Ganze Organisationen gehen daran zugrunde, dass das Führungspersonal weder führen kann, noch sich dessen bewusst ist, was führen ist, sondern in Selbstüberschätzung und mangelhafter Reflexionsfähigkeit den Karren sprichwörtlich an die Wand fährt.
Führen bedeutet ja auch, sich aller Konsequenzen bewusst zu sein, die schlechtes Führen und Verwalten zur Folge haben werden. Dazu sind intellektuelle Fähigkeiten natürlich unerlässlich sowie die Fähigkeit, Szenarien mittel- und langfristig abzuschätzen.
Führungslosigkeit ist real spürbar: Es herrschen chaotische Verhältnisse vor, es gibt keine Richtung und keine Strategie, Unsicherheit und mangelndes Selbstbewusstsein sind omnipräsent, eine klareAgenda wird gemieden, Verantwortung wird gegeneinander zugeschoben, „schuld“ sind ohnehin immer die „anderen“.
Wo Haltung und Werte fehlen, sollen Intrigen weiterhelfen; zumindest eine Zeit lang. Das Zuweisen der Schuld an die „anderen“ ist ein zweischneidiges Schwert: Erstens werden dadurch Probleme größer und zweitens gibt man den „anderen“ dadurch Macht, die letztlich fatal ist.
Beliebt ist im Sinne mangelhafter Fähigkeit, zu führen, sowie mangelhafter Führungseigenschaften die Verantwortungsabgabe an die Organisation selbst: Man sei durch die Dynamiken und Entscheidungen von Organisationen in der Führung gebunden. Trifft dieses Argumentationsmuster zu, ist „führen“ ohnehin nur noch das Verwalten der (schlechten) Angewohnheiten und Umstände, wozu grundsätzlich auch ein Besenstil oder eine Vogelscheuche in der Lage wären.
Wird nicht mehr geführt, dann bestimmen die Umstände und nicht mehr aktive Persönlichkeiten mit der Fähigkeit, den Lauf der Dinge zu ändern.
Eine Auseinandersetzung mit Clausewitz tut not.
Carl von Clausewitz, preußischer General und Militärtheoretiker des 19. Jahrhunderts, ist vor allem für sein Werk „Vom Kriege“ bekannt, das tiefe Einsichten in Strategie und Führung bietet.
Strategisches Denken und der Schwerpunkt
Clausewitz betonte die Bedeutung des „Schwerpunktes“ („Center of Gravity“), eines zentralen Elements, das für den Erfolg oder Misserfolg entscheidend ist.
In der modernen Führung bedeutet dies, dass Führungskräfte die Kernbereiche ihres Geschäfts identifizieren und ihre Ressourcen und Anstrengungen darauf konzentrieren sollten. Das Verständnis und die Fokussierung auf das Wesentliche können den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen.
Die Ungewissheit des Krieges und des Geschäftslebens
Clausewitz sprach oft vom „Nebel des Krieges“, der Ungewissheit und Komplexität beschreibt, die in militärischen Operationen auftreten.
Diese Metapher ist auch für moderne Führungskräfte relevant, die in einer Welt operieren, die von Unsicherheiten, schnellen Veränderungen und unvollständigen Informationen geprägt ist.
Eine Führungskraft muss lernen, in solchen Situationen Entscheidungen zu treffen und flexibel auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren. Mutlosigkeit, Richtungslosigkeit und die Angst vor Entscheidungen führen hingegen ins Verderben.
Das Konzept der „Friktion“
Clausewitz führte das Konzept der „Friktion“ ein, das die kleinen, unerwarteten Schwierigkeiten beschreibt, die die Umsetzung eines Plans behindern können.
In der modernen Führung ist es wichtig zu verstehen, dass Hindernisse und Schwierigkeiten immer auftreten werden. Führungskräfte sollten darauf vorbereitet sein und Systeme und Prozesse entwickeln, die flexibel und anpassungsfähig sind, um mit diesen „Reibungen“ umzugehen.
Heute ist von Agilität und Resilienz die Rede.
Der Unterschied zwischen Strategie und Taktik
Clausewitz unterschied klar zwischen Strategie (dem langfristigen Plan, der auf das Endziel ausgerichtet ist) und Taktik (den kurzfristigen Maßnahmen, um einzelne Ziele zu erreichen).
Für moderne Führungskräfte bedeutet dies, dass sie sowohl in der Lage sein müssen, eine langfristige Vision zu entwickeln, als auch kurzfristig taktische Entscheidungen zu treffen, um diese Vision zu verwirklichen.
Heute bleibt vielfach beides aus: Die Strategie mangels klarer Ziele und die Taktik mangels Bezug zur Wirklichkeit.
Der moralische und psychologische Aspekt der Führung
Clausewitz erkannte die Bedeutung von moralischen und psychologischen Faktoren im Krieg. Übertragen auf die moderne Führung bedeutet dies, dass die Moral und Motivation des Teams von entscheidender Bedeutung sind.
Ganze Organisationen gehen an mangelnder Moral zugrunde.
Führungskräfte sollten die Kultur und das Wohlbefinden ihres Teams aktiv pflegen, um eine hohe Leistungsfähigkeit zu gewährleisten und die Ziele klar kommunizieren, die für alle einen Mehrwert bringen.
Mut zur Entscheidung
Eine der zentralen Thesen von Clausewitz ist, dass Entscheidungskraft und Entschlussfähigkeit entscheidend für den Erfolg sind.
Führungskräfte müssen in der Lage sein, auch unter Unsicherheit und Druck klare Entscheidungen zu treffen. Dieser Mut zur Entscheidung wird in Krisenzeiten den Unterschied ausmachen.
Wo nicht entschieden wird und Entscheidungen auf andere Gremien abgewälzt werden, findet weder im Militärischen noch im Zivilen eine Führung statt.
Die „Einheit der Anstrengung“
Clausewitz betont, dass alle Teile einer Organisation zusammenarbeiten müssen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.
In der modernen Führung ist es wichtig, alle Abteilungen und Teams auf eine gemeinsame Vision auszurichten, um Synergien zu schaffen und die Effektivität der Organisation zu maximieren.
Abgesehen davon geht es um Emgagement, damit lauter Einzelne sich als Mannschaft verstehen. Das und nichts anderes ist Führung.
Der kontinuierliche Lernprozess
Clausewitz betrachtet Krieg als eine Kunst, die ständige Weiterbildung und Anpassung erfordert.
Ebenso ist moderne Führung ein Bereich, in dem kontinuierliches Lernen, Anpassung und Verbesserung notwendig sind, um erfolgreich zu sein. Der Blick nach außen und in die Welt demonstriert nicht Schwäche, sondern Intelligenz und Agilität.
Führungskräfte sollten offen für neue Ideen und Ansätze sein und stets bestrebt sein, ihre Fähigkeiten und ihr Wissen zu erweitern sowie die eigenen Ziele mittels neuartiger Methoden und Herangehensweisen zu erreichen.
Demgegenüber wird „Führung“ häufig nur nominell aufgefasst: Ich führe, weil ich über den Titel verfüge. Wahrhaft führen baut hingegen auf Kompetenzen, Eigenschaften und Führungsverantwortung auf. Daran mangelt es überall. Führen ist dann nur noch die Befriedigung des eigenen gekränkten Egos und führt direkt an die Wand. Ist vermeidbar, allerdings nur mit Bewusstsein für Führung.
Literatur:
Claus von Clausewitz: „Vom Kriege“, Ferdinand Dümmler, Berlin 1832


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