Der Österreichische Alpenverein wurde 1862 in Wien durch Studenten gegründet, die insbesondere an der geographischen und geologischen bis botanischen Erforschung der Alpen interessiert waren. Wenige Jahre später wurde 1869 der Deutsche Alpenverein in München gegründet und zwar durch unzufriedene Mitglieder des Österreichischen Alpenvereins, die die Alpen nicht nur erforschen, sondern den Alpinismus durch Hütten und Wege fördern wollten.
Als Begründer des Deutschen Alpenvereins gilt der Ötztaler Franz Senn. Der Deutsche Alpenverein wurde als „bildungsbürgerlicher Bergsteigerverein“ gegründet und reihte sich in eine ganze Reihe deutschfreiheitlicher Vereine ein.
Dahinter steckte ein idealistisches Weltbild. Die Natur sollte ein Erlebnisraum sein, aber auch jener Raum, der den Einzelnen in einer industrialisierten und entfremdeten Welt zum „Wahren“ erzog. Ein wesentliches Motiv war aber auch: Fortschritt, indem die Erschließung durch den alpinen Fremdenverkehr voramgetrieben wurde. Davon sollten die Reisenden, vor allem aber auch die Bereisten, einen ökonomischen und kulturellen Mehrwert davon tragen.
Im selben Jahr wie der Deutsche Alpenverein wurde 1869 die „Sektion Bozen“ gegründet. Die Sektion Bozen formulierte im Zuge der Gründung den Grundsatz: „Die Naturschönheiten des Landes weiteren Kreisen bekannt zu machen: das Bereisen der Alpen zu erleichtern und dadurch unserem Heimatlande neue Erwerbs- und Einnahmsquellen zu erschliessen.“ Die Intention war eine patriotische.
Weiters ging es um den ideellen Austausch im deutschen Sprach- und Kulturraum. Die Sektion Bozen schrieb in einer 1909 erschienen Festschrift zur Gründung: „Es war ein Bund geschaffen von alpinbegeisterten jungen Männern und zugleich ein Bund Gleichgesinnter in allen deutschen Gauen“.

