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Die deutsche Künstlerstadt Klausen

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Walther von der Vogelweide wurde im 19. Jahrhundert „zum Streiter und Künder der deutschen Einheit, er steht für Werte, die damals von vielen Kreisen als erstrebenswert angesehen wurden, beispielsweise für Selbstwertgefühl, Treue, Nationalbewusstsein, Kühnheit, Kampfgeist“ [1].

Im Jahr 1867 wurde im Lajener Ried der Vogelweider-Hof als vermutliche Geburtsstätte Walther von der Vogelweides entdeckt.

Einer der eifrigsten Verfechter der Lajener Theorie war Innsbrucker Universitätsprofessor Ignaz Vinzenz Zingerle, auf dessen Betreiben am 3. Oktober 1874 beim Innervogelweider eine Gedenktafel enthüllt wurde. Klausen wurde auf diese Weise als „Waltherstadt“ bekannt.

Zingerle gründete 1843 die literarische Vereinigung Aurora in Innsbruck, deren Mitglieder gaben sich Rutternamen, lasen Klassiker und Romantiker. Zingerle erstand 1880 das Schloss Summersberg in Gufidaun aus dem 14. Jahrhundert und gründete die „Walther-Akademie“.

Zingerle gab sich zwar redlich Mühe, die Feier für das einfache Volk verständlich zu machen und ihr eine Art „Volksfestcharakter“ zu geben. Andere Festgäste bemerkten jedoch süffisant, die Einheimischen hätten wohl gar nicht verstanden, worum es ging, und wo möglich gemeint, es handle sich um eine Seligsprechung. Auch die Klausner Bevölkerung reagierte vorerst nicht auf die Waltherbegeisterung, man stand dem Ganzen eher zurückhaltend, wenn nicht sogar ablehnend gegenüber. Selbst der bodenständige und heimatverbundene Zingerle wurde als „liberaler Innsbrucker Professor“ angesehen, und er wieder bezeichnete Klausen als „konservativ“. Nicht vergessen werden darf, dass sich auch einflussreiche, konservative Kirchenkreise sehr skeptisch verhielten, nachdem bei den Feierlichkeiten oftmals allzu deutsch-national-liberale und antiklerikale Stimmen zu Wort gekommen waren. Es war das Verdienst der Klausner Gastwirte, die tiefe Kluft zwischen Einheimischen und dem neuen Gästepublikum geschlossen zu haben“ [1].

Als Klausen zur „Waltherstadt“ wurde, „belagerten“ Germanisten, Historiker und Dichter die Stadt. „Das Glas wurde nicht nur zu Ehren Walthers erhoben, auch für andere Persönlichkeiten der deutschen Geschichte wurden aufwändige Feiern inszeniert, so für den Minnesänger Leutold von Seven oder für Goethe“ [1].

Ab den 1870er-Jahren setzte sich die Etablierung von Klausen als Künstlerstadt durch. Bis 1920 sollen sich rund 300 Künstler in Klausen aufgehalten und die Stadt in ein Freiluftatelier verwandelt haben. Diese Zeit wird als „Klausner Künstlerkolonie“ bezeichnet.

Künstler, Dichter und Gelehrte verkehrten im Gasthaud „Zum weißen Lamm“ oder „Lamplwirt“ in Klausen des Georg Kantioler und gestalteten die dunkle Stube im Obergeschoss zum „Walthersaal“ um.

Künstler wie Alexander Köster, Franz von Defregger, Alois Gabl, Mathias Schmid oder Robert Ruß feierten ausgelassene Abende im „Lamm“. Trotz des Trinkspruches an der Wand: „Er hat nicht wohl getrunken, der sich übertrinket“. Alexander Köster heiratete die Lamplwirt-Tochter, Isabella Kamtioler und lebte zwischen 1896 und 1915 in Klausen, wo er eine Villa errichtete.

Georg Kantioler erwarb 1867 auch das gegenüberliegende Löwenwirtshaus und benannte es um in „Gasthof Walther von der Vogelweide“.

„Lamm“ in Klausen (Link)

Aus den „Tagebuchskizzen aus Tirol“ von Dr. Julius Mayr in Brannenburg am Inn, abgedruckt in den Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins 1905 lässt sich erahnen, welche Romantik in Klausen herrschte:

Um 2 Uhr bin ich beim „Lamm“ in Klausen. Wie das ganze Städtchen, das nur aus einer einzigen engen Straße besteht, so ist auch das „Lamm“ uralt, vielleicht sogar das älteste Haus. Über einer Stiege ist ein aus frühen Jahrhunderten wohlerhaltener Saal mit steinerner Galerie, mit getäfelten Wänden und einem alten Reiterbilde Leutholds von Säben. In der Gaststube hängen in Kreidezeichnung die Bilder von Zingerle, Steub, Fallmerayer, Defregger, Adolf Pichler, Uhland und Simrock und als Heiligstes das Bildnis Goethes, der hier auf seiner italienischen Reise einkehrte. So sitzt man unter Geisteshelden deutscher Art und in gehobener Stimmung trinkt man den Etschländer.

Neben allerlei deutschen Geistesgrößen war das Allerheiligste also Goethe und kein Herrgott.

Julius Mayr war Arzt, Alpenvereinsfunktionär und Schriftsteller sowie Mitglied der Studentenverbindung Apollo, später Burschenschaft Apollo.

Die Künstlerkolonie Klausen bewegte viele Einheimische zur Kunst, etwa Josef und Hans Piffrader, Hans Rabensteiner oder Valentin Gallmetzer.

Literatur:

[1] Sepp Krismer: „Klausen 1308 – 2008. Ein Lesebuch zur Stadtgeschichte“, Verlag A. Weger, Brixen 2008

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