Solange die Habsburger in Tirol regierten, war Michael Gaismair verfemt. Gaismair stand mit seinem politischem Programm den Herrschenden aufseiten von Krone und Kirche diametral entgegen. Bis heute hin ist Michael Gaismair in Tirol und Südtirol allgemein wenig geläufig und steht im Schatten Andreas Hofers. Das alles ist kein Zufall.
Mit Michael Gaismair, der 1490 in Sterzing zur Welt kam, erfasste der Große Deutsche Bauernkrieg die Alpen. Gaismair war der intellektuelle Kopf der deutschen Bauernbewegung.
Die Bauern litten im 16. Jahrhundert unter der Last von Abgaben und Frondiensten, die sie an die Grundherren, Klöster und Adligen leisten mussten. Die Praxis der „Herrenrechte“, zum Beispiel Jagdrechte und Fischerei, schränkte die Lebensgrundlage der Bauern ein.
Auch in Tirol hatten sich seit der Jahrhundertwende die sozialen Verhältnisse radikal verschlechtert. Die demokratische Tradition des Landes bestand höchstens auf dem Papier, der wirtschaftliche Druck war extrem. Missstände in Verwaltung und Gerichtswesen standen auf der Tagesordnung. Die Willkür der Beamten und Geistlichen war erdrückend. Die Kirche kam elementaren Aufgaben nicht ansatzweise nach, sondern vergnügte sich im Ausleben ihrer weltlichen Macht und irdischer Sünden. Brüchig wurde in der Folge auch der Glaube an die Rechtmäßigkeit der kirchlich postulierten Gesellschaftsordnung. Hinzu kam die Geldentwertung.
Mit dem Gedankengut der Reformation verbreitete sich nach Martin Luther das Bewusstsein der „individuellen Freiheit“ des Christen und nach Thomas Müntzer die Idee von der Berechtigung zum Widerstand gegen eine ungerechte Regierung.
Die Bauern leisteten Widerstand. Der Antholzer Peter Paßler sammelte Räuberrebellen um sich. Man nahm sich, wie bei Robin Hood, was einem (scheinbar) zustand.
Im Gericht Brixen war die Situation besonders schlecht. Der Bischof von Brixen herrschte als weltlicher Grundeigentümer drückend. Michael Gaismair, Sohn eines wohlhabenden Bauers, Wegebauers und Bergbauunternehmers, stand als Schreiber und Sekretär im Dienste des Tiroler Landeshauptmanns Leonhard von Völs und später des Fürstbischofs von Brixen, der ein Reichsfürst war. Demgemäß gewann Gaismair Einnlick in die politischen Verhältnisse und erkannte die Missstände.
Im Frühjahr 1525 drangen Nachrichten von der Ausbreitung des deutschen Bauernkrieges nach Tirol durch. Bauern und Bürger griffen gemeinsam zu den Waffen. Peter Paßler, der in Brixen gefangen gehalten wurde, wurde befreit, die Bischofsstadt besetzt und das geistliche Regiment vertrieben. Michael Gaismair wurde zum wichtigsten politischen Kopf des Widerstandes und war in weiser politischer Voraussicht an einer starken Verhandlungsposition gegenüber der landesfürstlichen Regierung interessiert. Infolgedessen wurde er zum „obersten Feldhauptmann“ gewählt. Im Fürstbistum Brixen übernahmen die Aufständischen die Macht.
Während sich die Revolution südlich des Brenners weiter ausbreitete, wusste der Landesfürst Erzherzog Ferdinand I. die politischen Vertreter nördlich des Brenners an sich zu binden.
Eine friedliche Lösung des Konflikts schien realistisch, als Erzherzog Ferdinand in Innsbruck im Juni 1525 einen großen Landtag einberief, auch „Bauernlandtag“ genannt. Der Landesfürst konnte in langwierigen Verhandlungen Kompromisse finden. Faktisch handelte es sich um taktische Manöver, die darauf aus waren, die Revolution abflachen zu lassen. Gaismair verweigerte den Treueeid vor den Gesandten des Fürsten und wollte die Brixner Bauernversammlung über die Landtagsbeschlüsse abstimmen lassen.
Gaismair wurde in der Folge nach Innsbruck eingeladen, tappte in die Falle und wurde festgenommen. Der Landesfürst nahm die erzielten politischen Kompromisse zurück und ließ Söldner auf die Rebellen im Brixner Raum und in Welschtirol ansetzen. Es folgten grausame Strafgerichte. Michael Gaismair konnte in die Schweiz flüchten, von wo aus er einen Einfall in Tirol plante.
Michael Gaismair verkündete im Mai 1526 ein Reformprogramm, die „Gaismairsche Landesordnung“, die die folgenden Punkte beinhaltete:
- Abschaffung des Feudalsystems
- Abbau von Privilegien von Adel und Kirche
- Abschaffung der weltlichen Macht der Kirche
- Gleichheit vor dem Gesetz
- Wahl der Richter
- Wahl der Regierung
- Gemeinschaftsbesitz
Grudsätzlich wollte Gaismair eine Republik in Form einer Art „Bauernrepublik“ verwirklicht sehen.
Gaismair wurde vom Reformer zunehmend zum politischen Rebellen und militärischen Anführer. Er unterstützte aufständische Bewegungen in deutschen Ländern, musste letztlich allerdings nach Venedig flüchten, wo er sich als Söldner in den Italienischen Kriegen betätigte, ohne den Glauben an einen späteren Einfall in Tirol aufzugeben. Als Venedig 1529 einen Frieden mit Habsburg schloss, zog sich Gaismair resigniert nach Padua zurück.
Nach mehreren misslungenen Mordversuchen wurde Michael Gaismair letztlich 1532 in Padua durch Meuchelmörder ermordet. Erzherzog Ferdinand I., Tiroler Landesherr und späterer deutsch-römischer Kaiser, ordnete die Ermordung an.
Literatur:
[1] Michael Forcher: „Michael Gaismair Das Leben des Tiroler Bauernführers (1490-1532) und sein revolutionäres Gesellschaftsmodell“, Haymon Verlag, Innsbruck 2020
[2] Hans Benedikter: „Rebell im Land Tirol“, Europa Verlag, Wien 1970


Hinterlasse einen Kommentar