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Der Tiroler Landtag von 1861 bis 1918: Klerikal-Konservativ gegen Deutsch-Freiheitlich

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Wer Tirol zwischen 1848 und 1918, aber auch die weitere Entwicklung bis ins Heute, verstehen will, muss sich mit der historischen Wahlordnung und Zusammensetzung des Tiroler Landtages befassen. Wer tiefer geht, blickt weiter.

Der Tiroler Freiheitsbrief vom 28. Jänner 1342 gilt als frühes Zeichen der „parlamentarischen“ Entwicklung in Tirol, da er erstmals die Mitwirkung mehrerer Stände festschrieb. Neben dem Adel und dem Klerus wurden auch die Bürger der Städte sowie der Bauernstand in politische Entscheidungsprozesse einbezogen, was für das Mittelalter außergewöhnlich war und auf eine frühe Form ständischer Mitbestimmung hinweist.

1848 flackerte die Freiheit im Zuge der deutschen Revolution von 1848 und 1849 kurz auf, wurde jedoch von den Habsburgern blutig niedergeschlagen. Es folgte ein neoabsolutistisches Regime ohne Mitbestimmung.

1861 erließ Kaiser Franz Joseph I. das Februarpatent, das den Ländern des Kaisertums Österreich wieder eigene Landtage zugestandte. Nach den zentralistischen Jahren des Neoabsolutismus ab 1849 kehrten damit ständische Institutionen zurück.

Der Tiroler Landtag bestand zwischen 1861 und 1918 aus 68 Abgeordneten.

Eine Virilstimme, von Lateinisch „vir“ für „Mann“, war eine Einzelstimme eines Stimmberechtigten auf dem Reichstag oder Kreistag im Heiligen Römischen Reich. Sie stand im Gegensatz zu den Kuriatstimmen, bei denen sich mehrere Stimmberechtigte eine Stimme teilten. Eine Kuriatstimme, von Lateinisch „curia“ für „Kurie“ oder „Versammlung“ ist eine Stimme, die sich mehrere Stimmberechtigte teilen und nur geschlossen abgeben können.

Die 3 Bischöfe und der Rektor der Universität Innsbruck bildeten im Tiroler Landtag die 4 Virilstimmen.

Die Prälatenkurie (die Stifte und Klöster Tirols) stellte 4 Abgeordnete. Zählt man die 3 Bischöfe dazu, dann waren mindestens 7 Abgeordnete im Tiroler Landtag Geistliche.

Der adelige Großgrundbesitz stellte 10 Abgeordnete, die zumindest 50 Gulden (Florin fl) Realsteuer leisteten. Der Großgrundbesitz wählte in einem einzigen Wahlbezirk in Innsbruck. Nur rund 270 Großgrundbesitzer stelten folglich ganze 10 Abgeordnete. Die Einführung der Kurie des Großgrundbesitzes war in Österreich eine Kompensation für die aufgehobenen Ständeverfassungen. In Tirol war die Kurie des Großgrundbesitzes auf den adligen Großgrundbesitz beschränkt, während im sonstigen Österreich nicht Adelstitel, sondern Besitz zählte.

Die Städte, Orte und Handels- und Gewerbekammern wählten 16 Abgeordnete. Die Städte Innsbruck und Trient wählten 2, die übrigen Wahlbezirke einen Abgeordneten. Die Handels- und Gewerbekammern in Innsbruck, Bozen und Rovereto je einen.

Die 34 Vertreter der Landgemeinden wurden indirekt gewählt. In Urwahlen wurden Wahlmänner gewählt (einer je 500 Einwohner), die die Gemeindevertreter zu bestimmen hatten. Das Wahlrecht war an die Steuerlast von 5 Gulden gekoppelt (Zensuswahlrecht).

Von den 68 Mandaten entfielen – je nachdem, wie sich der Großgrundbesitz einigte – 22 bis 26 Abgeordnete auf Welschtirol.

Im Bereich der politischen Lagerbildung ergaben sich auf deutscher Seite in Österreich zur Mitte des 19. Jahrhundert im Wesentlichen die Freiheitlichen, die eine Verfassung und einen zentralistischen Staat anstrebten („Verfassungspartei“), sowie die Klerikal-Konservativen, die auf eine feudale Ordnung pochten, an deren Spitze – besonders in Tirol – die Kirche stand.

Auf Reichsratsebene stellten die Deutschfreiheitlichen (Verfassungspartei) eine stabile Mehrheit, wie die Aufteilung 1873 zeigt. 1873 wurde der Reichsrat zum ersten Mal direkt gewählt.

Reichsratswahlen 1873

Tirol stand mit seiner klerikalen Mehrheit seit 1861 der freiheitlichen Regierung auf Staatsebene feindlich gegenüber, dis bis 1879 bestand hatte.

