Aloys Weißenbach, geboren 1766 in Telfs, entstammte einfachen bäuerlichen Verhältnissen. Seine erste Bildung erhielt er in Klöstern, anschließend besuchte er das Gymnasium in Innsbruck. Er entschied sich für den Beruf des Chirurgen und studierte an der medizinisch‑chirurgischen Josephsakademie in Wien.
Mit 22 Jahren trat Weißenbach als Unterarzt in die kaiserliche Armee ein. In dieser Funktion nahm er an bedeutenden militärischen Auseinandersetzungen teil, an den Türkenkriegen und den Feldzügen gegen Frankreich bis 1799.
Die Kriegserlebnisse hatten Weißenbach patriotisch ausgerichtet, wobei der Tiroler Weißenbach ein gesamtdeutsches Bewusstsein an den Tag legte. Nicht politische, sondern kulturelle Grenzen sollten sein Geisteshorizont sein.
1804 wurde Aloys Weißenbach auf Initiative von Kurfürst Erzherzog Ferdinand zum Professor für Chirurgie und Tierarzneikunde an der neu gegründeten medizinischen Fakultät Salzburg berufen. Er leitete zugleich die chirurgische Klinik im St. Johanns-Spital und gab Privatvorlesungen zur Augenheilkunde. Als freiwilliger Impfarzt gegen Pocken engagierte er sich in der öffentlichen Gesundheit. Weißenbach war erster und letzter Dekan dieser Fakultät und behielt auch nach der Umstrukturierung durch Bayern 1811 seine Stellung an der landärztlichen Schule, wo er als Professor für Zoonomie, Anthropologie sowie theoretische und praktische Chirurgie tätig war.
Anlässlich des Wiener Kongresses 1814 hielt sich Weißenbach in Wien auf. In diesem Zuge lernte er Ludwig van Beethoven, aber auch Erzherzog Johann, persönlich kennen. Mit letzterem unterhielt er sich laut eigenem Reisebericht über Volkslieder, Dialekt und über das Tiroler Bauerntheater.
Hubert Badstüber führt 1929 Lessing, Goethe und Schiller sowie Alxinger und Collin als deutsche und österreichische Dichtergrößen der damaligen Zeit an und fügt hinzu:
„Weißenbach ist verschollen, wenn er den eben genannten Österreichern auch an Talent, wenn auch nicht an Korrektheit überlegen war; auch er stand unter den geistigen Kämpfern gegen Napoleon. Aber wie beschämend für das deutsche Nationalgefühl nach so herrlichen Siegen klingt es, daß ihm (Weißenbach) 1814 beim Wiener Kongreß ein Engländer sagen durfte: „Ihr wäret würdig, ein Brite zu sein„“ schreibt Badstüber süffisant.

