Wenn im ausgehenden Winter die Dämmerung über die Hänge des Alpenraums fällt, entzünden sich auf Anhöhen große Feuer, und aus der Dunkelheit schießen leuchtende Funkenbögen ins Tal. Es ist die Zeit des Scheibenschlagens, eines der ältesten überlieferten Feuerbräuche Mitteleuropas.
Der Brauch wird vor allem im schwäbisch-alemannischen Raum, in Vorarlberg, im Südtiroler Vinschgau sowie in Teilen der Schweiz gepflegt und gehört dort zum kulturellen Erbe. Wolfram geht davon aus, dass das Scheibenschlagen in ganz Tirol verbreitet war [1].

Bezeichnet werden die Feuer als „Scheibenfeuer“ (alemannisch: „Schiibefüür“, elsässisch „Schiewackefier“) oder „Fastnachtsfeuer“.

Im Mittelpunkt stehen handtellergroße Holzscheiben, meist aus hartem Holz gefertigt, die auf lange Haselruten gesteckt, im Feuer zum Glühen gebracht und anschließend mit Schwung in die Nacht hinausgeschleudert werden.
Eine Scheibe, die gewöhnlich am Anfang geschlagen wird, ist besonders geziert. Weiters gibt es Zueignungsscheiben des Burschen, der ein Mädchen verehrt. Zudem Spottscheiben. Die Scheiben werden durch Sprüche und Verse zugeeignet. Häufig werden die Scheiben einzelnen Personen gewidmet, begleitet von überlieferten Reimen und Zurufen.
Der Flug der Scheibe gilt als Omen oder Orakel: Je weiter und heller sie fliegt, desto größer soll Glück, Erntesegen oder persönlicher Erfolg sein. Die weit geworfene Scheibe gilt jedoch auch als Symbol für eiben weiten Segen.
Der Termin liegt traditionell am ersten Sonntag der Fastenzeit, regional Funkensonntag oder „Kassunnti“ genannt, und verbindet Elemente der vorchristlichen Winteraustreibung mit späteren christlichen Deutungen. Feuer, Lärm und Bewegung sollten Dämonen vertreiben, die Fruchtbarkeit der Felder sichern und den Frühling herbeirufen. Hinweise auf solche Vorstellungen finden sich auch in symbolischen Elementen wie dem Verbrennen einer strohumwickelten Stange oder „Hexe“, die am Ende des Rituals in Flammen aufgeht.


Die Wurzeln reichen weit zurück: Um 1090 wird der Brauch erstmals in Hessen erwähnt und zwar im Zusammenhang mit einem Brand.
Heute ist das Scheibenschlagen zugleich Gemeinschaftsereignis und identitätsstiftendes Kulturgut. Wochenlange Vorbereitungen, das Sammeln von Holz, das Schnitzen der Scheiben und das gemeinsame Feuer auf der Anhöhe schaffen Gemeinschaft und wecken Zeiten, in denen die Feuer existenzieller Bestandteil des Jahreslaufs waren.

Jede glühende Scheibe steht als Symbol für Hoffnung, Neubeginn und die Gewissheit, dass der Winter wieder einmal überwunden ist.
Literatur:
[1] Richard Wolfram: „Die Jahresfeuer“, Veröffentlichungen der Kommission für den Volkskundeatlas in Österreich, Wien 1972
[2] Guido Mangold und Hans Grießmair: „Brauchtum in Südtirol“, Athesia-Tappeiner, Bozen 2001
[3] Friedrich Haider: „Tiroler Volksbrauch im Jahreslauf“, Tyrolia Verlag, Innsbruck 1968


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