Der Disput zwischen Staatsregierung und den Tiroler Klerikal-Konservativen führte zu einer bedingungslosen Obstruktion gegen die Staatspolitik, die sogar den Kaiser erboste.

Daraus folgend verfügte Tirol mit Hieronymus von Klebelsberg zu Thunberg (1861 – 1862), Johann Kiechl (1862 – 1866), Eduard von Grebmer zu Wolfsthurn (1869 – 1871) sowie Wilhelm Freiherr von Bossi-Fedrigotti (1877 – 1881) über – mehr oder weniger – freiheitliche Landeshauptmänner.

Die Tiroler Konservativen bildeten durch ihre klerikale Radikalisierung eine starke und entscheidende Opposition im Staate Österreich.

Mit Blick auf Tirol war es nicht der nationale Gedanke, der Tirol zerstörte, sondern die konfessionelle Radikalität der Klerikalen, die mit ihrem religiösen Fundamentalismus blind für nationale Belange sowie für autonome Bestrebungen in Welschtirol waren.

Am Höhepunkt des Kulturkampfes rief der freiheitliche Reichsratsabgeordnete Karl Wilhelm Freiherr Tinti (Baron Tinti) polemisch an die Tiroler Klerikalen „Meine Herren, Sie sind keine Österreicher, sie sind Römer und ihr Kaiser ist der Papst!“

Insgesamt stand der Staat wegen der unterschiedlichen Interessenslage der Nationalitäten vor unüberwindlichen Problemen.

Anlässlich der Landtagswahl 1867 erreichten die Konservativen 31 Mandate und die Freiheitlichen 21 Mandate. Die Konservativen hatten zuvor 34 Mandate. 1870 büßten die Freiheitlichen 5 weitere Mandate ein, kamen also auf 16. Davon kamen 10 Mandate vom adeligen Großgrundbesitz, wie der „Bote für Tirol und Vorarlberg“ schreibt.

Dieses Ergebnis kam zustande, weil die Welschtiroler Großgrundbesitzer die Wahl größtenteils boykottierten, die Deutschfreiheitlichen folglich eine absolute Mehrheit der Kurie stellten.

Im Jahr 1889 erhielten die deutschen Konservativen 30 Mandate und die Freiheitlichen 14.

Zwischen 1901 und 1914 blieben die freiheitlichen Landtagsmandate konstant: 1 Virilstimme (Rektor), 2 Handelskammervertreter, 3 Städtevertreter und 6 Vertreter des freiheitlichen Großgrundbesitzes.

Daraus wird ersichtlich, wie wesentlich der adelige Großgrundbesitz für die Freiheitlichen war, der die Hälfte der Mandate stellte.

Viele Großgrundbesitzer (höhere Beamtenfamilien, die geadelt wurden oder die Besitzer der Weingüter im Etschtal) standen dem deutschfreiheitlichen Lager nahe, waren verfassungstreu, zentralistisch und im josephinischen Staatsdenken sozialisiert, also Anhänger einer „modernen“ Staatsidee.

Zahlreiche Großgrundbesitzer verfügten zwar über beträchtliches Land, das sie bewirtschaften ließen, genossen jedoch eine akademische Ausbildung und gingen freien Berufen nach oder standen als hohe Beamte im Staatsdienst. Es kann von Bildungsbürgertum oder gesellschaftlicher Elite die Rede sein, die einem freiheitlichen Idealidmus anhing.

Zudem waren viele von ihnen für Innovationen im Bereich Landwirtschaft, Medizin, Unternehmertum, Tourismus, Bankenwesen oder Infrastruktur äußerst aufgeschlossen, waren Träger und Motoren der gesellschaftlichen Entwicklung. Ihr Weltbild beschränkten sie nicht auf feudale Strukturen, sie orientierten sich in freiem Denken zum Deutschen hin, befürworteten eine deutsche Zollunion, den Fremdenverkehr und den Austausch mit allen deutschen Landen.

Anlässlich der Landtagswahl 1907 erhielten die Christlichsozialen 25 Mandate und die Konservativen 11. Die Christlichsoziale Partei wurde in den 1890er-Jahren durch Karl Lueger gegründet.

Neben dem Großgrundbesitz waren aus freiheitlicher Sicht die Städte Innsbruck und Bozen eine Garantie für die Freiheitlichen. In Bozen war die Angelegenheit sowohl anlässlich der Reichsratswahl 1907 als auch jener von 1911 alles andere als eindeutig, sowohl Julius Perathoner als auch Emil Kraft mussten in die knappe Stichwahl.

Literatur:

[1] Richard Schober: „Geschichte des Tiroler Landtages im 19. und 20. Jahrhundert“, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 1984

[2] Josef Fontana: „Der Kulturkampf in Tirol 1861-1892“ (Schriftenreihe des Südtiroler Kulturinstitutes), Athesia-Tappeiner Verlag, Bozen 2007

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