Oskar Miller wurde am 7. Mai 1855 in München geboren. Dessen Vater Ferdinand wurde 1875 als Inspektor der Königlichen Erzgießerei in den erblichen Adelsstamd gehoben.
Die Brüder Oskar Millers waren der Erzgießer sowie Direktor der Münchner Kunstakademie Ferdinand von Miller, der 1884 Schloss Karneid bei Bozen kaufte, der Chemiker Wilhelm von Miller, Mitglied des akademischen Gesangsvereins München, und der Bildhauer und Professor an der Kubstgewerbeschule, Fritz von Miller. Wilhelm und Fritz von Miller heirateten die wohlhabenden Schwestern Sedlymayr, deren Vater Eigentümer der Brauerei Spaten war. Durch das Sedlmayr-Vermögen war es den beiden Brüdern möglich, Oskar von Miller zu unterstützen.
Oskar studierte an der Technischen Hochschule München Bauingenieurwesen. 1878 trat er in den Staatsdienst als Beamter ein. Ohne tieferreichende Kenntnisse der jungen Elektrotechnik besuchte er 1881 die Pariser Elektrizitätsausstellung und erörterte in der Folge das Wasserkraftpotential Bayerns. Im Folgejahr organisierte er die erste elektrotechnische Ausstellung in Bayern. Die Elektrotechnik erlernte und erforschte er im Selbststudium. Der öffentliche Dienst war jedoch noch nicht so weit, um seine kühnen Experimente zu übernehmen. Von 1883 bis 1889 wurde er mit Emil Rathenau Direktor der Deutschen Edison Gesellschaft (DEG).
Emil Rathenau hatte 1883 von Thomas Edison Patente für Glühbirnen erworben. Edison wiederum war ein Pionier marktfähiger Innovationen im Bereich Elektrotechnik. Die Deutsche Edison Gesellschaft gründete 1884 die Städtischen Elektricitätswerke zu Berlin. Die DEG wurde 1888 umstrukturiert und erweitert und in Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft, abgekürzt AEG, umbenannt.
1890 gründete Oskar von Miller sein eigenes Ingenieurbüro, das er „Technisches Bureau Oscar von Miller, München“ nannte, mit dem Ziel, „unabhängig von bestimmten Systemen oder von einer bestimmten Fabrik den geplanten Unternehmungen diejenigen Einrichtungen zu geben, welche nach Lage der ortlichen Verhältnisse am zweckmäßigsten erschienen“. Das war eine Entscheidung gegen die AEG und für die Unabhängigkeit.
Oskar von Miller war kein Erfinder, sondern Bauingenieur. Es nutzte seine Expertise, die er in der DEG und AEG erlangte, im Rahmen eines Ingenieurbüros, das den Markt disruptierte: Den Beginn nahm die Beratung der öffentlichen Verwaltungen bei Elektrizitätsprojekten. Der Markt war dünn und wurde durch Unternehmen wie AEG einerseits und akademische Gutachter, also Hochschulprofessoren andererseits, besetzt. Miller drang durch ein ubabhängiges Ingenieurbüro ein, indem er mehr bieten konnte: Er plante Projekte unabhängig, übernahm die Bauleitung und später den Betrieb in Form einer Konzession.
Viel Verantwortung bedeutete viel Risiko, aber – wenn es gut lief – auch viel Gewinn.
Mit Blick auf Bayern ging es Miller darum, eine Revolution in der Energiewirtschaft unzusetzen: Bayern verfügte nur über geringe Kohlevorkommen. Gelang es, die Wasserkräfte zu nutzen und über ein breites Verteilungsnetz verfügbar zu machen, wäre es möglich, die Wasserkräfte wirtschaftlich zum „Vortheile des Volkes“ zu nützen. In der Vision, Energiepotenziale zu erkennen und auf weite Entfernungen zu verteilen, war Oskar von Miller ein Pionier.
Obwohl Miller bei der DEG und AEG in der Privatwirtschaft begann und auch selbst als Unternehmer tätig war, war er der Meinung, dass das Stromnetz, insofern es breit angelegt werde, nicht mehr in den Händen von Unternehmen sein sollte – er ging richtig davon aus, dass sich letztlich ein paar Großunternehmen das Netz aufteilen würden -, sondern sozialstaatlich organisiert werden müsse.
Politisch wird Oskar von Miller das Zitat zugewiesen: „Ich bin Ingenieur und mache elektrischen Strom, der ist nicht deutschnational und nicht sozialdemokratisch, sondern einfach elektrisch“. Die einen hielten ihn für einen konservativen Monarchisten, die anderen für einen Sozialisten.
Im Jahr 1898 führte Oskar von Miller mit dem Bozner Bauingenieur Josef Riehl das Brennerwerk aus: Die regionale Größe Josef Riehl wirkte also mit der nationalen bis internationalen Größe Oskar von Miller. Gegründet wurde die Brennerwerke Ges.m.b.H. im August 1898 mit den Geschäftsführern, Oskar von Miller, Emil Rathenau und Julius Aufpitzer (Bayerische Bank). Miller war zur Erholung ins Wipptal gekommen, hatte in Anbetracht der in Matrei vorhandenen Wasserkraft „den Gedanken zur Anlage des Werks gefasst und verfolgt […] es fertig dastand“ [2].
