Wer die „Kritische Theorie“, die in Symbiose neomarxistischer sowie freudianistischer Theorien im 20. Jahrhundert entstand, nicht versteht, versteht nicht, welche Richtung der politische Diskurs heute nimmt, der alles andere, nur nicht „herrschaftsfrei“ ist, wie von Jürgen Habermas eigentlich – zumindest rhetorisch – verlangt.
Im Frankfurter „Institut für Sozialforschung“ arbeiteten Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse an einer umfassenden Gesellschaftstheorie, analysierten die sozialen Strukturen, um Mechanismen der Unterdrückung und Hegemonie aufzudecken, insbesondere im Kontext des Kapitalismus und der so genannten „bürgerlichen“ Gesellschaft.
Im Rahmen der Kritischen Theorie wurden zentrale Motive des Marxismus, insbesondere die Analyse von Klassenstrukturen und die Betonung der ökonomischen Grundlage der Gesellschaft herangezogen und untersucht, wie Macht und Unterdrückung im Kapitalismus institutionalisiert sind und wie sie die sozialen Beziehungen formen und etablieren. Erweitert wurde der unorthodoxe Neo-Marxismus um den Freudianismus und die Psychoanalyse, im Hinblick auf die Psychodynamik individueller und kollektiver Verhaltensweisen und es wurde analysiert, wie unbewusste psychische und symbolische Prozesse vermeintlich dazu beitragen, Herrschaftsstrukturen aufrechtzuerhalten und wie sie sich in kulturellen Artefakten und sozialen Institutionen widerspiegeln.
Negativ betrachtet wird das Konzept der Hegemonie, das über direkte Unterdrückung hinausgeht und sich auf die Fähigkeit herrschender Gruppen bezieht, Konsens und Zustimmung – bewusst und unbewusst – zu erzeugen, sodass ihre Interessen als allgemeine Interessen aller wahrgenommen werden würden.
Demgegenüber strebt die kritische Theorie im marxistischen Sinne nach Emanzipation, nach der Befreiung von Unterdrückung und der Schaffung von Bedingungen, die angeblich individuelle und kollektive Freiheit ermöglichen würden. Emanzipation beinhaltet die Beseitigung von Herrschaftsstrukturen, die Menschen daran hindern, ihr volles Potenzial zu entfalten, sowie die Schaffung von gerechteren und inklusiveren Gesellschaften.
Daraus resultiert im Praktischen der Angriff auf gewachsene Institutionen zugunsten abstrakter Konzepte, die allerdings nicht halten können, was sie versprechen, sodass am Ende immer der Sozialstaat notwendig wird.
Die kritische Theorie betrachtet Emanzipation als einen permanenten Prozess, der durch kritische Reflexion, soziale Mobilisierung und politische Veränderung vorangetrieben wird und der im marxistischen Sinne sowie im Sinne des Progressismus aus historistischer Sicht angeblich „zwangsläufig“ ist.
Die Verbindung von Marxismus und Freudianismus in der kritischen Theorie sollte eine umfassende Analyse gesellschaftlicher Phänomene ermöglichen, entwickelte sich aber – wie im Marxismus üblich – zu einer dogmatischen Analyse der Wirklichkeit, die nur noch durch die Brille der Kritischen Theorie gelesen, gedeutet und als vermeintlich „folgerichtig“ eingestuft wurde.
Jedes soziale Phänomen wurde nicht nur durch die Kritische Theorie begreifbar gemacht, sondern die Strukturen, die durch die Theorie kritisiert wurden, mussten „zwangsläufig“ bestimmte Phänomene und Probleme bewirken, sodass die Grenzen der Wissenschaft verlassen und jene der ideologischen Prädiktion und Deutung erreicht waren.
In Summe sind die Folgen der Kritischen Theorie fatal: Komplexe gesellschaftliche Prozesse werden stark vereinfacht, die Therapie ist im Sinne des angestrebten Umbaus der Gesellschaft radikal, die Ideologie ist in sich geschlossen und wenig tolerant und offen für Alternativen, ihr ist im Sinne einer Ideologie eine umfassende Welterklärung immanent, die politische Instrumentalisierung ist eine unmittelbare, die praktische Auslegung ist abstrakt. Hinzu kommt eine vermeintliche moralische Überlegenheit, auch und vor allem im Kontext historischer Deutungen. Daraus ergeben sich vielfache Machtkonstellationen.
Diese Folgen werden in der zeitgeistigen politischen Debatte ersichtlich, die eingeschränkt und einseitig ist. Auf die Spitze getrieben wird diese Ideologie durch die „Wokeness“, die den politischen Diskurs auf reale und vermeintliche Diskriminierungen lenkt, infolgedessen eine Opfermentalität kultiviert, Moralstandards relativistisch, gruppenbezogen und identitätsbezogen handhabt, in diesem Sinne einen Universalismus ablehnt, in diesem Sinne selbstgerecht auf Zensur, Verbot und Intoleranz gegen die vermeintlich „Intoleranten“ drängt, im Grunde aber nur Macht meint.
Literatur:
[1] Günther Rohrmoser: „Das Elend der Kritischen Theorie“, Rombach Verlag, Freiburg 1970
[2] Karl-Otto Hondrich: „Der neue Mensch“, Suhrkampf Verlag, Berlin 2001


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