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Südtirol: „Deutsche“ oder „österreichische“ Minderheit?

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Autonomiepolitische Debatten werfen in Südtirol grobe Mängel in Bezug auf die richtige Einordnung der Begriffe Staat und Nation auf. Der Begriff der „österreichischen Minderheit“ anstatt einer „deutschen Minderheit“ als kulturelle Kategorie ist politisch fragwürdig.

Ob die deutschen Südtiroler eine „deutsche“ oder „österreichische“ Minderheit sein sollen – oder gemäß Personalausweis sogar „Italiener“ – ist keine Debatte zweiter oder dritter Ordnung, sondern – im autonomiepolitischen Kontext und nicht zuletzt mit Bezug zur Selbstbestimmung – eine Frage von primärer Relevanz. Während sich Italiener ganz selbstverständlich als „Italiener“ bezeichnen – und dadurch im Vorteil sind -, beginnt im Deutschen die Frage nach der eigenen Identität ständig neu.

In diesem Sinne bringt es Nietzsche auf den Punkt: „Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage ‚was ist deutsch‘ niemals ausstirbt.“

Wer „österreichische“ Minderheit sagt, bezieht sich auf etwas Staatliches, und könnte, um beim Staatlichen zu bleiben, genauso gut „Italiener“ sagen. Die Zugehörigkeit Südtirols zu Italien war zwar unfreiwillig, die Zugehörigkeit zur Republik Österreich gewünscht, doch die Zugehörigkeit zur Republik Österreich niemals Fakt.

Die Fragestellung, was eine „Nation“ überhaupt ist, ist entscheidend. Nach französischem Vorbild ist die „Nation“ eine Staatsnation und besteht infolgedessen in einer Gleichsetzung von Staat, Nation und Volk. In diesem Sinne haben Minderheiten und regionale Unterschiede in der Nation und im Staatsvolk aufzugehen. Im Deutschen wird der Begriff der Nation seit der Romantik hingegen verwendet, um eine kulturelle Einheit aller Deutschen zu bezeichnen oder zumindest all jener, die sich als solche verstehen, was noch lange keine politische Dimension ist, dazu gibt es den Begriff des Nationalstaates. Demgegenüber basiert die Schweiz im Wesentlichen auf dem Prinzip einer politischen Willensnation, die nicht auf gemeinsamen ethnischen, sprachlichen oder religiösen Merkmalen, sondern auf dem gemeinsamen politischen Willen zur politischen Einheit gründet.

Die „österreichische Nation“ erfüllt die Definition einer kulturellen Nation nicht, auch nicht jene einer Staatsnation nach französischem Vorbild, sondern ist vielmehr ein Staat, aus dem selbstverständlich eine staatliche Identität resultiert und in dem sich eine regionale Identität manifestiert.

Spricht man von den „Südtirolern“ und wird nach einer kulturellen Definition gefragt, so erweist sich der Staat Österreich nicht als das wesentliche Identifikationsmerkmal. Die „deutschen Sprachinseln“ stellen keine „österreichischen Sprachinseln“ dar, weil es eine „österreichische Sprache“ nicht gibt, wir sprechen auch nicht von „österreichischen Minderheiten“ in Osteuropa, sondern von „deutschen Minderheiten“, und die Südtiroler stellen eine deutsche Volksgruppe dar, die – natürlich – Österreich als ihren politischen Referenzstaat und als politisches „Vaterland“ erachtet.

Wie die Geschichte zeigt, ist die „österreichische Nation“ als Identifikationsinstanz eine relativ späte Angelegenheit.

Zum Kaiserreich Österreich gehörten allerlei Volksgruppen, die diese – heute – noch lange nicht zu „Österreichern“ machen. Der Schriftsteller Robert Musil hält im „Mann ohne Eigenschaften“ fest: „Fragte man einen Österreicher, was er sei, so konnte er natürlich nicht antworten: Ich bin einer aus den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern, die es nicht gibt, – und er zog es schon aus diesem Grunde vor, zu sagen: Ich bin ein Pole, Tscheche, Italiener, Friauler, Ladiner, Slowene, Kroate, Serbe, Slowake, Ruthene oder Wallache, und das war der sogenannte Nationalismus.“

So, wie man sich im Kaiserreich Österreich als Pole, Tscheche, Italiener, Friauler, Ladiner, Slowene, Kroate, Serbe, Slowake, Ruthene oder Wallache definierte, definierte man sich auch als „Deutscher“. Aufgrund der zunehmend politischen Dimension, die das Deutschbewusstsein im Laufe des 19. Jahrhunderts einnahm, wurde dieses innerhalb des österreichischen Kaiserreichs als „staatsgefährdend“ eingestuft, wenngleich sich die Habsburger selbst als „deutsche Fürsten“ erachteten. Problematisch wurde das Deutschbewusstsein für die Habsburger dann, wenn daraus eine politische Forderung nach einem deutschen Nationalstaat, einer deutschen Republik in Demokratie und Freiheit und als Gegenentwurf zur unfreien Monarchie, entwuchs.