Salzburg verblieb bis 1816 bei Bayern. Weißenbach, der als Verfasser patriotischer Gedichte auffiel, stand unter Überwachung durch die staatlichen Behörden.
Im Staatsarchiv München steht in einem Bericht über Weißenbach: „Dieser politische Schwärmer, dessen Fanatismus in allen möglichen Formen auftritt und dahier ein Publikum hat, dem er imponiert, sollte je eher, je lieber seinem österreichischen tirolischen Vaterlande, dem er so enthusiastisch anhängt, wiedergegeben werden“.
Weißenbach leistete also weiterhin Widerstand gegen Napoleon und Bayern.
Nach Salzburgs Rückkehr zu Österreich lehrte Weißenbach ab 1818 an einer medizinisch-chirurgischen Lehranstalt, die bis zu seinem Tod 1821 seine dauerhafte Wirkungsstätte blieb.
Neben seiner medizinischen Laufbahn entfaltete Aloys Weißenbach eine rege literarische Tätigkeit. Adolf Pichler („Zur tirolischen Literatur“) nennt Johann Senn und Aloys Weißenbach in einem Zuge als die Pioniere der Tiroler Dichtung im Sinne einer freiheitlichen und nationalen Gesinnung.
Weißenbach und Senn legten im Rahmen einer freiheitlichen und deutschbewussten Heimatdichtung den Grundstock, an den Hermann von Gilm und Adolf Pichler später anknüpften.
Weißenbach verfasste patriotische Gedichte wie „Das gerettete Tirol“ (1797) über das Mädchen von Spinges, „Tirols Dank“ (1799) und „Eine Huldigung“ (1806), ebenso wie dramatische Werke und Festspiele, darunter das Trauerspiel „Der Brautkranz“ (1810) und die Cantate „Das Opfer der Berge“ (1812).
Ein Höhepunkt seines dichterischen Schaffens war die Cantate „Der glorreiche Augenblick“, (1814) geschrieben in ehrender Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig, von Ludwig van Beethoven vertont und in Wien öffentlich aufgeführt.
Das ist der Racheschrei von einem Volke,
Jetzt hebt es sich; wie eine schwarze Wolke
Sieht man es jetzt die Berge überzieh’n.
Wie Gottes Racheschwur in Ungewittern
Ertönt’s, die Fremden schauen empor und zittern.
Die Königsmörder zittern, ha? und flieh’n.
Sie flieh’n und ihnen nach im Gemsenschritte
Eilt der Tiroler, bis er in der Mitte
Der Feinde steht, — das thut dem Stürmer wohl!
Er ficht — drängt vor und heißt auf Wälschlands Grenzen
Des deutschen Adlers gold’ne Banner glänzen —
Triumph, Triumph! gerettet ist Tirol„Das gerettete Tirol“ (1797)
Was deinen Millionen nicht gelungen, / Germanien, das hat Tyrol errungen.
„Das gerettete Tirol“ (1797)
Im Sammelband „Teutonia: Ein Denkmahl der vergangenen und Taschenbuch der neueren Zeit“ veröffentlichte Weißenbach rund 20 vaterländische Gedichte.
Der Gedichtband „Teutonia“ entstand aus dem Erlebnis der deutschen Befreiungskriege heraus. Darin enthalten ist das Märchenspiel „Erlösung der Teutonia“, in dem Otto der Große, Rudolf von Habsburg, Friedrich I. (Barbarossa), die Urbegründer des deutschen Reiches, sowie die mythische Figur Teutonia auftauchen.
„Und ich — o leiht mir eure Blätter Eichen,
Mit denen sich mein Hermann einst geschmückt —
Ich will sie einem Königssohne reichen,
Der meinem Boden nie sein Herz entrückt.
Anfleh’n die Götter: Immer Seinesgleichen!
Und nie mehr wird das deutsche Volk erdrückt.
Germanisch ist, was wir am Hohen sehen,
Er wird die deutsche Krone nicht verschmähen.“„Teutonia’s Wort und Gruß“ (1813)

Im Jahr 1816 schrieb Weißenbach das Gedicht „Andreas Hofers Schatten an seinen Kaiser und sein Vaterland“, in dem er Andreas Hofer zu Wort kommen lässt.
„Die heimischen Alpen grüß‘ ich und den Brenner; Auf dem der Bund sich der Tyrol’schen Männer; Inmitten aller Feinde ewig flocht. Die Schar der Ritter in dem Lodenhemde, Das deutsche Häuflein, das allein der Fremde; Auf Hermanns Erbgut nicht hat unterjocht.“
„Andreas Hofers Schatten an seinen Kaiser und sein Vaterland am Huldigungstage“ (1816)
Alois Weißenbach unterstreicht, wie sich im Zuge der Franzosenkriege die Tiroler Heimatdichtung in den deutschen Patriotismus eingliederte. Weißenbach, ein Klassizist, war maßgeblich daran beteiligt.
Franz Grillparzer hebt in seiner Autobiographie das Werk Weißenbachs hervor. Bekannt wurde Weißenbach seiner Nachwelt in erster Linie als „Tiroler Kampflieddichter“.
Dass man sich als „Tiroler“ verstand und darüber hinaus selbstverständlich als „Deutscher“, war kennzeichnend für das Aufflackern nationaler Freiheit, die allerdings ab 1815 durch das „System Metternich“ systematisch unterdrückt wurde.
Aloys Weißenbach und Johann Senn wirkten zur gleichen Zeit: Der erste wurde durch die bayrischen Behörden beobachtet, der zweite durch die österreichischen Behörden und schließlich 1820 verhaftet. Weißenbach verstarb 1821. Die Freiheit war stärker als die politischen Regime.
Das Deutschland, das Weißenbach und Senn huldigten, war vorerst kein politischer Begriff, sondern idealistischer Inbegriff von Freiheit sowie eine kulturelle Einheit der „Gleichen“, fernab von Staaten und politischen Systemen. Diese geistige Befreiung wurde ab 1848 schließlich eine politische, auch in Tirol.


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