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Jannik Sinner: Sport, Erfolg, Identität

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Mein Interesse an Sport ist nicht sehr ausgeprägt, noch viel weniger orientiert es sich am Erfolg des jeweiligen Sportlers. Zu Erfolgs-Fans nehme ich eine kritische Distanz ein. Folglich könnte ich schon alleine deshalb kein Jannik-Sinner-Fan sein: Weder habe ich den Tennis-Sport verfolgt, noch den Werdegang Sinners und ich wüsste auch nicht, was Jannik Sinner anders machen würde als andere.

Auf der anderen Seite ist Sport in Südtirol untrennbar mit Politik verbunden, solange Sportler für Staaten antreten und – wie im Wintersport und Skisport – im Staatsdienst stehen, ja im Staats-Dress ins Rennen gehen. Im Tennis spielt die staatliche Zugehörigkeit eine weitaus geringere Rolle.

Dass Sport im Spitzensport stets mit Politik zu tun hat, beweist der Russland-Ukraine-Konflikt, demzufolge russische Sportler aus internationalen Wettbewerben ausgeschlossen und – wie im Tennis – nur noch ohne Staatsflagge antreten durften. Andererseits zeigt sich im Tennis auch, dass es – angesichts der „staatenlosen“ russischen Athleten – ohne Staaten gehen kann.

Persönlich würde ich weder einen Tennisspieler, noch einen Schauspieler, noch sonstige Promis politisch sehr ernst nehmen. Mich interessiert deren politische Meinung schlichtweg nicht und ich glaube auch nicht, dass mich ihre politischen Ansichten bereichern könnten. Das ist auch schon der Punkt, an dem ich Sport bewusst nicht mit Politik verbinde: Ich unterstelle Sportler nicht, über eine tiefgreifende politische Orientierung zu verfügen.

Darüber hinaus ist der Spitzensport heute so gestaltet, dass neben dem Sport ohnehin nicht viel Zeit bleibt – der Spitzenathlet ist eine feinstens abgestimmte „Maschine“ -, zudem besteht ein ganzes Netz an wirtschaftlichen und sozialen Abhängigkeiten, sodass die Bewegungsfreiheit denkbar gering ist. Spitzensportler geben auf ihrem Weg zur Spitze sukzessive ihre persönliche Freiheit auf.

Trotzdem freut einen Sinners Erfolg: Erstens ist er einer aus dem Land und zweitens bringt er das Land direkt oder indirekt – als Werbe-Ikone – weiter. Der Grat ist freilich ein schmaler: Je erfolgreicher ein Politiker wird, desto drängender wird im Südtiroler Falle die politische Dimension und zwar nicht in Südtirol, zumindest nicht im relevanten Bereich, sondern in Italien. Immer dann, wenn ein Südtiroler erfolgreich ist, dann ist die italienische Seele zwiegespalten: Ist das überhaupt ein „richtiger Italiener“? Was, wenn nicht?

Der aktuelle Artikel des Repubblica-Journalisten Corrado Augias definiert Jannik Sinner als „Italiano a caso“ (zufälliger oder unfreiwilliger Italiener) und selbstverständlch hat er historisch und politisch recht, nur ist das eine denkbar ungeeignete Polemik in Richtung Sinner, die im Sport deplatziert ist. Aus italienischer Sicht sollte man vielmehr erfreut sein über den personellen „Zugewinn“ und angesichts der historischen Umstände nicht zu viel Staub aufwerfen.

Gleiches gilt für jene Seite, die sich in Südtirol nicht für Sinner freuen mag, aus Missgunst, aus politischen Motiven oder weil ein politischer und moralischer Maßstab angesetzt wird, den kein Sportler erfüllen kann.

Wesentlich ist etwas anderes: Wer auch immer in Bezug auf die Nummer 1 im Tennis politisch argumentiert, bildet die Minderheit. Die überwiegende Mehrheit freut sich für Sinner, fiebert mit ihm mit, identifiziert sich mit dem Sextner.

Von diesen Rahmenbedingungen ist auszugehen: Dass Südtirol stolz ist auf Sinner. Dass Sinner Südtirol bekannt macht in der Welt. Dass durch Sinner die Frage nach der Identität der Südtiroler ständig neu aufgeworfen wird.

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