Für die Deutschnationalen war evident, dass die „Deutschen“ den österreichischen Herrschern zunehmend unwichtig wurden, sodass in den Grenzgebieten die Organisation in allerlei Vereinen zur Erhaltung des Deutschtums notwendig wurde. Für die Klerikalen war das Deutschbewusstsein hingegen ein Synonym für den Protestantismus und war alleine deshalb zu bekämpfen. Während sich die Deutschfreiheitlichen im „Tiroler Kulturkampf“ am Ende des 19. Jahrhunderts mit Deutschbewusstsein identifizierten, bekannten sich die Klerikal-Konservativen zunehmend zu Habsburg, Papsttum und Österreich.

Datiert man die Geburtsstunde der „deutschen Nation“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts im deutschen Freiheitskampf gegen Napoleon und im Freikorps von Lützow, dann waren die Tiroler als „Tiroler Kompanie“ von Anfang an dabei.

Österreichs Identität ist untrennbar mit der deutschen Identität verbunden. Das österreichische Fürstenhaus der Habsburger besaß ab 1438 bis zum Ende des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ fast durchgehend die deutsch-römische Kaiserwürde und lenkte somit die Geschicke des „Deutschen Reiches“ entscheidend. 

Der Nachfolger des „Römischen Reiches Deutscher Nation“ war der „Deutsche Bund“, welcher auf dem Wiener Kongress 1815 gegründet wurde und dem rund 39 Mitglieder angehörten. Er war ein loser Staatenbund, dessen Vorsitz Österreich bis 1866 inne hatte. Im Jahre 1866 kam es in der Folge zum deutsch-deutschen Krieg zwischen Preußen und Österreich, da beide um die Vorherrschaft im Deutschen Bund konkurrierten. Die entscheidende Schlacht fiel bei Königgrätz: Preußen setzte sich durch, doch es marschierte nicht Preußen, sondern Österreich unter schwarz-rot-goldener Flagge auf, um den Deutschen Bund gegen Preußen zu vertreten. 

Im 19. Jahrhundert entsprang die Idee einer „Deutschen Nation“, welche an den Gegensätzen zwischen Preußen und Österreich scheiterte. Mit der Gründung des „(Klein)Deutschen Reiches“ im Jahre 1871 ohne Österreich betrachteten sich die Österreicher nicht als eigene Nationalität, sondern als die „besseren“ Deutschen und hielten die Idee der Deutschen Nation weiterhin aufrecht. 

Mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg nutzen die Österreicher die Situation aus: Mit dem Zerfall der zunehmend ungeliebten Monarchie, in welcher man den Deutschen vormachte, sie müssten den Vielvölkerstaat für einen höher stehenden Nutzen – faktisch für die dynastischen Interessen Habsburgs – weiterhin aufrechterhalten, wurde ein deutscher Nationalstaat realistisch. „Österreich“ wurde im politischen Spektrum als Relikt der Vergangenheit gewertet.

Alle österreichischen Parteien, allen voran die Sozialdemokratie, bekundeten in der Ersten Republik ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volk und den Wunsch eines gemeinsamen Staates. Das „Anschlussverbot“ wurde von den politischen Parteien Österreichs unter Bezugnahme auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker abgelehnt.

Der sozialdemokratische Staatskanzler Dr. Karl Renner bekundete am 24. April 1919 in der Deutschösterreichischen Nationalversammlung: „Die deutsche Nation, deren integrierter Bestandteil wir Deutschösterreicher sind, zimmert sich heut in Not und Drang ein neues Haus… Wir haben Interesse, unsere künftige Stellung in der Gemeinschaft aller deutschen Stämme zu wahren… und zu beurkunden, dass die Gemeinschaft der Sprache, des Blutes und der Kultur stärker ist als der vorübergehende Zufallswellenschlag der Tagesereignisse.“

Bereits zuvor wurde, im November 1918 durch den Deutschfreiheitlichen Julius Perarhoner die Republik Deutsch-Südtirol ausgerufen. 1919 schlossen sich schließlich Tiroler Volkspartei und die Deutschfreiheitliche Partei Südtirols zum „Deutschen Verband“ zusammen, während die Sozialdemokraten in Südtirol lieber mit den italienischen Sozialisten die „Internationale“ zelebrierten.

Selbst nach Ausschaltung des Parlaments unter dem klerikal-konservativen Kanzler Engelbert Dollfuß 1933, dem so genannten „Austrofaschismus“, wurde Österreich als „christlichen, deutscher Bundesstaat auf ständischer Grundlage“ aufgefasst, grenzte sich jedoch politisch von Deutschland ab, verstand sich als das „bessere“ Deutschland.

