Das Bauingenieurwesen ist nicht ohne Weiteres mit anderen Sparten der freiberuflichen Betätigung vergleichbar. Anders als in anderen Sparten des Ingenieurberufs geht es immer um singuläre Anfertigungen mit einem spezifischen Auftraggeber, einem spezifischen Baugrund und spezifischen baurechtlichen Rahmenbedingungen, sodass die Schwierigkeiten gegenüber Serienanfertigungen naturgemäß steigen.
Manchmal sind die Rahmenbedingungen aber auch einfacher, weil es nicht darauf ankommt, mit einem Entwurf unzählige Produkte auf den Markt zu bringen, sondern weil bei der Einzelanfertigung hier und da doch eine Improvisationsmöglichkeit besteht.
Aus Kundensicht besteht im Ingenieurwesen vielfach die Vermutung, dass ohnehin alle Marktteilnehmer die gleichen Leistungen bieten würden, zumal die Normen und gesetzlichen Regelungen ohnehin immer einzuhalten sind. Folglich präsentieren zahlreiche Bewerber „brauchbare“ technische Lösungen, die Qualität derselben zeigt sich erst im Nachhinein und sehr spät. Dadurch werden Leistungen scheinbar direkt monetär vergleichbar, Fachwissen ist hingegen von außen nur schwer bewertbar und das Internet ein „treuer“ Ratgeber bei allen möglichen technischen Fragestellungen, wenngleich die Antwort nicht immer die richtige ist.
Der Kunde selbst befindet sich als Bauherr in seinem Bauvorhaben im Sinne des Veränderungsmanagements vor einer einschneidenden Veränderung mit großen Zweifel und Unsicherheiten. Große Kosten und große Risiken müssen gestemmt werden, das Bauprojekt ist eine einmalige Angelegenheit und groß ist entsprechend die Unsicherheit, sodass der Druck immens ist und die Krise allgegenwärtig. Insbesondere bei öffentlichen Projekten, die an der öffentlichen Infrastruktur wirken, ist es vielfach schwierig, unzählige Interessen unter ein gemeinschaftliches Projekt zu bringen.
Folglich ist es mit Standard-Leistungen nicht mehr getan. Stattdessen geht es mehr denn je um eine umfassende Betreuung des gesamten Bauprojektes. Dadurch steigt die Rolle des Einzelnen als Dienstleister drastisch, der Projekte bewertet, beratet und betreut. Die technische Planung wird ohnehin immer vorausgesetzt, daneben liegt der Fokus stark auf individueller Problemlösung und einer Dienstleistung, die zur Stabilisierung und Vertrauensfindung beiträgt und schließlich Kundenzufriedenheit schafft. Im Sinne des agilen Projektmanagements treten in der Projektabwicklung einerseits die vorausblickenden und gestaltenden Schlagseiten auf, bei denen es darum geht, ein Projekt erfolgreich zu bearbeiten und zu planen. Andererseits geht es aber auch häufig um die Lösung von Konflikten und Krisen und in diesem Sinne um die Abwendung von Risiken, um die getätigten Investitionen zu sichern. Die Projektabwicklung muss folglich ganzheitlicher sein.
Die Leistungen müssen heute einfacher, schneller und flexibler werden. Hier leistet die Digitalisierung nachhaltige Disruptionen. Immer digital erreichbar und in Echtzeit informativ sein wird zur Pflicht und ermöglicht schnelle Reaktionszeiten, Informationstransparenz und Flexibilität in der Lösungsfindung. Konsequent digital und online arbeiten und zusammenarbeiten sind heute ein Muss.
Aus Kundensicht bietet die Digitalisierung effiziente Möglichkeiten, um Echtzeit-Informationen und laufende Updates bereit zu stellen. Die Digitalisierung bietet aber auch konkrete Möglichkeiten, standortungebunden zu arbeiten und Leistungen international und projektflexibel in Form von Vernetzung zu Engineering-Hubs anzubieten. Kleine Einheiten sind flexibler und anpassungsfähiger.
Die Digitalisierung ermöglicht es uns aber auch, effizienter zu arbeiten und anzubieten. Das „smart working“ ist vor allem auch eine Effizienzsteigerung und Kostenminimierung durch die digitale Standortungebundenheit. Am Markt gewinnt, wer die Kundeninteressen am kostengünstigsten und am besten befriedigt. Die Herausforderung ist groß, Qualitätsunterschiede sichtbar zu machen. Wenn ausschließlich der Preis zählt, sind viele Verlierer vorhanden.
Die laufenden Prozesse müssen unter dem Eindruck des globalisierten Wettbewerbs heute systematisiert, automatisiert und möglichst effizient gestaltet werden, damit andernorts der Raum für das Kreative frei wird, welcher das Ingenium ausmachen muss. An den großen Visionen führt kein Weg vorbei. Neben dem „Wie?“ ist das „Wozu?“ entscheidend!
Das Wie, das sind bessere und effizientere Projekte. Das Wozu, das sind lebenswertere Umgebungen, die ökologisch, resilient und sicher sind. Better projects + Environments. Am Ende steht der Mensch mit seinen Lebenswelten. Und auf dem Weg dorthin gilt es, den Menschen in der Planung mitzunehmen.
Das Design Thinking ist das Primat unserer Zeit, nämlich die Orientierung am Kunden und am Endprodukt. Am Ende muss ein erfolgreiches Projekt stehen. Und der Weg dorthin muss effizient und smart sein. Fehler gehören dazu, gehören aber dokumentiert und durch die Konzentration auf die Schwächen laufend ausgebessert.
Was leitet, das ist die positive Selbstvision und in der Folge der Beitrag, der für die Entwicklung des Ganzen möglich ist. Vision und Branding müssen übereinstimmen und das Nutzerversprechen muss klar sein. Visualisierung ist essenziell.
Und dann wollen wir abseits aller Effizienz – auch noch – smarte und agile Organisationen entwickeln, die effektiv als „game changer“ wirken und erfrischende neue Inspirationen in die Branche bringen. Abseits von Pathos soll es um so etwas wie Gewinnbringung für die Gesellschaft gehen, um einen echten und nicht nur rhetorischen Mehrwert.
Wertschöpfung bedeutet, dass wir höherwertige Produkte und Dienstleistungen schaffen. Um Neues und Besseres zu schaffen, brauchen wir den Mut zur Abweichung und zum nicht-linearen Denken.
Große und global wirkende Ingenieurbüros versprechen gar nicht so sehr technische Leistungen, die von denen der Konkurrenz deutlich abweichen würden, sondern allumfassende Serviceleistungen, Know-how in Bezug auf Abläufe und Entscheidungen, sodass der Kunde, der in diesem Sinne bei öffentlicher Infrastruktur unmittelbar die Verwaltung, aber in weiterem Sinne die Allgemeinheit ist, sich nicht um diese Angelegenheiten kümmern muss. Das „We care“ ist entscheidend.
Insbesondere dann, wenn heute weitreichende gesellschaftliche Veränderungen anstehen und ein konkretes Veränderungsmanagement notwendig wird, wenn Disruptionen geregelt werden müssen, Schwerpunkte zu setzen und Richtungen zu priorisieren sind, ist ein entschiedenes Projektmanagement notwendig, das auf ein klares Ziel ausgerichtet ist.
Bessere und nachhaltigere, aber auch resilientere Umgebungen zu schaffen, die uns als Gemeinschaft dauerhaft zur Verfügung stehen, ist ein Ziel, das stark antreibend wirkt und uns glücklich macht.


Hinterlasse einen Kommentar