Der Begriff „deutsch“ umfasste beim Alpenraum den gesamten deutschen Sprach- und Kulturraum, man ließ sich durch keine politischen Grenzen trennen, die die Natur nicht kannte.
Von der Nord- und Ostsee bis zur Adria entstanden Alpenvereins-Sektionen, die die gemeinsame Leidenschaft für die Alpen teilten.
Der Alpenverein war bemüht, Deutsche aus allen Gegenden, insbesondere aus den Städten, nach Tirol zu zu bringen und damit das deutsche Grenzland Tirol bekannt und vertraut zu machen. Infolgedessen erbauten zahlreiche Sektionen in Nord- und Südtirol Schutzhütten, die meist nach deren Heimatstätten benannt waren.
Die Sektion Bozen schrieb aber auch, dass das eigene Weltbild die politischen Widersacher provozierte: „Wohl gingen in derselben Zeit auch die politischen Wogen hoch und die vom freiheitlichen Geiste geleitete Sektion wurde von den politischen Gegnern arg angefeindet.“
Den Klerikalen musste das Vorhaben Alpenverein durch den Strich gehen, weil sich dadurch deutsche Bildungsbürger in den Bergen aufhielten, die gesamtdeutsch dachten, womöglich auch noch Protestanten, Intellektuelle oder Freiheitliche waren und sich weniger durch die Kirche und mehr durch die Natur beeindrucken ließen.
Zu den Gründern der Sektion Bozen gehörten 1869 Dr. Johann Oettel, Dr. Josef von Zallinger und Albert Wachtler, der sowohl Gründungsobmann und auch noch im Jubiläumsjahr 1894 Obmann war. Ebenso 1869 entstanden Sektionen in Lienz und Niederdorf, 1870 in Bruneck und Meran, 1873 in Sand in Taufers und 1875 in Brixen.
Am 23. August 1873 fand der Zusammenschluss des Österreichischen Alpenvereins mit dem Deutschen Alpenverein zum „Deutschen und Oesterreichischen Alpenverein“ (DuOeAV) statt. Die gemeinsamen Statuten sollten 1876 anlässlich der Hauptversammlung in Bozen beschlossen werden.
Als im Jahre 1876 der gesamte Deutsche und Österreichische Alpenverein seine Hauptversammlung in Bozen abhielt, veröffentlichte das klerikal-konservative Tiroler Volksblatt missgünstige Berichte. Zudem wurde eine in Wien gedruckte Flugschrift verbreitet, in welcher dem Alpenveewin antikatholische und staatsfeindliche Tendenzen vorgeworfen wurden. Im selbem Jahre hatten anläßlich eines Alpenvereinsfestes mehrere Bürger aus Lienz auf dem Großglockner eine schwarz-rot-goldene Fahne aufgezogen. Grund genug für die Klerikalen, die Fassung zu verlieren.
Ein Kritikpunkt war ebenso, dass der Alpenverein die österreichischen Alpengebiete stets als „deutsche Alpen“ bezeichnete, womit – laut Tiroler Volksblatt – eine politische Vorherrschaft Preußens beansprucht werden würde. Wahr ist, dass die Ostalpen durch den Alpenverein vielfach als „Deutsche Alpen“ bezeichnet wurden.
Die Statthalterei Bozen erteilte folglich 1876 an die Bezirkshauptmannschaft Bozen die Weisung, anläßlich jener Versammlungen des Alpenvereins jegliche politische Kundgebung hintanzuhalten und bei der Beflaggung der Stadt das Vorwalten der österreichischen Farben gegenüber den deutschen Bundesfarben sicherzustellen.
Die freiheitliche Stadtvertretung Bozens hieß den Alpenverein hingegen „herzlich willkommen“.

Der Deutsche Alpenverein organisierte sich dezentral. Die Sektionen waren selbständig, errichtetenin ihrem Arbeitsgebiet Hütten und Wege, bildeten Bergführer aus und trugen dadurch wesentlich zur Erschließung der Alpen bei.
Die Sektion Innsbruck, neben Bozen die führende in Tirol, beide wurden 1869 gegründet, wurde von Männern der Wissenschaft ins Leben gerufen, die das Bergsteigen betrieben hatten: Vom Historiker Julius Ficker (Burschenschafter), vom Physiker Leopold Pfaundler (Vorsitzender 1870 bis 1874, Stifter Innsbrucker Turnverein und Corpsstudent), vom Botaniker Anton Kerner, und vom Zoologen Karl Wilhelm von Dalla Torre (Vorsitzender 1886 bis 1896).
Anlässlich der Generalversammlung des Alpenvereins in Meran 1901 schrieb die Meraner Zeitung: „Wie in der deutschen Turnerschaft und im deutschen Waffenbunde, so reichen sich auch im Alpenverein viele Tausende deutscher Stammesgenossen die Bruderhand zum gemeinsamen Wirken im deutschen Geiste, den keine staatliche Grenze zu binden vermag. Auch um die Hänge der Alpen kreist, keinen Schlagbaum kennend, der deutsche Geist. Wir begrüßen die Gäste aus dem Deutschen Reiche nicht nur als die Angehörigen des unserem Vaterlande verbündeten Reiches, sondern auch als die Sprossen ein und desselben Volkes.“
Der Vorstand der Sektion Meran, Theodor Christomanos erklärte in seiner Begrüßungsrede: „Der Alpenverein ist auf ethischer Grundlage erbaut, der deutschen Sitte und dem deutschen Gemütsleben ist er entsprungen, der Liebe zur Natur und der Freude am Kampfspiel mit den Naturkräften.“

