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Wieso Hochdeutsch für Südtirol wesentlich ist

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In Südtirol findet derzeit eine leidige politische Debatte statt, die sich um die Frage dreht, ob Dialekt ausreichend sei oder ob nicht doch vielleicht die Pflege der Hochsprache für eine deutsche Minderheit wesentlich ist.

Vorerst zu den Begrifflichkeiten: Inzwischen wird zwar zunehmend von „Standardsprache“ (vom Englischen „standard language“) statt von „Hochsprache“ oder „Hochdeutsch“ gesprochen, gemeint ist aber dasselbe, nämlich eine Sprache, die über eine normierte Standardform verfügt. Gleichzeitig ist das „Hochdeutsch“ in der Folge eine „Dachsprache“, die die vielen deutschen Dialekte „überdacht“.

Deutsche Literatur und deutsche Hochsprache etablierten im 19. Jahrhundert das „Land der Dichter und Denker“. Die deutsche Hochsprache war der Zugang zur deutschen Literatur. Darüber hinaus war und ist die Hochsprache das verbindende Element innerhalb des deutschen Kulturraums.

In der aktuellen Südtiroler Debatte wird hingegen behauptet, Dialekt sei „ausreichend“ und Dialekt sei deutsch, es sei folglich nicht notwendig, eine Hochsprache zu sprechen und zu pflegen. Die Frage, wie sich dann jemand aus Tirol mit jemandem aus Schleswig-Holstein unterhalten soll, stellt sich ohnehin nur für diejenigen, die an einen deutschen Sprach- und Kulturraum glauben und die den Austausch pflegen.

Am Trivialsten ist der Verweis, dass diejenigen, die auf die Pflege der Hochsprache bestehen, den Dialekt abschaffen wollen würden. Das ist genauso einfach, wie es banal und falsch ist. Es geht nie um die Frage: „Dialekt oder Hochsprache?“ und auch nicht um die Frage: „Hochsprache oder Dialekt?“, sondern immer um die Feststellung: „Dialekt und Hochsprache“. Und gerade diese Evidenz scheint aus kurzsichtigen Gründen derzeit leichtsinnig in Frage gestellt zu werden. Mittel- und langfristig ist das problematisch.

Mundart und Hochsprache befruchten sich gegenseitig. Beide sind nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern stellen unterschiedliche Ebenen dar: Es gibt den Bereich der Mundart und es gibt den Bereich der Hochsprache. Es gehört zur gepflegten Art, beide Bereiche voneinander trennen zu können und zu wissen, wo Dialekt und wo Hochsprache angemessen sind. Letzten Endes wirkt die Hochsprache über Talschaftsgrenzen und Bergrücken hinaus verbindend.

Insofern Dialekt als etwas Isoliertes betrachtet wird, das in keinem Zusammenhang zur Hochsprache steht, ist jene Entwicklung erreicht, vor der der Sprachwissenschaftler Egon Kühebacher eindrücklich warnt. Kühebacher versteht Hochsprache und Mundart gemeinsam als „Muttersprache“. Und warnt vor einer Entwicklung, innerhalb derer die deutsche Hochsprache als „Fremdsprache“ aufgefasst und die deutsche Mundart nur noch als eine „Haussprache“ verwendet wird. Hochsprache und Mundart zu trennen sei der direkte Weg in die kulturelle Selbstaufgabe.

Felix Ermacora hält weiter fest, dass im Zuge der Autonomiedebatten im Bereich der muttersprachlichen Schule in Südtirol die Strategie verfolgt wurde, die Hochsprache früh zu erlernen und die Auseinandersetzung mit Fremdsprachen weiter nach hinten zu verschieben, um nämlich keine Kluft zwischen Haussprache und Hochdeutsch entstehen zu lassen. Zweifelsohne ein identitätspolitisch weitblickender Ansatz.

Gerade für ein kleines Land, wie Südtirol, wäre es politisch leichtsinnig bis naiv, die Verbindung zum großen deutschen Sprach- und Kulturraum aufzugeben, indem auf Hochdeutsch verzichtet wird. Die Gründerväter der Südtirol-Autonomie wussten das nur zu gut.

Abbildung: Wikicommons

Literatur:

Felix Ermacora: „Südtirol und das Vaterland Österreich“, Amalthea Verlag, Wien München 1984

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