Bei Roland Rainer stelle ich mir persönlich immer die Frage: Wie kann jemand, der so gute Ideen zum anonymen Bauen und zur Baukultur verfasst hat, so schreckliche Bauwerke errichten? Die Antwort liegt wohl in der Biografie und im Zeitgeist verborgen.
Roland Rainer wurde am 1. Mai 1910 in Klagenfurt geboren und starb am 10. April 2004 in Wien. Nach seiner Ausbildung an der Bundes-Erziehungsanstalt Breitensee studierte er Architektur an der Technischen Hochschule Wien und promovierte 1935 mit einer Arbeit über die Gestaltung des Wiener Karlsplatzes. Studienaufenthalte in den Niederlanden sowie an der Deutschen Akademie für Städtebau vertieften früh sein Interesse an Fragen der Siedlungsentwicklung und der stadträumlichen Ordnung. 1938 trat Rainer der NSDAP bei. Ein Punkt, der nachträglich für heftige Diskussionen sorgte.
Nach 1945 kehrte Rainer nach Österreich zurück und entwickelte eine deutliche Neuorientierung seines architektonischen Denkens. In seinen frühen Nachkriegsschriften, darunter „Die Behausungsfrage“ (1947), konzentrierte er sich auf grundlegende Prinzipien des Wohnens und rückte dabei bewusst von ideologischen Prämissen der NS-Zeit ab.
Eine wesentliche Rolle in seiner theoretischen Ausrichtung spielte seine Beschäftigung mit anonymer Architektur, also jenen baulichen Erscheinungen, die ohne namentliche Autorschaft, aber mit hoher kultureller und funktionaler Intelligenz entstehen. Für Rainer waren diese traditionellen, lokalen Bauformen Ausdruck eines über Generationen gewachsenen Gleichgewichts zwischen Mensch, Natur, Klima und sozialer Organisation. Er betrachtete sie als Reservoir genuiner Baukultur, aus dem moderne Architektur lernen müsse: Einfachheit, konstruktive Logik, sparsamer Materialeinsatz und eine enge Bindung an funktionale Bedürfnisse.
Aus dieser Auseinandersetzung entwickelte Rainer grundlegende Positionen für die Baukultur. Er plädierte für eine Architektur, die das alltägliche Leben ernst nimmt, sich an menschlichen Maßstäben orientiert und auf regionale Bedingungen reagiert. Anonyme Architektur war für ihn ein Maßstab dafür, wie Gebäude „richtig“ altern, wie sie mit Landschaft, Klima und Gebrauch zusammenwirken und wie sie ohne gestalterische Effekthascherei kulturelle Bedeutung entfalten. Daraus leitete er seine Kritik an modischen Tendenzen und oberflächlicher Formproduktion ab: Architektur müsse reduziert, präzise und dauerhaft sein und solle nicht der Selbstdarstellung dienen.


In seiner akademischen Laufbahn – u. a. als Professor in Hannover, Graz und später als Leiter der Meisterklasse für Architektur an der Akademie der bildenden Künste Wien – vermittelte er diese Grundsätze an eine neue Generation von Architekten. Schüler wie Carl Pruscha, Heinz Tesar oder Boris Podrecca trugen Rainers Denken weiter und differenzierten es teils kritisch. Parallel dazu entwickelte er städtebauliche Konzepte, die seine anthropologische Sichtweise auf den Raum widerspiegelten. Besonders prägend war das Modell der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“, das die Wohnumgebung als naturnahe, maßstäbliche, kleinteilige Struktur versteht und sich bewusst von dichten Großsiedlungen und schematischem Zeilenbau absetzt.
Als Architekt realisierte Rainer zentrale Bauwerke der österreichischen Nachkriegsmoderne, darunter die Wiener Stadthalle, das ORF-Zentrum Küniglberg und die Gartenstadt Puchenau. Seine Bauten zeichnen sich durch räumliche Klarheit, funktionale Präzision und eine bewusst unpathetische Formensprache aus – Merkmale, die er selbst aus der Beobachtung anonymer Architektur ableitete. Er verstand Baukultur als kulturelle Gesamtleistung, die gleichermaßen von professionellen Planer:innen wie von der alltäglichen Baupraxis geprägt wird.
Bis in seine späten Jahre engagierte sich Rainer als Autor, Kritiker und Berater. Er warnte vor kurzsichtiger Verdichtung, vor dem Verlust lokaler Bautraditionen und vor einer zunehmenden Entfremdung zwischen gebauter Umwelt und Gesellschaft. In seiner Funktion als Vorsitzender des Denkmalbeirats des Bundesdenkmalamts setzte er sich für einen reflektierten Umgang mit dem baulichen Erbe ein. Nicht als museale Bewahrung, sondern als lebendige Grundlage für eine zeitgemäße Baukultur.
Roland Rainer gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der österreichischen Architektur- und Baukulturgeschichte.
Foto: Wiener Stadt- und Landesarchiv


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