Die Frage nach dem politischen Status Südtirols war zwischen 1918 und 1919 eine Frage höchster politischer und diplomatischer Relevanz.
Vor allem anderen ist die amerikanische Position relevant: US-Präsident Woodrow Wilson handelte mit seinem 14-Punkte-Programm zur Neuordnung Europas nicht idealistisch, sondern machtpolitisch. Seine liberalen Kriegsziele sollten die Weltöffentlichkeit von einer hohen Moral überzeugen, vor allem aber die beiden deutschen Staaten zu einem Waffenstillstand bewegen. Letztlich ging es nicht um eine Friedensordnung für Europa, sondern um die Etablierung von Interessen. Während die Deutschen die 14 Punkte euphorisch aufnahmen, fanden diese bei den Entente-Mächten wenig Zuspruch.
Man muss sich die Südtiroler Schicksalsjahre zwischen 1918 und 1920 nicht nur romantisch, sondern politisch und diplomatisch vergegenwärtigen, zumal in Saint Germain und Versailles nicht Idealismus im Vordergrund standen, sondern wirtschaftliche und politische Interessen.
Den Tirolern im südlichen Tirol wurde bereits vor Kriegsende bewusst, dass die Südtirolfrage evident werden würde. Russland hatte 1917 den Londoner Geheimvertrag mit Italien veröffentlicht. Noch vor Kriegsende erklärten die deutschfreiheitlichen Spitzenpolitiker Julius Perathoner, Paul Christanell und Wilhelm von Walther am 13. Oktober 1918, unter Hinweis auf die 14 Punkte Wilsons, den Trentinern ihr Recht zuzusprechen, sich an Italien anzuschließen, legten aber den entschiedenen Protest gegen jede deutsche und ladinische Gebietsabtretung ohne Volksabstimmung ab.
Wilhelm von Walther weilte Ende Oktober 1918 als einziger Südtiroler Landtagsabgeordneter in Innsbruck und forderte sofortige private Verhandlungen im neutralen Ausland, um eine Abtretung Südtirols an Italien zu verhindern.
Bereits Ende November 1918 legten die Südtiroler eine Denkschrift vor, die von einem extrem hohen Realitätssinn zeugt. Es ging nicht darum, Maximalziele und Idealziele zu formulieren, sondern realistische Ziele im Sine einer Klimax („Stufenleiter“), die bei Nichterreichen der prioritären Ziele über Rückzugslinien verfügte:
- Deutsch-Südtirol bleibt Bestandteil der deutsch-österreichischen Republik und damit Bestandteil des künftigen deutschen Reiches.
- Ganz Südtirol sucht den Anschluß an die Schweiz und erfüllt als Kanton der schweizerischen Eidgenossenschaft die Funktion einer neutralen Zone zwischen Deutschland und Italien.
- Ganz Deutsch-Südtirol erklärt sich zur selbstständigen Republik und wird ein von den Mächten garantierter neutraler Staat, der sich als neutrale Zone zwischen Deutschland und Italien einschiebt.
- Deutsch-Südtirol wird zur neutralen Zone zwischen dem Deutschen Reich mit der Brennergrenze und Italien mit der heutigen Sprachgrenze erklärt und wird ein von den Mächten garantierter neutraler selbstständiger Freistaat oder sucht für sich allein den Anschluss an die Schweiz mit derselben Funktion wie oben.
- Deutsch-Südtirol wird ein Freistaat unter italienischer Oberhoheit
- Deutsch-Südtirol erhält eine seiner historischen Rolle und nationalen Sonderheiten entsprechende, weitgehend autonome Verwaltung als Bestandteil des Königreiches Italien.
Vergegenwärtigt man sich die allgemeine Orientierungslosigkeit im Jahr 2026, dann war Prioritätenliste der Südtiroler ein weitreichendes Signal:
Bereits im November 1918 entsandte der Tiroler Nationalrat, der sich am 26. Oktober 1918 gebildet hatte, den Abgeordneten Michael Mayr nach Bern, um Ernährungsfragen zu klären und um in diesem Zuge mit der Regierung der Schweiz sowie den Diplomaten der Entente über Südtirol zu verhandeln. Zu diesem Zweck wurde in Bern ein „Informationsbüro“ für Südtirol eingerichtet.
Interessant sind die Agitationen Ettore Tolomeis 1919. In seinem Programm 1919 formulierten Programm zur Behandlung und Beseitigung des „cisalpinischen Germanismus“ („germanesimo cisalpino“) waren die folgenden Punkte vorgesehen:
- Punkt 2 sah italienische Schulen vor
- Punkt 3 eine italienische Nomenklatur
- Punkt 4 die Einheitsprovinz Trient und
- Punkt 6 die Unterbrechnung der Beziehungen Südtirols zu den deutschen Landen nördlich des Brenners.
Der prioritäre Punkt 1 hat es jedoch in sich, beinhaltete dieser nämlich die Beseitigung der „germanistischen Köpfe“ („capi germanisti“) aus den Südtiroler Städten. Kennt man sich mit den politischen Gegebenheiten in Tirol vor 1919 aus, dann weiß man, dass es sich dabei in erster Linie um die Vertreter der deutschfreiheitlichen Partei handelte.
Das Tolomei-Programm wurde im April 1919 durch den Ministerpräsidenten, also im „liberalen“ Nachkriegs-Italien, genehmigt. Daraus erklärt sich, weshalb bis heute hin die freiheitliche Geschichte Südtirols eliminiert zu sein scheint. Wer deutschfreiheitlich war, hatte es weder 1919 noch 1945 einfach.