Oskar von Miller ist ein wesentlicher Bestandteil der Technikgeschichte Südtirols. Bereits 1891 einigten sich die Städte Meran und Bozen auf die gemeinsame Erzeugung von elektrischer Energie. Mit der Projektierung des „Töllwerkes“ und der Leitung der Bauarbeiten in den Jahren 1896 bis 1898 wurde Oskar von Miller beauftragt. Die 1897 gegründeten Etschwerke gingen wesentlich auf Karl Lun sowie auf die beiden freiheitlichen Bürgermeister Julius Perathoner und Roman Weinberger zurück. Lun gilt als der „Vater“ der Etschwerke. Ab 1898 konnten Bozen und Meran mit elektrischer Energie versorgt werden.
Oskar von Miller kommt bis heute die entsprechende Ehre zuteil: In Marling erinnert die Technikmeile „Oskar von Miller“ an den Beginn des elektrischen Zeitalters. Seit 2007 ist die Technologische Fachoberschule Meran nach „Oskar von Miller“ benannt.
Als „freiwilligen Kriegsdienst“ projektierte Miller Wasserkraftanlagen, die nach dem Weltkrieg ausgeführt werden sollten.
Im Frühjahr 1919 nahm Oskar von Miller für die Reichsregierung als Sachverständiger an den Friedensverhandlungen in Versailles teil. In einer Vorbesprechung im März in Berlin stellte er klar: „Wenn der Feind an uns Forderungen stellt, die geeignet sind, das ganze Deutsche Reich zu vernichten, soll der Friede nicht unterzeichnet werden“.
Im Rahmen der Friedensverhandlungen waren ihm zwei Punkte wesentlich: Eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung sowie ein deutsches Heer, um die „Weltrevolution“ zu verhindern.
Die Landes- als auch die Reichsregierung setzte Miller als Energiefachmann ein. Er trat entschieden für eine nationale Energiepolitik ein, lehnte einen bayrischen Partikularismus ab.
In der Folge arbeitete Miller federführend an einem Reichselektrizitätsplan. Die zentrale Teilnahme an der Weltkraftkonferenz 1930 mit Albert Einstein stellte den Höhepunkt seiner Karriere dar. Die erste Weltkraftkonferenz fand in London statt, sollte die Akteure der Wasserkraft vernetzen. Beabsichtigt war, die Deutschen auszuschließen. Davon musste abgegangen werden. Der Tiroler Bauingenieur Karl Innerebner war an der ersten Weltkraftkonferenz vertreten.
Als Vorsitzender des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in Bayern bemühte sich Oskar von Miller darum, dem Ingenieurberuf eine soziale Anerkennung im Sinne der „Gleichstellung von technischer Intelligenz und Bildungsbürgertum“ [1] zu gewähren. Kulminieren sollte dieses Vorhaben in der Schaffung eines deutschen Nationalmuseums der Technik. Technik und Wissenschaft sollten als wesentlicher Bestandteil von Kultur dargestellt werden. Miller bewegte sich auf einem Grat: Nationale Komponente ja, aber gleichzeitig auch Erfassung der globalen Technikgeschichte.
Dass der Name auf „Deutsches Museum“ fiel, begründete Oskar von Miller 1905 damit, dass nicht ein Staat oder Land, sondern „die ganze deutsche Nation“ das Museum geschaffen habe. Als Vorlage diente ihm das „Germanische Nationalmuseum“ in Nürnberg, das 1852 gegründet wurde. Miller wollte kein „totes“ Technikmuseum, sondern eine Technik, die sich in die Kultur eingliederte.
Die Planung und Ausführung des Deutschen Museum wurde vom Architekten Gabriel von Seidl und nach seinem Tod 1913 von dessen Bruder Emanuel von Seidl (beide Corps Germania München) betreut. Letzterer verstarb 1919. Daraufhin folgte Oswald Bieber als Architekt.
Das Museumsgebäude verkörpert technologischen Fortschritt und gründet auf 1.500 Eisenbetonpfählen. Die Tiefgründung wurde erforderlich, da der Baugrund durch die Insellage des Standortes geologisch aus Schwemmkies bestand. Erst in einer Tiefe von 10 bis 12 Metern war mit einem tragfähigen Baugrund zu rechnen. Da Miller ein technologisches Meisterwerk errichten wollte, wurde für die Konstruktion eine Betonbauweise gewählt, die für die damalige Zeit äußerst innovativ war. Das Richtfest fand 1911 statt, die Eröffnung erst 1925. Die Grundsteinlegung für die Bibliothek, die als Stahlskelett ausgeführt wurde, erfolgte 1928.
Literatur:
[1] Wilhelm Füßl: „Oskar von Miller 1855–1934: Eine Biographie“, C.H. Beck Verlag, München 2005
[2] Irene Pallua: „Elektrizität für Tirol Eine Geschichte der Tiroler Wasserkraft AG seit 1924“, Universität Innsbruck, Innsbruck 2022


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