug in das eigene Schneckenhaus ist einfacher, Bedeutungslosigkeit generiert weniger Widerstände und Intrigen und sichert die wohlersehnte Ruhe im Vorgarten, womit wir wieder beim „cuckservative“ wären. Zumindest eine Zeit lang, bis es dann zu spät ist. Nur kann dann, wenn es effektiv zu spät ist, niemand behaupten, die Gefährdungen seien „nicht absehbar“ und zu verhindern gewesen.


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