Auf Tiroler Seite stellte sich 1918 und 1919 die Frage, auf welche Verhandlungsposition man sich einigen wollte. Das war schwieriger, als man sich erwarten würde. Zwischen Tiroler Volkspartei und der Deutschfreiheitlichen Partei gingen die Positionen ideologisch naturgemäß weit auseinander. Das muss man sich wie folgt vorstellen: Während sich die Freiheitlichen ideologisch nach Deutschland orientierten, wollten die Konservativen eine Donauföderation verwirklichen, hinter der naturgemäß der alte Traum von Habsburg stand. Eine klerikale Gruppierung dachte sogar darüber nach, Tirol dem Vatikan als Kirchenstaat anzubieten.
Im Jänner 1919 war man sich auf deutschfreiheitlicher Seite noch relativ einig: Man wollte zu Deutschland. Unterhalb dieser ideellen Ebene, die die Idealziele oder Maximalziele behandelte, ordnete sich jedoch die realpolitische Ebene ein mit der Fragestellung, was abseits des Wünschenswerten real möglich und vor allem strategisch sinnvoll war.
In Bern gelangte man auf Tiroler Seite zur Gewissheit, dass die Entente-Mächte einem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich nur dann zustimmen würden, wenn der quantitative Zuwachs für den deutschen Einheitsstaat durch eine Kompensationen, also durch deutsche Verluste, ausgeglichen werden würde. Dazu zählten die Randgebiete zu Belgien, das Saarland, die Pfalz, Deutsch-Südtirol, Kärnten, die Südsteiermark und die Sudentenländer.
Die Entente-Mächte machten also eine genauso einfache, wie perfide Rechnung: Ein einheitliches Deutschland nur, wenn der neue deutsche Staat wesentliche Gebiete an die Nachbarländer abgab und es in Summe nicht mehr deutsche Staatsbürger werden würden.
Daraus folgend musste sich in der Südtirol-Frage zwangsläufig ein realpolitischer Zugang ergeben. Abgesehen von Idealzielen und Maximalzielen kam und kommt es stets auf jene Ziele an, die in einem gegebenen politischen Rahmen real umsetzbar sind.
Insbesondere Paul von Sternbach war es, der vehement für einen Freistaat Tirol eintrat, um realistische Ziele voranzutreiben. Auf freiheitlicher Seite war Paul von Sternbach dem realpolitischen Flügel angehörend, sein Vorbild und Ziehvater war Karl von Grabmayr. Auf Karl von Grabmayr, einen der erfahrensten und profiliertesten Politiker, den Südtirol jemals hatte, wurde viel Hoffnung gesetzt. Grabmayr wollte zu den Verhandlungen nach Paris und nicht nach Bern, zerpflückte die italienischen Argumente intellektuell. Einfluss auf die Verhandlungen nehmen konnte er jedoch nicht.
Paul von Sternbach war mit Blick auf die Verhandlungen der Meinung, dass eine Anlehnung an die Franzosen den eigenen politischen Zielen am ehesten förderlich war.
In Nordtirol war die Lage der Deutschfreiheitlichen hingegen verzwickter: Während in Südtirol unter der Last der realpolitischen Not – eine „Lösung“ war dringend und existenziell – eine Tiroler Eigenständigkeit formuliert wurde, hielt man auf Nordtiroler Seite an Deutschland fest. Man konnte sich im Gegensatz zu den Südtirolern ein bestimmtes Maß an politischer Romantik noch leisten.
Die Tiroler Sozialdemokraten nahmen eine isolierte Sonderrolle ein und waren eigentlich die einzigen, die Deutsch-Südtirol als Teil Deutsch-Österreichs wahrnehmen wollten: „Unter Bezugnahme auf die heutige Besprechung in der Frage Deutsch-südtirol erklären die gefertigten Vertreter der sozialdemokratischen Organisationen von Bozen und Meran, daß sie nach wie vor Deutschsüdtirol als einen Bestand der Deutschösterreichischen Republik betrachten.“
In realpolitischer Not schlossen sich die Tiroler Volkspartei unter Obmann Eduard Reut-Nicolussi und die Deutschfreiheitliche Partei Südtirols im Oktober 1919 zum „Deutschen Verband“ zusammen. Demgegenüber zogen es die Sozialdemokraten vor, mit den italienischen Sozialdemokraten zu kollaborieren. Das war ein frühes Anzeichen der „Internationale“, die im sozialdemokratischen Kosmos zunehmend wichtiger wurde.
Im Dezember 1919 legte der Deutsche Verband einen Autonomieentwurf vor, wollte eine weitgehende Selbstverwaltung in Italien erreichen. Nicht, dass man die Selbstbestimmung nicht wollte, es ging jedoch um das Ausloten der realpolitischen Möglichkeiten.
Anlässlich der Parlamentswahlen 1921 erlangte der Deutsche Verband 90 Prozent der Stimmen. In das römische Parlament gewählt wurden Friedrich von Toggenburg, Wilhelm von Walther, Eduard Reut-Nicolussi und Karl Tinzl.


Literatur:
[1] Richard Schober: „Die Tiroler Frage auf der Friedenskonferenz von Saint Germain“ (Schlern-Schriften 270), Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 1982
[2] Eckart Conze: „Die große Illusion – Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt“, Siedler Verlag, München 2018


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