Eine „österreichische Nation“ wurde vereinzelt forciert. Einerseits durch Legitimisten, die die Monarchie als einzige legitime Herrschaftsform verstanden. Der Legitimist und Soziologe Ernst Karl Winter, der von 1934 bis 1936 Vizebürgermeister war, bekundete, dass für eine österreichische Staatlichkeit eine österreichische Identität notwendig sei. Im Sinne einer österreichischen Nation wirkten allerdings auch Teile der Kommunistischen Partei Österreichs mit Alfred Klahr. Klahr arbeitet in Moskau im Rahmen der Kommunistischen Internationale (Komintern), dem internationalen Zusammenschluss kommunistischer Parteien, mit und prägte den Begriff der „österreichischen Nation“. Zudem entstand rund um die Paneuropa-Bewegung durch Richard Coudenhove-Kalergi 1934 der Begriff der Nation Österreich. Aber auch innerhalb der christlichsozialen, paramilitärischen „Heimwehr“ wurde bereits 1934 durch den in Untermais geborenen Richard Steidle ein „österreichisches Selbstbewusstsein“ verlangt.

Erst 1938 wurde die Deutsche Nation „unter den denkbar ungünstigsten Voraussetzungen“ verwirklicht [2]. Daraus folgend vollzog sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Übergang in eine Zeit, in welcher das „Nicht-Deutsch-Sein“ und das „Nie-Deutsch-Gewesen-Sein“ eine (opportunistische) Strategie wurde. Zur Etablierung eines österreichischen Staatsbewusstseins hatte wahrscheinlich der Staatsvertrag 1955 wesentlich beigetragen.

Selbstverständlich gibt es heute eine „österreichische Identität“ als regionale Identität und als staatliche Identität. Diese allerdings als eigenständige kulturelle Identität zu werten, ist wenig nachvollziehbar. Die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Salzburg und München sind größer als die Gemeinsamkeiten zwischen München und Berlin und vielleicht auch größer als jene zwischen Innsbruck und Wien.

Die so genannten „Deutschen“ entstehen kulturell aus gleich mehreren Stämmen, sodass sich die deutsche Identität im Rahmen einer wechselvollen Geschichte, im Wesentlichen aber durch die Romantik und den deutschen Freiheitskampf, entwickelt hat.

Insofern sich österreichische Staatsbürger als „Bosnier“ deklarieren können, kann sich ein österreichischer Staatsbürger mit gleichem Recht als „Deutscher“ identifizieren, sowohl im österreichischen Kaiserreich als auch innerhalb der heutigen Republik Österreich. Das impliziert noch lange keine politische Programmatik.

Der „Pariser Vertrag“, der einen völkerrechtlichen Vertrag zwischen der Republik Österreich und der Republik Italien darstellt, impliziert zwar eine „Schutzmacht“ Österreich sowie die politische Verantwortlichkeit Österreichs, spricht allerdings in keinem Wort von einer „österreichischen“ Minderheit, weil dieser Begriff widersinnig wäre, sondern von „deutschsprachigen“ Bewohnern, deutscher Sprache, deutschen Familiennamen und implizit von einer deutschen Volksgruppe.

Die Ladiner wurden im Pariser Vertrag vergessen und werden auch in der vorliegenden Abhandlung nicht berücksichtigt, weil die ladinische Identität eine Angelegenheit der Ladiner ist.

Wie sich jemand identifizieren will, ist letztlich ihm selbst überlassen. Es gibt letztlich aber nachvollziehbarere und weniger nachvollziehbare Identifikationen und inwiefern sich daraus eine politische Relevanz ergeben soll, ist noch einmal eine andere Frage.

Von „österreichischer Minderheit“ zu sprechen und damit eine kulturelle oder fast schon ethnische Kategorie zu meinen, ist eine grobe geschichtliche Unkenntnis und kann nur als direkte Konsequenz einer verspäteten k-u-k-Nostalgie aufgefasst werden, die wenig angebracht ist.

Im Bild: Briefmarke 1919.

Literatur:

[1] Heinz Dieter Pohl: „Österreichische Identität und österreichisches Deutsch“, Kärntner Jahrbuch für Politik, Klagenfurt 1999

[2] Andraes Mölzer: „Österreich und die deutsche Nation“, Aula-Verlag, Graz 1985

[3] Karlheinz Weißmann: „Nation?“ Edition Antaios, Bad Vilbel 2001

3 Antworten zu „Südtirol: „Deutsche“ oder „österreichische“ Minderheit?“

  1. Avatar von Südtirol und der Österreichische Staatsvertrag 1955 – Demanega

    […] musste im Vertrag unter anderem zusichern, niemals einem anderen Staat (Deutschland) beizutreten […]

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  2. Avatar von Jannik Sinner: Sport, Erfolg, Identität – Demanega

    […] auf Sinner. Dass Sinner Südtirol bekannt macht in der Welt. Dass durch Sinner die Frage nach der Identität der Südtiroler ständig neu aufgeworfen […]

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  3. Avatar von Cisleithanien und Transleithanien: Anfang vom Ende Habsburgs – Demanega

    […] Südtirol: „Deutsche“ oder „österreichische“ Minderheit? […]

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