„Ganz Deutschland, ach! In Schmach und Schmerz!“ Dass der Burschenschafter Julius Mosen das Andreas-Hofer-Lied schrieb, ist alles andere als Zufall. Während Andreas Hofer in Österreich zensiert wurde, lebte der Geist in deutschfreiheitlichen Kreisen weiter.
Die heutige Tiroler Landeshymne wurde 1831 von Julius Mosen verfasst. Julius Mosen kam 1803 in Marieney in Sachsen zur Welt, studierte ab 1822 Rechtswissenschaften in Jena und wurde im gleichen Jahr Mitglied der Jenaer Burschenschaft Germania. Ab 1825 studierte Mosen hingegen in Leipzig.
Die Jenaer Burschenschaft Germania, deren Mitglied er wurde, steht in direkter Nachfolge der 1815 gestifteten Jenaer Urburschenschaft. Der Tiroler Freiheitskampf spielte im Zuge der deutschen Befreiungskriege gegen Napoleon und in der Folge in der Burschenschaft eine wesentliche Rolle.
Ernst Moritz Arndt betitelte Andreas Hofer als den „berühmtesten Namen Deutschlands“ und stellte diesen in eine Reihe mit den Freiheitshelden der klassischen Antike. Arndt propagierte die Idee des Freiheitskampfes gegen fremde Unterdrückung, insbesondere gegen die napoleonische Besatzung. Seine Schriften ermutigten die Deutschen, sich gegen fremde Herrschaft zu erheben und für ihre Freiheit zu kämpfen. In Preußen etablierte sich nach dem Vorbild Andreas Hofers 1813 der Freiheitskampf gegen die französische Besatzung.
Dass der Sachse Julius Mosen das Andreas-Hofer-Lied schrieb, ist kein Zufall. Die Personalie Andreas Hofer war im Kaisertum Österreich bis in die 1870er-Jahre – gelinde gesagt – „problematisch“. Im Vormärz, also vor der Revolution 1848, konnte und wollte der absolutistisch regierte Staat Österreich unter Metternich sich keine bewaffneten Tiroler, wie auch keine sonstigen bewaffneten Bürger, leisten.
Der Kitzbüheler Anwalt Johann Kaspar von Wörndle schrieb 1816 das Drama „Andreas Hofers Gefangennehmung und Tod, ein tirolisches National-Trauerspiel“, in dem der Sandwirt als unerschrockener Kämpfer für die Freiheit dargestellt wurde. Der Druck wurde durch die staatliche Zensur verweigert. Daraufhin schrieb Wörndle das Stück um und veröffentlichte es mit Phantasienamen. Aufgeführt werden durfte es trotzdem nicht.
Ebenso 1816 gliederte der Tiroler Arzt und Dichter Aloys Weißenbach Andreas Hofer in die deutschen Befreiungskriege ein mit dem Stück „Andreas Hofers Schatten an seinen Kaiser und sein Vaterland am Huldigungstage“ (1816). Weißenbach kam zugute, dass Salzburg damals ein Teil Bayerns war.
Jene Offiziere der Tiroler Kaiserjäger, die die Gebeine Andreas Hofers 1823 in Mantua exhumiert hatten und in der Innsbrucker Hofburg beilegen wollten, wurden bezeichnenderweise vom österreichischen Hofkriegsrat mit Disziplinarstrafen belegt. Die Beerdigung erfolgte schlicht. Das in Auftrag gegebene Grabmahl wurde 1834 eingeweiht. Der Staat kontrollierte und überwachte alle Aktivitäten rund um die Grabsteineinweohung penibel.
Die Oper „Andreas Hofer“ von Gustav Albert Lotzring wurde 1833 zensiert. In der gesamten Ära Metternich bis 1848 waren Lieder über Andreas Hofer verboten.
Das Andenken an Andreas Hofer wurde in jenen Jahren vorwiegend außerhalb Österreichs, in deutschfreiheitlichen Kreisen, zelebriert. Andreas Hofers Kampf gegen politische Fremdbestimmung wurde mit freiheitlichem Streben nach einer einigen Nation verbunden.
Das war der historische Kontext, in dem der Burschenschafter Julius Mosen 1832 das Lied „Sandwirt Hofer“ schrieb, das als „Zu Mantua in Banden“ bekannt ist.
Bis 1866 war nicht der Tiroler Freiheitskampf, sondern das Scheitern der Reformation für die Klerikal-Konservativen in Tirol das identitätsstiftende Element. Erst ab 1866 vollzog sich im Tiroler Kulturkampf eine bewusste Vereinnahmung Andreas Hofers für loyalistische und klerikale Motive. Der Staat Österreich war im Zuge der Nationalitätenkonflikte dabei, auseinander zu brechen. Grund genug für die Staatsführung, Andreas Hofer als Symbol für die Tiroler Einigkeit zu stilisieren, nachdem er mindestens 56 Jahre ein Problemfall war.
Dass der Enkel Andreas Hofers, Andreas von Hofer, ein Freiheitlicher und kein Konservativer wurde, ist in diesem Kontegt folgerichtig. Für Mitstreiter Andreas Hofers wie Joseph Ennemoser gibg es nie un Gott und Kaiser, sondern stets um ein freies Vaterland. 1809 war ein politischer Freiheitskampf.
Das Andreas-Hofer-Lied steht als Lied „Andreas Hofers Tod“ im Allgemeinen deutschen Kommersbuch von 1895:


Die Melodie des Andreas-Hofer-Liedes stammt von Leopold Knebelsberger, der 1814 in Klosterneuburg zur Welt kam und diese 1844 komponierte. Das Bundesland Tirol machte das Lied 1948 zur Landeshymne. Man darf davon ausgehen, dass das ein politisches Bekenntnis war.
Auch und vor allem aufgrund der gesamtdeutschen Konnotation des Liedes: „ganz Deutschland, ach in Schmach und Schmerz“. Infolgedessen ist das Lied bis heute Zeugnis einer wechselvollen Geschichte – und zwar nicht nur der Andreas-Hofer-Geschichte, sondern der Andreas-Hofer-Rezeption in der Geschichte.
Literatur:
[1] Anton Dörrer: „Andreas Hofer auf der Bühne“, Tyrolia Verlag, Innsbruck 1912
[2] Laurence Cole: „Für Gott, Kaiser und Vaterland – Nationale Identität der deutschsprachigen Bevölkerung Tirols 1860 – 1914“, Campus Verlag, Franfurt 2000


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