Lust an angreifbaren Positionen, der Eros der Auseinandersetzung, aber auch die Lust am Widerspruch: Daraus ergibt sich die allgemeine Tendenz zum Streit, die nicht zwangsläufig negativ sein muss.
Streit ist faktisch eine Form von Machtabgleich. Unterschiedliche Positionen driften aufeinander. Im Sinne von Carl Schmitt geht es um Freund und Feind oder zumindest um vermeintlich „Richtig“ und vermeintlich „Falsch“. In der Auseinandersetzung zeigt sich, wer sich durchsetzt, oder zumindest für sich selbst, recht behält.
Wer streitet, zweifelt grundsätzlich nicht an sich selbst. Ein Affekt stellt die eigene Gewissheit gegen eine andere Gewissheit in eine kämpferische Stellung. Zum Streit bedarf es der Selbstgewissheit, zumindest die Gewissheit über die eigenen Interessen, sowie – in der Folge – einer aggressiven Energie, die auch defensiven Charakter haben kann und verdeutlicht: Bis hier hin und nicht weiter. Nur, wer sich im Ernstfall wehrt, sichert seine Freiheit.
Polemik ist ein scharfer Meinungsstreit abseits der Sachlichkeit, die Verkürzung auf Emotionen und die gezielte Polarisierung. Aus einem Affekt heraus wird eine argumentative Waffe gegen den anderen geschürt.
Streiten ist grundsätzlich eine psychologisch negative Erfahrung. In jedem Menschen ruht ein Todestrieb. Streit ist kein Diskurs. Streiten kommt von Kämpfen und kann in reale Gewalt umschlagen. Es sind ein Eskalationsprozess – und in der Folge – ein Destruktionsprozess möglich.
Dass wir in unserer post-heroischen und spät-pazifistischen Gesellschaftsform lieber von Diskurs statt von Streit sprechen, liegt auf der Hand.
Jürgen Habermas erachtet den „herrschaftsfreien“ Diskurs als einen wechselseitigen Prozess der Perspektivenübernahme im Sinne einer Konsensualisierung. Die Diskutierenden würden laut Habermas im Diskurs das Gemeinsame rationell entdecken. Vielleicht. Die Vorstellung ist naiv und geht von Idealisierungen aus, die es reell nicht gibt. Wertsetzungen schließen sich in der Wirklichkeit gegenseitig aus, sind unüberwindbar,ein Kompromiss ist vielfach weder denkbar noch gewollt.
Geopolitik ist im Sinne neorealistischer Perspektiven der beste Beweis einer auf Auseinandersetzung beruhenden Weltordnung.
Wenn Streiten nicht auf Konsens ausgerichtet ist, sondern auf das Schüren von Differenzen, ist die Eskalation nicht weit.
Nähe schützt nicht grundsätzlich vor Verletzung, ganz im Gegenteil. Während gegenüber dem Fremden eine natürliche Distanz gegeben ist, die in Bezug auf zahlreiche Emotionen sprichwörtlich „kalt“ lässt, gehen aus Nähe und Intimbeziehungen Kränkungen und Verletzungen aus. Zwei Mechanismen, die dabei wirken, sind: Die Verallgemeinerung („immer das gleiche mit Dir“, „das war mir bei Dir von Anfang an klar“), sowie das Herauspicken von Kleinigkeiten, die zu vermeintlichen Problemen hochgeschaukelt werden. Daraus ergeben sich fatale Konsequenzen.
Indem der jeweils andere hinterhältigen Angriffen ausgesetzt ist und einen Todestrieb real erfährt, ergeben sich notgedrungen Eskalationsspiralen. Vielfach sind Angriffe, die unter die Gürtellinie gehen, aber auch die Konsequenz unerwiderter Liebe und Wertschätzung und daraus folgender Kränkung.
Streit ist faktisch unerlässlich, aber in geordnete Bahnen zu lenken. Die Lust zur Auseinandersetzung ist grundsätzlich positiv zu nutzen. Ist so etwas, wie eine Strategie vorhanden, die nicht auf Eskalation und Destruktion, sondern auf konkrete Ergebnisverfolgung hinausläuft, wird sich der Verstand regulativ einschalten und das Destruktive eingrenzen.
Streit kann infolgedessen konstruktiv oder destruktiv, fair oder hinterhältig sein. Letztlich geht der destruktive „Streithansl“ an sich selbst zugrunde, während der Wille zum Ergebnis die Unterscheidung von Menschen und Problemen; die Unterscheidung von Interessen und Positionen; das Erarbeiten von vorteilhaften Optionen sowie das Erreichen von realen Ergebnissen bedingt.
Literatur:
[1] Svenja Flaßpöhler: „Streiten“, Hanser Verlag, München 2024


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