Die demografische Krise Europas ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern ein tiefgreifender Strukturwandel mit existenziellen Auswirkungen. Für viele erscheint es sich um ein abstraktes Statistikproblem zu handeln, bei dem man hofft, persönlich nicht allzu stark betroffen zu sein. Dieses Wunschdenken geht kaum auf.
Noch immer werden politische und gesellschaftliche Diskussionen nach dem populistischen Schema geführt: „mehr Ärzte“, „mehr Pflegekräfte“, „mehr Lehrer“, „mehr Verwaltung“, mehr von allem. Die zugrunde liegende Annahme lautet, dass der Bedarf lediglich eine Frage der Finanzierung oder des politischen Willens sei.
Diese Annahme ignoriert die zentrale Realität des demografischen Wandels: Wenn es die entsprechenden Jahrgänge nicht gibt, laufen derartige Forderungen ins Leere und sind nur dadurch zu erfüllen, dass man irgendwo anders etwas wegnimmt.
Andererseits: Die gleichen Personen, die den Ärztemangel beklagen, wollen sich selbst ja auch kein „anstrengendes“ Medizinstudium antun. Werden dann die Ärzte durch entsprechende Gehälter am Gehen gehindert oder angelockt, wird wiederum aufgrund der hohen Gehälter gejammert. Lösen sollen die Probleme stets die „anderen“.

Ein solidarischer Patriotismus, bei dem sich jeder zuerst die Frage stellt, was er selbst tun kann, bleibt im liberalistisch-egoistischen Zeitalter – noch – aus. Vieles deutet darauf hin, dass sich dieses Zeitalter dem Ende zuneigen wird und mit ihm die linksliberale bis linksradikale Selbstverwiklichungs-Ideologie, die grundsätzlich asozial ist.
Künstliche Intelligenz und Robotik werden – und müssen – zweifellos einen Teil der Lücke schließen können, die durch den Geburtenmangel entsteht. Die vielbeschworene „Revolution der Roboter“ ist jedoch weder universell einsetzbar noch kurzfristig verfügbar. Roboter und KI müssen entwickelt, programmiert, gewartet und weiterentwickelt werden. In einem globalen Wettbewerb, in dem Geopolitik stark an Bedeutung gewinnt, ist es entscheidend, wer diese Technologien entwickelt, wer sie kontrolliert und verfügbar macht, nicht nur, ob sie grundsätzlich und theoretisch existieren.
Länder, die die entsprechenden Schlüsseltechnologien nicht selbst hervorbringen, riskieren technologische Abhängigkeit, Wettbewerbsnachteile, Talentabwanderung und wachsende Importabhängigkeit. Fehlt der demografische Nachwuchs, fehlen zwangsläufig die Wissenschaftler, Ingenieure und Unternehmer, die technologischen Fortschritt ermöglichen.
Die Überalterung der Gesellschaft verstärkt den Effekt zusätzlich: Junge, ambitionierte Menschen neigen dazu, aus verkrusteten, perspektivenarmen Gesellschaften auszuwandern. Damit verschärft sich die demografische Krise.
Eine alternde Gesellschaft ist prinzipiell risikoscheuer, weniger experimentierfreudig und technikskeptischer. Gründungen und Innovationen nehmen ab und die Bereitschaft, Neues zu wagen, sinkt.
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich darauf einstellen, dass wir weniger werden und dass bestimmte Probleme mit konventionellen Mitteln nicht mehr lösbar sind. Diese Erkenntnis wird schmerzhaft sein, weil über Jahre falsche Hoffnungen genährt wurden. Kleine Einschnitte werden nicht ausreichen.
Insgesamt sind Prozesse und Bürokratie zu verschlanken. Bestimmte Dienstleistungen, Abläufe und Kontrollen werden hinfällig werden müssen. Staat und öffentliche Verwaltung haben sich auf Kernfunktionen zu konzentrieren: Sicherheit, Gesundheit, Bildung, Infrastruktur.
Geburtenpolitik wird zur Staatsaufgabe: Ohne mehr Kinder gibt es langfristig keine Stabilisierung.
Einwanderung löst nämlich kein Problem nachhaltig. Einwanderung kostet langfristig mehr, als sie nutzt. Einwanderer in zweiter Generation passen sich der Geburtenrate im Aufnahmeland an. Folglich wäre, wenn man Einwanderung zur Lösung der demografischen Katastrophe einsetzen wollte, ständig neue Einwanderung nötig. Irgendwann ist die Mehrheitsgesellschaft ausgetauscht. Wen kümmert dann die Überalterung einer Gesellschaft, die es nicht mehr gibt? Auf der anderen Seite ist es inakzeptabel, sondern eine Form von Kolonialismus, anderen Ländern ihre junge Bevölkerung wegzunehmen.
Insgesamt wird die Politik die unangenehme Aufgabe haben, mit Mängeln umgehen zu müssen.
Mit Politik alleine ist es jedoch kaum getan. Wesentlich ist ein kultureller Wandel, der von der liberal-individualistischen Selbstverwirklichung abweicht. Zentral ist, was der Einzelne für die Gemeinschaft macht. Den eigenen Stamm zu erhalten ist vorerst keine politische Angelegenheit, sondern zentrale Pflicht des Einzelnen.


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