„Das Äußere ist ein in Geheimniszustand erhobenes Innere“ schreibt Novalis und bezieht sich damit auf den engen Konnex zwischen innerem Zustand und der Äußerlichkeit. Stil bezeichnet den Zusammenhang zwischen einem inneren Anspruch und dem äußeren Gebärden.
Spätestens mit Renaissance und Barock sollte erkannt werden, dass das „dunkle“ Mittelalter mit seiner christlichen Kontemplation die Dimensionen des Menschseins nicht umfasssend auszudrücken vermochte.
Der Humanismus vollzieht die Hinwendung zum Menschen. Der deutsche Philosoph Ernst Bloch schreibt zum Wesen und Wirken der Renaissance in Italien: „Das Land, worin dergleichen beginnt, ist nun mit ökonomischem Grund Italien. Es ist auch das Land, in dem die heidnische Antike, die von der mittelalterlichen Gesellschaft überwunden worden war, überall noch herumstand und nirgends ganz vergessen wurde, sodass eine Anknüpfung an die heidnische Welt, die Welt des Diesseits, am leichtesten möglich war“ [2].
Im Übergang zum Barock erahnt Massimo Listeri ein Infragestellen des rationalistischen Weltbildes, wie es in der Renaissance noch zentral war. Das 16. Jahrhundert war ein ereignisreiches Jahrhundert in Europa: „Diese Umstände bewirkten eine allgemeine Verunsicherung, die sich auch in der Geistesgeschichte der Zeit niederschlug (…) Die Gewissheit des Menschen, im Mittelpunkt des Universums zu stehen und den Kosmos zu begreifen, die die großartigen Entwicklungen der Renaissance getragen hatte, war verloren. Eine Reaktion darauf war, dass die Natur als Grundlage des Lebens mit ihren auch beängstigenden, nicht zu beherrschenden Kräften zu einem wichtigen Gedanken und beispielsweise in der Gartenkunst zum dominierenden Element wurde“ schreibt Massimo Listeri [2].
Geistesgeschichtlich stellt Nietzsche zwei Ordnungen aneinander: Die dionysische und die apollonische. Dionysos, der Gott der Lust und des Rausches, steht – glaubt man Nietzsche – am Anfang der griechischen Geschichte. Dionysos ist allerdings auch der Gott des Wahnsinns, womit auch schon die andere Seite der Medaille und damit jene schrecklichen Abgründe begründet sind, die sich immer wieder gemeinsam mit dem rauschvollen Zustand eröffnen. Dionysos steht für die Verbindung mit der Natur und ihren Kräften. Nietzsche nennt diese Welt „barbarisch“.
Demgegenüber steht Apollo als Gott der Reinigung, der Mäßigung und der Künste. Nietzsche sieht in der dorischen Ordnung die Fortsetzung des Apollinischen: „Ich vermag nämlich den dorischen Staat und die dorische Kunst mir nur als ein fortgesetztes Kriegslager des Apollinischen zu erklären: Nur in einem unausgesetzten Widerstreben gegen das titanisch-barbarische Wesen des Dionysischen konnte eine so trotzig-spröde, mit Bollwerken umschlossene Kunst, eine so kriegsgemäße und herbe Erziehung, ein so grausames und rücksichtsloses Staatswesen von langer Dauer sein“.
Gottfried Benn, der im Übrigen 1934 der Meinung ist, dass der antike Kulturkreis noch nicht abgeschlossen sei, sieht im Dorisch-Apollinischen und in Sparta „die große züchtende Kraft“, die die orgiastischen und rauschhaften Züge der Griechen beendete. Benn sieht in Macht und Kunst die beiden „großen Spontangewalten der antiken Gemeinschaft“, weshalb die öffentlichen Einrichtungen in dem gleichen Augenblick entstanden, wie der vollkommene Körper in Form der antiken Plastik.
Gottfried Benns Geisteswelt der dorischen Ordnung vollzieht sich in Gebilden, die sich nicht nur politisch und im Recht, sondern auch ästhetisch niederschlagen.
Grundsätzlich muss es zwischen der dionysischen und der apollinischen Welt wohl einen Ausgleich geben, weil beide Konzeptionen schlussendlich mit Dramatik enden. Vielleicht übernimmt diesen Ausgleich die sokratische Welt, in welche Nietzsche die Erkenntnis hineinprojiziert. Nach dem dionysischen Rausch folgt nämlich die schmerzhafte Ausnüchterung.
„Dionysos ist der Festherr, der Führer der Festzüge. Wenn Hölderlin ihn als Gemeingeist anspricht, ist das so zu verstehen, daß auch die Toten zur Gemeinde zählen, ja gerade sie. Das ist der Schimmer, der das dionysische Fest umhüllt, die tiefste Quelle der Heiterkeit. Die Pforten des Totenreiches werden weit aufgestoßen, und goldener Überfluß quillt hervor. Das ist der Sinn der Rebe, in der Erd- und Sonnenkräfte sich vereinen, der Masken, der großen Verwandlung und Wiederkehr“ schreibt Ernst Jünger im Waldgang.


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