Die freiheitliche Bozner Zeitung schrieb 1904 in einem Willkommensgruß an die Alpenvereine: „Wir wollen noch daran erinnern, daß wir im Deutschen und Österreichischen Alpenverein ein weiteres Band erblicken, das uns mit dem Volke verknüpft, dessen Sprache wir sprechen, dessen Kulturschätze auch wir als köstlichstes Eigentum betrachten dürfen und dessen geistige und nationale Bestrebungen auch die unsern sind. Die Brüder aus dem Deutschen Reiche werden in unserem schönen deutschen Süden nicht nur deutsche Worte und Lieder, sondern auch deutsche Herzen finden, die ihnen hier entgegenschlagen.“
Bis zum Ersten Weltkrieg bildeten sich knapp 400 Sektionen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, schreibt der Österreichische Alpenverein heute. 319 Hütten mit mehr als 8500 Betten und Lagerstätten zählte der Verein 1914 zu seinem Eigentum.
Im Jahr 1902 gründete der Deutsche und Österreichische Alpenverein in Innsbruck eine „Akademische Sektion“. Erster Vorstand wurde Theodor Dietrich Christomannos, der Sohn von Theodor Christomannos. Theodor Dietrich Christomannos war Mitglied des Corps Gothia in Innsbruck, wurde Mediziner, verstarb jedoch bereits 1908.

Auf freiheitlicher Seite war in Innsbruck 1893 bereits der „Akademische Alpenklub“ entstanden. Daneben bestand ab 1900 auf katholischer Seite ein „Akademischer alpiner Verein“. Die Adolf-Pichler-Hütte wurde 1904 vom Akademischen Alpenklub Innsbruck eröffnet und liegt im Senderstal (Stubaier Alpen), westlich der Kalkkögel.


Universitäts-Professor Karl Ipsen (auch Carl Ipsen, Burschenschaft Germania Innsbruck, Mediziner) regte eine „Akademische Sektion“ im Alpenverein an, weil er verhindern wollte, dass der Alpinismus nur in einzelnen Verbindungen gepflegt werde. Er wollte den Alpenverein für Akademiker und Studenten öffnen, die bereits Mitglied einer Studentenverbindung waren.
Karl Ipsen ging es darum, „die leidige Klippe der kleinlichen Vereinsrücksichten zu überwinden und einen Sammelpunkt für die gesamte freiheitliche Studentenschaft zur Ausübung des Bergsportes“ zu bilden. Folglich existierte neben dem Alpenklub eine akademische Sektion.
In Südtirol bedeutete die Annexion durch Italien den Anfang vom Ende. Die größeren Sektionen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins versuchten 1919 ihren Bestand zu retten, indem sie sich als selbständige Alpenvereine, als eigenständige Vereine, deklarierten. Das hatte durchaus strategische Hintergründe: Das liberale Nachkriegsitalien vermied zwar aggressive Aktionen gegen die Deutschtiroler, versuchte allerdings gesamtdeutsche Tendenzen zu unterbinden. Folglich versuchte der Alpenverein sich, ohne Rückbindung an den Deutschen und Österreichischen Alpenverein, als eigenständig zu präsentieren.
Das ging bis zur faschistischen Machtergreifung einigermaßen gut. Am 3. September 1923 löste die italienische Regierung die Alpenvereine auf und überwies deren Vermögen und die Schutzhäuser an den „Club Alpino Italiano“ (CAI).
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubten die Alliierten die Gründung des Alpenvereins Südtirol. Die Gründung erfolgte am 14. Juni 1946 in Bozen.
Literatur:
[1] Dagmar Günther: „Alpine Quergänge: Kulturgeschichte des bürgerlichen Alpinismus (1870–1930)“, Campus Verlag, Frankfurt 1996
[2] Deutscher und Österreichischer Alpenverein, Sektion Bozen: „Erinnerung an das 25-jährige Bestehen der Section Bozen des Deutschen und Oesterreichischen Alpen-Vereins 1869 – 1894“, Bozen 1895


Hinterlasse einen Kommentar